Business-Vordenker Peters Chaos-Guru im Maßanzug

Wenn er über die Bühne rennt wie ein Berserker, hören Tausende Manager zu. Wenn er schreibt, laufen sie in die Buchläden: Tom Peters ist einer der erfolgreichsten Management-Denker der Welt - und lehrt, dass ein bisschen Chaos zum Kapitalismus gehört.

Von Alexander Gutzmer


München - Manchmal, wenn ihm etwas ganz besonders am Herzen liegt, wird Tom Peters leise. Ein wenig traurig säuselt er dann seine Zuhörer an, um einer These noch mehr Gewicht zu verleihen. Etwa seiner Ansicht, dass Unternehmen falsch geführt werden; dass sie zu wenig forschen; oder dass sie zu selten neue Produkte auf den Markt werfen.

Peters: Bücher, die sich dem Rezeptionsverhalten viel beschäftigter Manager und der iPod-Generation anpassen
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Man kennt diesen Tonfall aus der Schule. Lehrer benutzten ihn, wenn sie mit dem Ausgang einer Klassenarbeit unzufrieden waren und die Unfähigkeit der Schüler als persönliche Enttäuschung empfanden.

So schuldbewusst wie damals in der Schule senken auch die Zuhörer von Tom Peters die Köpfe - und geloben, fortan besser zu führen, intensiver zu forschen und mehr neue Produkte anzubieten. Doch Tom Peters' Zuhörer sind keine Schuljungen, sondern Manager. Gestandene Entscheider. Für sie ist Peters so etwas wie ein Prophet. Wenn er redet, schweigen sie. Wenn er kritisiert, gehen sie in sich.

Peters ist nicht nur ein Managementguru. Er ist, genauer gesagt, einer der obersten Gurus - vielleicht der Bekannteste neben Koryphäen wie dem kürzlich verstorbenen Peter Drucker und dem in Harvard lehrenden Michael Porter. In einem Ranking der Seite Leadership Gurus belegte Peters Rang zwei der wichtigsten Management-Denker (hinter dem Bestsellerautor John C. Maxwell).

Peters hat den Typus überhaupt erst ins Leben gerufen. Vor gut 25 Jahren war das. Mit "In Search of Excellence" schrieben er und sein Kollege Bob Waterman das erste Buch über Wirtschaft und Management, das eine Millionenauflage erreichte. Darin untersuchte Peters, was erfolgreiche Unternehmen anders machen als weniger erfolgreiche. Eine simple Idee eigentlich, doch das Buch kam in einer Zeit über die US-Wirtschaft, als diese alles andere als rund lief und ein bisschen Lebenshilfe gut gebrauchen konnte. Die verunsicherten Entscheider suchten Orientierung, fanden Peters und Waterman - und machten "ISOE", wie Kenner das Opus ehrfürchtig nennen, zur ersten Managementbibel der Welt.

Ein neuer Typ entstand: Prediger in Maßanzügen

Peters führte mit seinem Buch und seinen extravaganten Auftritten eine Zeitenwende herbei. Seither sind einige derer, die über Wirtschaft und Management schreiben, nicht mehr nur langweilige Profs, die Studenten die Basaltechniken des Profitmachens vermitteln.

Seither gibt es diese Stars in Maßanzügen, die Tausenden faszinierter Zuhörer die Kunst predigen, künftig in ihren Unternehmen alles anders zu machen - und sehr viel besser. Die Wirtschaftsmedien assistieren mit willfährigen Interviews; sie hoffen auf die neue große Idee in Buchform. Unternehmen laden die Denker zu Gastvorträgen oder Seminaren ein, auch Regierungen setzen auf die großen Ideen der Gurus.

Die Welt des Managements braucht die Gurus. Viele Tools der Denker haben die Art, wie heute Unternehmen geführt werden, nachweislich verändert. Michael Porters Wettbewerbsstrategien (Segmentierung, Differenzierung, Kostenführerschaft) dienen Unternehmen bis heute als Orientierung. Auch das Unternehmertum auf allen Ebenen, das Peters und Waterman in ihrem Bestseller preisen, dient vielen Managern als Richtschnur.

Das System wird vom Langweilerimage befreit

Doch es gibt noch ein anderes, psychologisches Moment, das die Gurus für Manager und Unternehmer so wertvoll macht. Mit ihnen bekommt das Wirtschaftssystem nämlich sein eigenes Stück Starrummel. Es wird, zumindest in den Augen der Beteiligten, von seinem Langweilerimage befreit.

Und die Gurus werden durch den Rummel ziemlich reich, vor allem durch die Möglichkeit zu ganzjährigen Buch-Interview- Vortragsmarathons. 100.000 Dollar bekommt Peters angeblich für einen Auftritt. Viel Geld - auch wenn er auf der Bühne richtig arbeitet, sich geriert wie ein Berserker und dabei, wie ein Insider mal berechnete, über elf Kilometer zurücklegt.

Über sein persönliches Geschäftsmodell redet er nicht viel. Lieber predigt Peters das Unternehmertum in uns allen. Aus dem Stegreif kann er einen laut rumorenden Strom an Business-Weisheiten, untermalenden Fakten und einigermaßen zum Thema passenden Witzen loslassen. Im Interview lässt er widerwillig auch schon mal die Unterbrechung durch Fragen zu.

Auf der Bühne gibt er den Prediger, brüllt, hüpft umher, verleiht mit umherfliegenden Armen dem Begriff "Flipcharts an die Wand werfen" eine neue, physische Bedeutung. Gestaltet sind die Charts wie die Comic-Einsprengsel in postmodernen Tarantino-Filmen. "I hate linear thinking", sagt er im Interview.



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