Bundesagentur-Chef Weise "Unsere Vermittler müssen verstehen, wie Firmen ticken"

Seit zweieinhalb Jahren führt Frank-Jürgen Weise die Bundesagentur für Arbeit, nun soll sein Vertrag bis 2012 verlängert werden. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Pläne für die zweite Amtszeit, den schwierigen Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit - und eigene Freunde, die arbeitslos wurden.


SPIEGEL ONLINE: Herr Weise, der Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit (BA) hat gestern vorgeschlagen, Ihren Vertrag bis 2012 zu verlängern. Warum wollen Sie sich diesen undankbaren Job weitere fünf Jahre zumuten?

Weise: Wir haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass man selbst mit einer hochkomplexen Aufgabe wie dem Umbau der Bundesagentur Erfolg haben kann. Allerdings ist die Arbeit noch nicht zu Ende gebracht. Und ohne übermütig zu sein: Die Weiterentwicklung ist zum Teil auch an meine Person gebunden. Wir haben einen Auftrag der Politik und ich stehe für eine bestimmte Richtung, einen Führungsstil.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten auch alternative Job-Angebote aus der Privatwirtschaft - und ein Unternehmen wäre sicher viel leichter zu führen als der Apparat BA mit seinen gut 90.000 Mitarbeitern.

BA-Vorstandschef Weise (bei der Verkündung der Arbeitslosenzahlen): "Es gibt immer noch Mitarbeiter, die sich für den Einzelfall nicht so einsetzen, wie ich das will"
DPA

BA-Vorstandschef Weise (bei der Verkündung der Arbeitslosenzahlen): "Es gibt immer noch Mitarbeiter, die sich für den Einzelfall nicht so einsetzen, wie ich das will"

Weise: Es gab auch Gespräche mit Unternehmen, um nicht abhängig zu sein von diesem Posten, von der Politik. Zu meiner Freude hat der Arbeitsminister Franz Müntefering aber im Sommer schnell und deutlich erklärt, er finde meine Arbeit bei der BA gut. Ich habe mir persönlich gewünscht, eine solch große Organisation zu führen. Und ich will nicht gerade jetzt abtreten, wo wir erste Erfolge haben und sehr gute Zahlen, die, wenn man ehrlich ist, nicht alle selbst verdient sind.

SPIEGEL ONLINE: Welche Zahlen meinen Sie da?

Weise: Die BA wird ja 2006 zum ersten Mal seit 1987 einen Überschuss machen - inzwischen halten wir bei günstigen Eckdaten eine Summe von mehr als zehn Milliarden Euro für möglich. Das ist zum Teil durch die unerwartet gute Konjunktur bedingt - und die Tatsache, dass die Arbeitgeber wegen einer Umstellung in diesem Jahr nicht 12, sondern 13 Mal in die Versicherung einzahlen. Ab dem kommenden Jahr wird es insofern wieder schwieriger.

Man muss aber auch sagen: Die Arbeitsagenturen haben besser beraten, schneller vermittelt und Mittel sinnvoller eingesetzt als früher - das erklärt die Überschüsse zu einem Drittel. Nun müssen wir diese gute Entwicklung stabilisieren.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie in einem Satz sagen, was Sie als den größten Erfolg Ihrer ersten Amtszeit sehen?

Weise: Ja - in einem langen. Wir haben eine völlige Transparenz der Finanzströme, der Wirkungen der Arbeitsmarktpolitik und der Leistungen der einzelnen Arbeitsagenturen geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Weise: Dass wir die Arbeit der Arbeitsagenturen jetzt vergleichen können: Ist Oldenburg genauso gut wie eine ähnliche Agentur? Das hat früher vollkommen gefehlt – es gab Herrschaftswissen, Fürstentümer, Machtbereiche. Wir haben Abläufe ganz anders organisiert. Die Kunden müssen keine Nummern mehr ziehen, werden persönlich begrüßt.

SPIEGEL ONLINE: Wo hapert es noch?

