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Varoufakis in "Charlie Hebdo": "Macht euch auf das Schlimmste gefasst"

Satiremagazin "Charlie Hebdo" am Kiosk: Zornige Zitate von Varoufakis Zur Großansicht
AFP

Satiremagazin "Charlie Hebdo" am Kiosk: Zornige Zitate von Varoufakis

"Charlie Hebdo" druckt nicht nur Karikaturen, sondern auch Interviews. In der aktuellen Ausgabe wettert der griechische Finanzminister Varoufakis gegen die Euro-Gruppe - mit einem gewagten Vergleich aus dem Mittelalter.

Paris - Die Macher der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" wissen, wie sie provozieren können. In der am Mittwoch erschienenen Ausgabe ist neben bissigen Karikaturen auch ein Interview mit einem zornigen griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis abgedruckt. Darin warnt Varoufakis Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und dessen Eurokollegen: "Wenn ihr denkt, ihr tut gut daran, progressive Regierungen wie unsere zur Strecke zu bringen, dann macht euch auf das Schlimmste gefasst."

Varoufakis hat in den vergangenen Wochen hart mit Brüssel und Berlin gerungen, um für seine Linksregierung eine Verlängerung der Finanzhilfe bei weniger drastischen Sparauflagen zu erreichen. Zwar wird die Hilfe nun fortgesetzt, doch muss Athen die von der Vorgängerregierung zugesagten Kürzungen und Reformen weitgehend umsetzen.

Wenn demokratisch gewählten Regierungen wie der seinen die Luft abgeschnürt werde und die Wähler in die Verzweiflung gestürzt würden, "dann profitieren davon nur die Fanatiker, die Rassisten, die Nationalisten und all diejenigen, die von Angst und Hass leben", sagte Varoufakis.

Er verglich die von den Gläubigern abverlangten Haushaltskürzungen mit der Medizin des Mittelalters: "Damals wurden Aderlasse verschrieben, die die Kranken oft noch kranker machten, worauf sie erneut zur Ader gelassen wurden."

Die "Charlie Hebdo"-Journalisten fragten Varoufakis auch, ob seine Regierung nicht die orthodoxe Kirche Griechenlands und die Reeder ein wenig stärker zur Ader lassen wolle als die Vorgängerregierungen. Das Problem sei, dass der "enorme Reichtum" der Kirche keinen allzu hohen Ertrag bringe, der versteuert werden könne, sagte der Finanzminister. Und die Reeder seien "sehr mobil", und es sei daher "wahrscheinlich, dass ihre Gewinne das Land verlassen würden, wenn sie versteuert werden müssten".

