Fachkräftemangel: Arbeitsagentur wirbt um Altenpfleger aus China

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Die Bundesagentur für Arbeit startet ein ungewöhnliches Projekt: Sie wirbt 150 Altenpfleger aus China an, weil es in Deutschland zu wenig Fachkräfte gibt. Die Werbetour in der Volksrepublik ist nur der Anfang, weitere Länder sollen folgen.

Bewohnerin eines Altenheims: "Finden nicht mehr genügend Personal für die Altenpflege" Zur Großansicht
DPA

Bewohnerin eines Altenheims: "Finden nicht mehr genügend Personal für die Altenpflege"

Nürnberg - Die Bundesagentur für Arbeit geht neue Wege bei der Anwerbung von Fachkräften. Im Januar 2013 startet die Auslandsvermittlung der Agentur (ZAV) ein Pilotprojekt in China. Die Behörde will zunächst 150 Altenpfleger rekrutieren, um sie an Kliniken in ganz Deutschland zu vermitteln. Ein entsprechendes Abkommen der ZAV mit einer chinesischen Partnereinrichtung wird derzeit ausgearbeitet.

Die Anforderungen sind hoch: Die chinesischen Kräfte sollten eine abgeschlossene Schul- und eine Berufsausbildung mitbringen, sagt ZAV-Leiterin Monika Varnhagen. Voraussetzung sei auch "der Wille, die deutsche Sprache zu erlernen". Laut Varnhagen ist es geplant, die interessierten Fachkräfte in China in Kursen auf die deutsche Kultur und Sprache vorzubereiten. In Deutschland werden die Schulungen fortgesetzt. Damit sollen Fehler, wie sie bei Gastarbeitern in den sechziger Jahren gemacht wurden, verhindert werden.

"Für uns ist das Projekt ein völlig neuer Ansatz", sagt Varnhagen. Bislang habe ihre Behörde mit der chinesischen Partnereinrichtung Chinca vor allem dann zu tun gehabt, wenn es um die Vermittlung von Spezialitätenköchen gegangen sei. Nicht gerade ein Mangelberuf in Deutschland. Bei der Anwerbung von Pflegekräften aus China gehe es aber darum, einen Engpass zu überbrücken. "Die Kliniken finden nicht mehr genügend Personal für die Altenpflege", sagt Varnhagen.

Tatsächlich ist der Fachkräftemangel in der Pflege schon heute groß: Bei der Arbeitsagentur waren zuletzt mehr als 14.000 offene Stellen gemeldet. Das dürften bei weitem nicht alle sein, denn viele Unternehmen suchen auf eigene Faust nach Mitarbeitern und melden ihre freien Jobs nicht der Arbeitsagentur. Angesichts einer alternden Gesellschaft wird der Bedarf zunehmend größer.

Ausweitung geplant

Wirtschaftsverbände hofften daher auf einen Schub neuer Fachkräfte aus Osteuropa, als im Mai 2011 die letzten Schranken für die Arbeitnehmerfreizügigkeit fielen. Doch die Erwartungen waren viel zu groß. Auch ein Fachkräfteansturm aus den kriselnden südeuropäischen Staaten wie Spanien oder Griechenland ist ausgeblieben. Nach ZAV-Angaben sind in diesem Jahr bisher insgesamt nur einige hundert Fachkräfte aus diesen Ländern über die Behörde vermittelt worden. Im Pflegebereich dürften es noch deutlich weniger gewesen sein, schon allein deshalb, weil diese Länder auch ein demografisches Problem haben. Das geringe Interesse mag zudem an den niedrigen Gehältern in der Branche liegen.

Nun richten die Kliniken und die ZAV ihre Hoffnungen auf Asien. Gemessen an chinesischen Einkommen sind die für Pflegekräfte in Deutschland nämlich üppig. Nicht nur deshalb hält Varnhagen es für möglich, dass die Initiative zum Erfolg wird. "In China leben viele junge Menschen, die ihr Glück im Ausland suchen und dafür bereit sind, viel zu investieren."