Weise: Bei der Beratung. Ich spreche immer wieder mit Arbeitslosen und höre, wie es zugeht. Es gibt immer noch Mitarbeiter, die sich für den Einzelfall nicht so einsetzen und verantwortlich fühlen, wie ich das will. Dieses persönliche Engagement ist aber auch die wichtigste Vorsorge gegen Missbrauch von Leistungen. Ich kann diese Änderungen nicht anordnen. Wir gewinnen unsere Mitarbeiter für diese Ideen, wir bringen sie auf diesen Weg. Das muss in den kommenden zwei Jahren passieren.

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie sehr belastet, dass Sie Anfang 2005 und 2006 den Anstieg der Arbeitslosenzahlen über die Marke von fünf Millionen bekannt geben mussten

Weise: Warum denn? Ich habe nicht ganz verstanden, wieso die Zahl diesen Schock ausgelöst hat. Wir hatten die fünf Millionen Arbeitslosen auch vorher. Durch die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe sah man es nur zum ersten Mal direkt in der Statistik. Ich war früher im Controlling - mir ist es lieber, das Problem in seiner ganzen Schrecklichkeit zu kennen, statt es zu verschleiern.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Sie die Fünf-Millionen-Marke in Ihrer zweiten Amtsperiode noch mal erleben?

Weise: Es sind schon manche in Schwierigkeiten geraten, weil sie zu weitreichende Prognosen für den Arbeitsmarkt gewagt haben. Ich kann mich nur auf die Berechnung von Experten berufen – demnach gibt es im kommenden Winter keine fünf Millionen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt ist die Arbeitslosigkeit ja überraschend stark gefallen. Wie lange hält dieser positive Trend noch an?

Weise: Auch 2007 wird es aller Wahrscheinlichkeit nach noch einen Rückgang geben, weil die gute Konjunktur durchschlägt. Aber dieser Abbau wird dann zum Stillstand kommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Weise: Weil von der Konjunktur und der besseren Arbeitsweise der BA vor allem die Bezieher von Arbeitslosengeld I profitieren. Bei den Langzeitarbeitlosen wirkt das alles viel schwächer. Wir haben im Moment 2,9 Millionen Menschen im Arbeitslosengeld II – Jüngere, Ältere, gering Qualifizierte. Darunter sind bestimmt eine Million Menschen, die mit konventioneller Arbeitsmarktpolitik und auch mit viel Bemühen nicht ohne weiteres in Arbeit gebracht werden können.

SPIEGEL ONLINE: Fühlen Sie sich machtlos, wenn Sie an dieses Problem denken?

Weise: Nein - ich habe gar nicht den Anspruch, dieses Gesamtproblem lösen zu können. Sonst wäre ich Politiker geworden. Die Arbeitsmarktpolitik und die BA können nicht alle ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen beheben. Die Arbeitslosigkeit bei gering Qualifizierten und in vielen Regionen im Osten, wo selbst Qualifizierte nichts finden, sind klassische Politikthemen.

SPIEGEL ONLINE: Was sollte die Politik aus Ihrer Sicht tun?

Weise: Sie sollte den Ehrgeiz haben, ehrlich über die Ursachen von Fehlentwicklungen zu sprechen. Sehen Sie sich die Lage bei Jugendlichen an. Wir müssen derzeit per System warten, bis ein 21-Jähriger zu uns kommt und sich arbeitslos meldet. Dann stellen wir fest: Es fehlen Sprachkenntnisse und ganz grundlegende Fähigkeiten. Da stelle ich die Frage: Ist es Aufgabe der Arbeitslosenversicherung, diesen Zustand am Ende zu reparieren oder müsste nicht früher etwas getan werden?

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen Ihre Förderprogramme für arbeitslose Jugendliche kürzen?

Weise: Nein, angesichts der aktuellen Lage können und wollen wir das nicht. Wir als BA geben im Moment sechs Milliarden Euro im Jahr für Jugendliche aus. Langfristig muss man aber fragen, ob sich das bezahlen lässt. Man sollte früher intervenieren, Berufsberatung in die Schule verlegen, weil das billiger und wirksamer ist. Wir müssen den Blick auch stärker auf die Familie und das Umfeld werfen

SPIEGEL ONLINE: Statt solche großen, allgemeinen Themen anzugehen, bastelt die Politik an einem neuen arbeitsmarktpolitischen Instrument – dem Kombilohn für Ältere. Aber einzelne Förderprogramme, die wenig bringen, gibt es für den Arbeitsmarkt doch schon im Dutzend.

