Bush vs. Iran Die Legende vom Petro-Euro-Krieg

Westliche Blogs und Zeitungen islamischer Staaten behaupten, die USA wollten Iran angreifen, weil die Mullahs ihr Öl künftig in Euro statt Dollar handeln möchten. Die These hat sich erstaunlich weit verbreitet - erweist sich aber bei genauerem Hinsehen als Unfug.

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Hamburg - Für eine Institution, die noch nicht mal eröffnet wurde, hat die "Iranian Oil Bourse" schon eine Menge Fans. Gibt man den sperrigen Begriff bei der Blog-Suchmaschine Technorati ein, spuckt sie gut 1040 Fundstellen mit Beiträgen aus. Viele tragen Überschriften wie "Ein Krieg im März für den Dollar?" oder "Ölmann Bush + Petroeuro = Iran-Krieg".

Ölarbeiter in Teheran: Schlag gegen die Dollar-Weltmacht?
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Ölarbeiter in Teheran: Schlag gegen die Dollar-Weltmacht?

Worum geht es? Schon im Jahr 2003 ließ das Regime in Teheran wissen, es plane eine eigene Börse für den Handel mit Erdöl. Das Vorhaben gilt seither als "nationales Projekt". Nach einer offiziellen Verlautbarung aus dem Januar soll der Handelsplatz, bekannt unter dem Namen "Iranian Oil Bourse" oder auch "International Oil Bourse" (IOB), ab dem 20. März den Betrieb aufnehmen. Als Standort wurde die Freihandelsinsel Kish im Persischen Golf auserkoren.

Das Besondere an den Plänen: Das Ölgeschäft der IOB soll laut früheren iranischen Ankündigungen in Euro abgewickelt werden. Bisher wird Erdöl in maßgeblichen Sorten wie Brent Crude oder West Texas Intermediate weltweit nur in US-Dollar gehandelt - und zwar vor allem über die Rohstoffbörsen Nymex in New York und IPE in London.

Gefährlicher als die Atombombe?

Aus diesen Tatsachen haben einige Autoren, Journalisten aus dem islamischen Raum und eben auch Scharen von Bloggern allerlei Konspirationstheorien abgeleitet. Kurz zusammengefasst laufen sie darauf hinaus, dass der iranische Euro-Ölbörsenplan den Anfang vom Ende der Hegemonie des Dollars markieren würde.

Der Euro, so die These, würde dank seiner neuen Rolle im Ölhandel bald zur neuen Weltreservewährung aufsteigen. Damit könnten die USA die enorme Verschuldung ihres Staates und ihrer Konsumenten nicht mehr finanzieren. Teherans Ölbörsenpläne könnten für die Vereinigten Staaten "gefährlicher werden als eine iranische Atombombe", heißt es unheilsschwanger in einem deutschen Blog. Sie seien "der wahre Grund, warum Iran das nächste Ziel" der US-Kriegsmaschinerie sei, postuliert der US-Autor William Clark. Der Streit über Teherans Atomprogramm sei bloß vorgeschoben.

Das alles klingt natürlich bedrohlich. Dennoch wurde über die Petroeuro-Iran-Börsen-Kriegs-These von Mainstream-Medien in Europa und den USA bisher kaum berichtet. Das hat seine Gründe - denn die Theorie ist, höflich gesagt, nicht plausibel. Ihre Glaubenssätze lassen sich leicht auseinandernehmen - der Reihe nach.

Verschwörungsthese eins: Wenn Iran sein Öl in Euro handelt, schwächt das den Dollar und Amerika.

Schon diese Grundprämisse überschätzt die ökonomische Bedeutung Irans. Das Land ist zwar nach Saudi-Arabien der zweitwichtigste Ölexporteur im Opec-Kartell. Die gesamten iranischen Ausfuhren summierten sich aber 2005 auf einen Wert von rund 55 Milliarden Dollar. Ein unwissenschaftlicher Vergleich, um die Größenordnung zu zeigen: Allein der texanische Erdöl-Koloss ExxonMobil Chart zeigen kam zuletzt auf einen Jahresumsatz von 330 Milliarden Dollar.

"Die Menge der iranischen Ölexporte ist weltwirtschaftlich marginal - wenn sie künftig in Euro faktoriert werden, wird das keine nennenswerte Auswirkung auf die Finanzkraft des Dollars haben", sagt der Volkswirt Enno Harks von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

Der Thron der US-Währung steht auf porösem Fundament. Die Bush-Regierung hat aber keinen Anlass, ausgerechnet in den Eurohandelsplänen Teherans eine Bedrohung zu sehen. Es gibt auch keine Beweise dafür, dass sie dies tut.

