Bus und Bahn Deutschland fährt Schwarz

…klagt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen. Die Zahl der Schwarzfahrer habe sich in den letzten Jahren verdoppelt. Weit schwerer noch wiege aber ein anderes Problem: Der zunehmende Verkauf gefälschter Tickets. Und dabei haben anscheinend die eigenen Leute die Hände im Spiel.


Bielefeld - "Nee, nee, nee, eher brennt die BVG!", sang einst die legendäre Polit-Rockband "Ton, Steine, Scherben", als man Schwarzfahren noch für eine Form des antikapitalistischen Widerstands hielt: "Ich bin hier oben noch ganz dicht, der Spaß ist zu teuer, von mir kriegste nüscht!"

U-Bahn: Auch zunehmende Kontrollen schrecken Schwarzfahrer nicht ab. Immer mehr Fahrgäste haben zudem gefälschte Tickets in der Tasche
DDP

U-Bahn: Auch zunehmende Kontrollen schrecken Schwarzfahrer nicht ab. Immer mehr Fahrgäste haben zudem gefälschte Tickets in der Tasche

Die Zeit solcher Überzeugungstäter ist vorbei, ihre Nachfahren jedoch sind auch nicht zahlungswilliger. Und längst ist an Stelle des links motivierten Zahlungsboykotts in Studentenkreisen eine quer durch die Gesellschaft gehende Alltagskriminalität getreten. Immer mehr Menschen in Deutschland, klagt der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) in Köln, verweigern oder vermeiden die korrekte Zahlung in Bus und Bahn. Neben der klassischen Schwarzfahrerei leiden die Verkehrsunternehmen dabei vor allem unter einem relativ neuen Problem: Der Verbreitung von gefälschten Fahrscheinen "in großem Stil".

Hier, berichtete am Samstag das Bielefelder "Westfalen-Blatt", gäbe es  einen alarmierenden Anstieg. VDV-Tarifexperte Till Ackermann sagte der Zeitung: "Die Bahn hat selbst eingeräumt, dass drei bis fünf Prozent aller Fahrkarten gefälscht sind." Betroffen seien sowohl Einzelfahrscheine wie auch Wochen- und  Monatsfahrkarten. Bei den Unternehmen gebe es Sicherheitslücken, die unverzüglich geschlossen werden müssten. "Hier sind organisierte Banden am Werk", betonte Ackermann.

Die Wurzel des Problems suchen die Verkehrsunternehmen dabei durchaus in den eigenen Reihen. Dem Bericht zufolge stehen unter anderem Mitarbeiter der Deutschen Bahn im Verdacht, den Fälschern zu helfen. Restrollen mit fälschungssicherem Papier aus den Fahrscheinautomaten würden nicht  sicher entsorgt, sondern an Fälscher verkauft, sagte Ackermann der  Zeitung. In einigen Fällen seien falsche Tickets sogar über offizielle Verkaufsstellen wieder auf den Markt gelangt.

Der "normale" Weg, auf dem gefälschte Tickets in Umlauf kämen, sähe jedoch anders aus: Falsche Fahrscheine zum halben Preis würden vor allem von Privatpersonen angeboten und in Gaststätten sowie Diskotheken verkauft. Ein Meter Restrolle habe einen Wert von 2000 Euro. "In erheblichem Umfang" würden auch Semestertickets für Studenten, die von den Universitäten selbst ausgestellt werden, gefälscht.

Auch die Schwarzfahrerzahlen stiegen dem Bericht zufolge deutlich an. In den vergangenen Jahren habe sie sich im öffentlichen  Nahverkehr auf bis zu fünf Prozent verdoppelt, sagte Ackermann der  Zeitung. Bei Schwerpunktkontrollen steige die Schwarzfahrerquote auf mehr als zehn Prozent. Der Schaden für die Verkehrsunternehmen liege jährlich zwischen 300 und 500 Millionen Euro.

pat/AFP/ddp



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