nck/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Berliner42 25.02.2015
Der Varoufakis ist schon cool. Einerseits auf die Deutschen meckern, die einer "progressiven Regierung" die Luft abschnürt, andererseits ist er einfallslos genung, um die Kirche und die Reeder auch wieder nicht zu besteuern. Was soll daran progressiv sein? Jemand, der nicht mal denVersuch unternimmt, will es doch in Wirklichkeit gar nicht.
2. Gewagt?
Patrizier 25.02.2015
Die Aussagen von Varoufakis sind durchaus zutreffend. Auch in Deutschland werden Reeder aus exakt demselben Grund hofiert: Sie werden ihre Schiffe eben sonst woanders registrieren. Und wenn die Kirche keine Steuern zahlt, bleibt nur Enteignung und Verscherbeln von Kirchenbesitz. Gerade die konservativen Schäubles und Merkels würden aufschreien, wenn man ähnliches in Deutschland wagen würde. Davon abgesehen treibt in Deutschland sogar der Staat das Geld für die Kirchen als kostenlose Dienstleistung ein. Auch der Aderlass-Vergleich ist keineswegs gewagt. Griechenland und seine Bürger werden durch das Verscherbeln von Tafelsilber und das ständige Sparen quasi ausgesaugt. Wie soll das Land wieder auf die Beine kommen, wenn weder Staat noch Bürger investieren können? Wenn man ein Volk mit solchen Maßnahmen am Boden hält, dann braucht man sihc auch nicht über das Erstarken von Extremisten (und damit meine ich nicht Syriza) auch nicht wundern. Wir Deutschen können davon ein Lied singen.
3.
Berliner42 25.02.2015
Zitat von PatrizierDie Aussagen von Varoufakis sind durchaus zutreffend. Auch in Deutschland werden Reeder aus exakt demselben Grund hofiert: Sie werden ihre Schiffe eben sonst woanders registrieren. Und wenn die Kirche keine Steuern zahlt, bleibt nur Enteignung und Verscherbeln von Kirchenbesitz. Gerade die konservativen Schäubles und Merkels würden aufschreien, wenn man ähnliches in Deutschland wagen würde. Davon abgesehen treibt in Deutschland sogar der Staat das Geld für die Kirchen als kostenlose Dienstleistung ein. Auch der Aderlass-Vergleich ist keineswegs gewagt. Griechenland und seine Bürger werden durch das Verscherbeln von Tafelsilber und das ständige Sparen quasi ausgesaugt. Wie soll das Land wieder auf die Beine kommen, wenn weder Staat noch Bürger investieren können? Wenn man ein Volk mit solchen Maßnahmen am Boden hält, dann braucht man sihc auch nicht über das Erstarken von Extremisten (und damit meine ich nicht Syriza) auch nicht wundern. Wir Deutschen können davon ein Lied singen.
1. Reeder werden in Deutschland wie jeder andere Unternehmer besteuert. 2.Wenn Reeder der Besteuerung ausweichen, soll man es gar nicht erst versuchen? Verquere Logik. Was wäre dann schlimmer als vorher? 3.es ist völlig egal, ob Schäuble und Merkel gerne Kirchen enteigenen würden, da wir es nicht müssen. 4.hat die Kirche in Griechenland weit mehr Privilegien und Einfluß 5.GR hat bislang kaum "Tafelsilber" verscherbelt und wenn, dann wäre das kein Hinderungsgrund für einen Aufschwung, sondern eher eine Voraussetzung. 6.Niemand "Hält ein Volk am Boden". Es ist einfach kein Geld mehr da. Bedeutet "am Boden halten", daß man dann die Rechnungen nicht bedingungslos übernimmt? 7.Es ist seit der Euro-Einführung wahnsinnig viel Geld nach GR gegangen. Wenn das zu keinem strukturellen Aufbau geführt hat, muß man es eben anders versuchen. 8.Wird wirklich "ständig gespart"? Sparen ist nicht, wenn man weniger Kredite aufnimmt.
4. Troika
kasam 25.02.2015
Da ist auf Druck der Troika ein grosses Schneefeld in Bewegung geraten--und raten sie mal was daraus wird. Die Dynamik wird sich vergrössern und wenn Brüssel sich nicht irgend etwas besseres einfallen lässt, als das was die Troika manchmal mit sehr seltsamen Methoden durchsetzt, egal ob es klug ist oder das ganze noch verschärft und verschlimmert--werden wir nicht nur die Griechen und dann Europa opfern, sondern weitaus mehr. Fortsetzung folgt...
5. ...
Newspeak 25.02.2015
Und die Reeder seien "sehr mobil", und es sei daher "wahrscheinlich, dass ihre Gewinne das Land verlassen würden, wenn sie versteuert werden müssten". Als ob das für einen Staat ein echter Hinderungsgrund wäre. Reeder haben auch Villen, oder anderen Besitz, den man nicht so einfach außer Landes schaffen kann. Am Ende kann man auch einfach den Reeder selbst mal festnehmen. Bei soviel Geld und unter den heutigen Umständen muß man ja quasi schon Steuerbetrug unterstellen und bis zur Prüfung des Sachverhalts gibt es eben Untersuchungshaft. Man muß nur wollen. Klar, Griechenland wird sich damit auf Jahre in bestimmten Kreisen unbeliebt machen. Aber vielleicht sind das ja gerade die verkommenen Subjekte, die ein Land mit ihrer Gier auch ruinieren können, um die es also auch nicht schade ist, wenn sie dies woanders tun. Vielleicht stellt man ja dann auch einfach nach einer Weile der Praxis fest, daß Reiche an sich überflüssig für ein Land und sein Gemeinwesen sind.
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