Andere Faktoren - die künftige Haushaltspolitik Bushs, die Entwicklung der US-Handelsbilanz oder die Frage, in welcher Währung China seine immensen Geldreserven anlegt -  spielen eine sehr viel bedeutendere Rolle für die Frage, in welchem Tempo die Dollar-Dämmerung vorankommt. Ein Krieg gegen Iran würde den Greenback wegen der immensen Kosten eher schwächen als stärken.

Verschwörungsthese zwei: Iran wird keine Probleme haben, andere US-kritische Länder für seine "Börse" zu begeistern - und damit steigt deren globale Bedeutung.

Hier sind die Petro-Euro-Theoretiker mehr als voreilig. Tatsächlich ist bisher noch völlig offen, ob der Öl-Handelsplatz überhaupt startet - und ob er den Ehrennamen "Börse" je verdienen wird. Selbst das Blatt "Iran Daily" geht inzwischen davon aus, dass der gerade erst angekündigte Termin Ende März wohl doch verfehlt wird und eher mit einem Start im April zu rechnen sei, wenn nicht später.

Unklar ist auch, wer außer Iran sein Öl an der "internationalen" Börse handeln wollen sollte. Russland wird sich auf das Wagnis kaum einlassen. Saudi-Arabien verkauft sein Öl gar nicht über Börsen. Iran selbst hofft nach Angaben des Börsen-Organisators Mohammad Javad Assemipour auf Kunden aus der kaspischen Region. Nur welche? Aserbaidschan zum Beispiel ist zwar wie Iran schiitisch geprägt - wirtschaftlich hängt es aber von den USA ab. Ohne weitere Anbieter wird die IOB keine globale Bedeutung entfalten.

Für einen modernen Handelsplatz bräuchte Teheran außerdem Informationstechnologie und Fachleute, die den Umgang mit Finanzmarktinstrumenten wie Swaps und Forward Sales beherrschen. Wer glaubt, dass die Insel Kish (Einwohnerzahl: rund 20.000) in dieser Hinsicht London und New York den Rang ablaufen könnte, muss über eine ausgeprägte Phantasie verfügen. Nicht einmal Singapur ist es gelungen, eine bedeutsame Erdölbörse aufzubauen - trotz besserer Standortbedingungen.

"Das eine Börse zu nennen wäre übertrieben", sagt der SWP-Experte Harks über die iranischen Pläne.

Verschwörungsthese drei: Auch der Irak wurde überfallen, weil er sein Öl in Euro handelte.

Die Petro-Euro-Theoretiker verweisen gern auf einen "Präzedenzfall". Auch Saddam Hussein habe den Handel mit Öl auf Euro umgestellt - und wurde von den USA entmachtet.

Das stimmt. Doch zwischen Währungswechsel und Kriegsbeginn lagen drei Jahre. Gewagt, da einen direkten Zusammenhang konstruieren zu wollen. (Wobei es durchaus Gründe für die Annahme gibt, der Irak sei aus anderen ökonomischen Gründen angegriffen worden.)

Die irakische Entscheidung, vom Dollar auf den Euro umzusatteln, war im übrigen eine Folge des schlechten Verhältnisses zu den USA und nicht dessen Ursache. Ähnliches gilt im Falle Irans.

"Das Thema wird überschätzt", folgert Johannes Reissner, Politologe, Iran-Spezialist und wie Harks an der SWP beschäftigt. Er hat bemerkt, dass iranische Politiker wenig über die Börsenpläne zu sagen haben - Teheran glaube wohl selbst nicht an die Bedeutung der IOB.

Auch in der iranischen Presse sei fast nichts über die angeblich weltbewegende Neuerung zu lesen, bemerkt er. Bei der amtlichen Nachrichtenagentur Irna findet sich online kein Wort dazu. Einer der wenigen ausführlichen Beiträge zum Thema, der jüngst auf Persisch in der Zeitschrift "Shoma" unter der Überschrift "Die Waffe Öl, Irans neue Innovation" erschien, übernimmt seine Argumente ausgerechnet von US-amerikanischen Bush-Kritikern im Internet.

Ein schönes Beispiel dafür, wie Legenden durchs Web wandern können - auch über Feindesgrenzen hinweg.

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