Weise: Wir arbeiten zusammen mit dem Arbeitsministerium daran, die sinnlosen Instrumente auszusortieren. Der Kombilohn, sagen die Wissenschaftler, kann aber funktionieren - wenn man ihn richtig formt, wenn er klar und einfach ist und wir am Einzelfall entscheiden können, wer die Förderung bekommt und wer nicht. Das wäre wenigstens mal eine Antwort auf das Problem der Älteren ohne Job und könnte 100.000 Menschen in Arbeit bringen, zumindest zeitweise.

SPIEGEL ONLINE: Kann und muss nicht auch die BA mehr für Langzeitarbeitslose tun? In den dafür zuständigen Jobcentern werde oft miserabel betreut, hieß es in einem Bericht des Bundesrechnungshofes.

Weise: Diese Kritik nehmen wir an. Auch hier hängen wir aber von den politischen Rahmenbedingungen ab. Die Jobcenter betreiben wir ja nicht allein, sondern gemeinsam in Arbeitsgemeinschaften mit den Kommunen. Der Bund zahlt das Geld, er hat Erwartungen an uns – aber auf die konkrete Umsetzung habe ich durch die Konstruktion wenig Einfluss.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb wollen Sie als BA-Chef ein Weisungsrecht für die Jobcenter. Aber viele Kommunen und die CDU lehnen das ab.

Weise: Es geht gar nicht darum, dass ich zum Oberbürgermeister sagen will: Arbeitsmarktpolitik wird so gemacht und nicht anders. Im Zweifelsfall machen wir oft das, was die Kommune will. Wir wollen nur Klarheit in den Kompetenzen. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass in einem Europa, das zu einem Arbeitsmarkt zusammenwächst, Landkreise anfangen, eigene Arbeitgeberservices aufzubauen. Dann kommen allein aus dem Rhein-Main-Gebiet 20 Gemeindevertreter zum Personalchef der Deutschen Bank und sagen: Wir hätten da einen Bewerber für Sie. Das ist nicht professionell.

SPIEGEL ONLINE: Suchen Sie in dieser Frage die Kraftprobe – auch mit der CDU, Ihrer eigenen Partei?

Weise: Es geht mir nur um die Sache. Wir brauchen vergleichbare Kennzahlen. Nur dann können wir erkennen, warum die gleiche Arbeit in der einen Arbeitsgemeinschaft länger dauert, mehr kostet und weniger bringt als in einer anderen. Diese Transparenz haben wir für die Arbeitsagenturen geschaffen, und sie muss auch für die Jobcenter gelten. Da bin ich unbeirrbar.

SPIEGEL ONLINE: Herr Weise - haben Sie eigentlich Freunde und Bekannte, die sich arbeitslos melden mussten, während Sie Chef der BA waren?

Weise: Einige schon. Hinterher habe ich mir berichten lassen, was sie erlebt haben. Es gab da sehr unterschiedliche Erfahrungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Weise: Der letzte Fall war ein Bekannter, der in einer sehr kleinen mittelständischen Firma in der Geschäftsführung war. Der sagte, dass die ganze Begegnung bei der Arbeitsagentur anders als erwartet war, sehr freundlich.

Dann mangelte es aber an fachlichen Dingen: Der Vermittler hat sich zu sehr an den Qualifikationen nach Papierlage orientiert, zu eng nach Berufssortierungen gesucht. Damit ist er dem Kunden nicht gerecht geworden. Es ist eben so, dass man heute zwar eine Berufsbezeichnung hat - aber die wirkliche Aufgabe und Fähigkeit oft eine andere ist.

SPIEGEL ONLINE: Was folgern Sie daraus?

Weise: Unsere Vermittler müssen mehr rausgehen, in die Betriebe. Sie müssen verstehen, wie Firmen ticken - wann stellen sie ein, wann nicht? Was sind die Kriterien? Das ist der interne Lernprozess, in dem wir uns befinden.

Das Interview führten Anne Seith und Matthias Streitz



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