Büroalltag Die geheimen Notizen einer Chefsekretärin

Top-Entscheider wie Mehdorn und Ackermann kennt jeder, aber wer kennt ihre Sekretärinnen? Dabei sind Vorzimmerdamen nicht nur Trophäen, Coachs und Animateure - sie sind auch Hüterinnen unfassbarer Geschichten. Eine berichtet jetzt über den alltäglichen Irrsinn im Chef-Büro.


Hamburg – "Geben Sie sich auch optisch so frisch und appetitlich wie der Obstsalat, den Sie servieren", las Katharina Münk vor 20 Jahren in einem Handbuch für Sekretärinnen, als sie ihre Ausbildung machte. Derartige Ratschläge gibt natürlich niemand mehr. Doch die Mentalität, die dahinter steckt, haben viele Chefs auch heute noch verinnerlicht, wenn man Münk glauben darf.

Seit 18 Jahren ist sie Sekretärin, sie war heimisch in den Vorstandsetagen mehrerer deutscher Großunternehmen. Ihre unglaublichsten Erlebnisse schrieb sie auf - unter Pseudonym, weil sie immer noch als Sekretärin arbeitet. "Und morgen bringe ich ihn um!", heißt das Buch, das zum 1. August im Eichborn Verlag erscheint. Es gewährt ungeahnte Einblicke in den täglichen Wahnsinn, der sich hinter den dick gepolsterten Bürotüren deutscher Spitzen-Manager abspielt.

Die Vorzimmerdame ist "lebender Palm Pilot, Coach und Punchingball, Hausdame und Animateur, Therapeutin, Statussymbol, Burgfräulein und beinharte Wärterin", sagt Münk. Sie musste mit ihrem Chef schon darüber verhandeln, ob der Porno-Kanal im Hotel nach einer Dienstreise auf die Spesenliste gehört. Sie wurde Zeugin kindischer Freudesausbrüche beim Sammeln von Flugmeilen oder beim Kauf eines neuen Palm-Pilotes. Sie übernahm stillschweigend das Synchronisieren, weil der stolze Besitzer mit der Technik vollkommen überfordert war. Einer ihrer Ex-Chefs ließ Münk die Unternehmensleiterin einer großen Autovermietung persönlich anrufen, um für seine "Vater-Sohn-Ferien" einen Wagen gratis zu bekommen. Ein anderer habe auf der Suche nach einem standesgemäßen Fußbodenbelag einen afghanischen Händler täglich einen anderen Teppich ausrollen lassen, mokiert sich Münk mit ihrem beißenden Spott. Zur Probe, um zu sehen, "mit welchem Muster wir uns am wohlsten fühlen".

Büro-Idyll: Gut gelaunter Chef, glückliche Sekretärin

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Selbstverliebt, neurotisch und stets auf der Suche nach Anerkennung, so beschreibt Münk viele ihrer ehemaligen Arbeitgeber. Die Rolle des Top-Entscheiders mit chronischer Zeitnot werde oft bis ins kleinste Detail inszeniert - bis hin zum demonstrativen Handy-Anruf aus dem Urlaub. Der diene allein dazu, der Gattin die Bedeutung des Ehemanns noch mal zu demonstrieren. Und der Sekretärin im Büro das Geräusch der Brandung vorzuführen.

Vor der Vorzimmerdame ließen viele Chefs sämtliche Hemmungen fallen, erklärt Münk. Manager ständen eben derart unter Strom, "dass der Rest an authentischer Menschlichkeit in homöopathischen Dosen allenfalls noch der Familie zugute kommt". Oder der Presse, wenn sie denn in der Nähe ist. Im Büro lasse der gestresste Geschäftsmann seinen Manien und Launen oft schamlos freien Lauf. "Wie beim Urzeitmenschen, der seine Beeren pflückende Frau nicht mehr wahrnahm, wenn er Auge in Auge mit dem Säbelzahntiger stand."

Ungeniert werde an abgebissenen Fingernägeln herumgelutscht, Briefe würden mit mehreren Keksen im Mund diktiert. Ohnehin - der Süßigkeitenteller im Vorzimmer. Ein Chef habe sich in harten Stress-Phasen gern drei Täfelchen After Eight gleichzeitig eingeschoben. "Inklusive Tütchen, das noch am mittleren hing." Der Kampf gegen den "Waschbärenbauch" wurde einmal jährlich eitel in Szene gesetzt: Die Radikal-Diät bot reichlich Stoff für Gespräche zum Thema Willensstärke. "Einmal im Jahr auf Null. Schrotkur. Eine echte Herausforderung für jeden harten Kerl, für den ganz radikalen Macher."

So manches Mal erscheint die Vorzimmerdame, die Münk da beschreibt, als eine Art gut gebildete, repräsentative Leibeigene, die auch gern vom gesamten Clan des Chefs drangsaliert wird. Sie habe schon die Hockey-Trainingszeiten der Sprösslinge in Excel-Tabelle übertragen und für die Gattin den Termin zur Krampfader-Verödung klar gemacht, berichtet Münk. An Weihnachten sei der Chauffeur mit der Geschenkeliste losgeschickt worden, während sie die Außenlichterkette für das Ferienhaus in Colorado besorgte.

Man mag oft nicht glauben, was Münk da für Geschichten erzählt. Einmal etwa habe es in einem Textilunternehmen einen Eklat gegeben, nur weil sie nach dem Wechseln der Papierhandtücher auf der Toilette den kleinen Schlüssel im Spender stecken ließ. Ästhetik fange im Kleinen an, donnerte der damalige Chef daraufhin. Wer Designer-Mode verkaufe, müsse diesem Prinzip auch auf der Toilette treu sein.

"Das ist genauso passiert. Alles ist so passiert", beteuert Münk gegenüber SPIEGEL ONLINE. Hier und da gleichen ihre Ergüsse wütenden Tagebucheinträge, die der Autorin sicher halfen, Dampf abzulassen. Für den Leser sind manche Ausführungen vielleicht ein bisschen zu lang geraten. Andererseits wird so die Frustration einer ehrgeizigen Frau deutlich, die trotz zahlreicher Qualifikationen, dreier Fremdsprachen und dauernder Fortbildungsversuche nicht aus den Grenzen ihres Jobs ausbrechen kann. "Im eigenen Unternehmen ist eine andere Arbeit undenkbar – dafür weiß ich zu viel. Und draußen wird man den Sekretärinnen-Stempel nicht mehr los", sagt Münk. So sei sie immer wieder im Vorzimmer gelandet.

Es gebe dort auch nette Chefs, betont sie. Solche, die ihre Sekretärinnen fördern und ihnen sogar eigene Visitenkarten gönnen. Trotzdem – sie würde den Beruf wohl nicht noch einmal ergreifen. "Am Ende möchte Tarzan nur eins von seiner Jane: Zehn flinke, gepflegte, weibliche Finger vor der PC-Tastatur und eine helle Stimme, die in drei Sprachen 'Ich verbinde' sagen kann."


Katharina Münk: "Und morgen bringe ich ihn um!" Eichborn Verlag; 14,90 Euro.



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