Die ZAV-Leiterin hofft sogar, das Projekt auf andere asiatische Staaten ausweiten zu können. Die Planung dafür läuft bereits.

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insgesamt 212 Beiträge
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1. Warum gerade China?
ti_andreas 27.09.2012
Soweit ich das sehe, sind in Südeuropa viele Menschen arbeitslos. Warum zur Hölle wirbt man nicht erst die an? Oder liegt der Schlüssel dazu in diesem Satz: "In China leben viele junge Menschen, die ihr Glück im Ausland suchen und dafür bereit sind, viel zu investieren."
2. Aus Europa gibt es keine?
FreeEurope 27.09.2012
Was ist mit den EU-Krisenstaaten, wo es eine hohe Arbeitslosigkeit gibt? Wäre es nicht sinnvoll, erst einmal dort zu fragen?
3. Ausbildung
GerhardFeder 27.09.2012
Zitat von sysopDie Bundesagentur für Arbeit startet ein ungewöhnliches Projekt: Sie wirbt 150 Altenpfleger aus China an, weil es in Deutschland zu wenig Fachkräfte gibt. Die Werbetour in der Volksrepublik ist nur der Anfang, weitere Länder sollen folgen. Bundesagentur für Arbeit wirbt Altenpfleger in China an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/bundesagentur-fuer-arbeit-wirbt-altenpfleger-in-china-an-a-857583.html)
Den Slogan "Kinder statt Inder" hatten wir schon, folgt jetzt "Chinesen statt Ausbildung"? Von den Millionen H-IV-Empängern werden doch die paar Fachkräfte zu rekrutieren sein.
4. Ich fürchte, das Modell hat keine Zukunft
michibln 27.09.2012
So wie es aussieht, braucht China bald jeden Altenpfleger selber. Und die Einkommen dort werden nicht ewig so niedrig bleiben.
5. ...
deus-Lo-vult 27.09.2012
Zitat von sysopDie Bundesagentur für Arbeit startet ein ungewöhnliches Projekt: Sie wirbt 150 Altenpfleger aus China an, weil es in Deutschland zu wenig Fachkräfte gibt. Die Werbetour in der Volksrepublik ist nur der Anfang, weitere Länder sollen folgen. Bundesagentur für Arbeit wirbt Altenpfleger in China an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/bundesagentur-fuer-arbeit-wirbt-altenpfleger-in-china-an-a-857583.html)
Wie wäre es denn damit, eigene Fachkräfte auszubilden? Es ist wirklich unglaublich, wie mit Steuergeldern umgegangen wird...
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Fakten zur Altenpflege
Pfleger gesucht
dapd
Immer mehr alte Menschen, immer weniger Altenpfleger: Gegenwärtig sind 4,1 Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter. Und die Zahl der Alten wird in in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich steigen. Für die Pflege sagen Prognosen der Experten eine riesige Lücke zwischen Bedarf und Angebot voraus.
Mehr alte Menschen
Gegenwärtig sind 4,1 Millionen Menschen in Deutschland 80 Jahre und älter. 2030 werden es 6,3 Millionen sein, die Mehrheit von ihnen pflegebedürftig. Das Bundesgesundheitsministerium geht von knapp 3,3 Millionen Pflegebedürftigen im Jahr 2030 in Deutschland aus. Aktuell sind es 2,4 Millionen. Rund ein Drittel von ihnen wird vollstationär in Heimen betreut.

Klarer Fall von Fachkräftemangel
Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren Ende 2009 bundesweit 890.000 Menschen in der Altenpflege beschäftigt, davon 70 Prozent in Pflegeheimen. Schon heute fehlten in diesem Bereich rund 30.000 Fachkräfte, erklärt der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste. Und warnt vor einem Pflegenotstand: Bis zum Jahr 2025 würden mehr als 150.000 Fachkräfte in der Kranken- und Altenpflege fehlen. Nötig seien unter anderem eine bessere Aus- und Weiterbildung, zudem Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern sowie die unbürokratische Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.

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