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Chef der Tafeln: "Es gibt eine neue Armut in Deutschland"

Eine Million Menschen bekommen inzwischen täglich Essen von den Deutschen Tafeln - und wegen der Rezession werden bald noch viel mehr auf sie angewiesen sein, sagt Gerd Häuser, Chef der Helfer. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über neue Arme und die Spaltung der Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Häuser, Sie wissen, wie Armut in Deutschland aussieht. Macht Ihnen die sich verschärfende Krise Angst?

Gerd Häuser: Angst nicht, aber ich bin unsicher geworden. Die wirtschaftliche Entwicklung lässt sich nicht mehr voraussagen, die Prognosen sind nicht mehr verlässlich. Nur eines ist klar: Die Zahl der Arbeitslosen wird deutlich steigen - und damit auch die Zahl der Menschen, die auf unsere Hilfe angewiesen sind.

Mitarbeiter der Gladbecker Tafel im Einsatz: "Täglich kommt eine Million"
DDP

Mitarbeiter der Gladbecker Tafel im Einsatz: "Täglich kommt eine Million"

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie das schon?

Häuser: Noch nicht. Die Krise macht sich zeitversetzt bemerkbar, erst einmal greifen die Sozialsysteme. Aber langfristig wird die Zahl der Hartz-IV-Empfänger steigen - und die können kaum von dem Geld leben, das sie bekommen. Schon heute kommen täglich eine Million Menschen zu uns, das entspricht etwa einem Siebtel der Empfänger staatlicher Transferleistungen in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Spenden die Unternehmen weniger, weil sie von der Krise betroffen sind?

Häuser: Natürlich gibt es die eine oder andere Sparmaßnahme in bestimmten Bereichen, etwa bei den Zulieferern. Aber noch bemerken wir keinen Rückgang der Sachspenden. Der Lebensmittelhandel spürt die Krise weniger, denn es wird eher bei Luxusgütern denn am täglichen Bedarf gespart. Selbst in schlechten Zeiten gibt es beispielsweise fünf verschiedene Tiefkühlpizzen im Angebot. Da bleiben immer welche für uns übrig.

SPIEGEL ONLINE: Sind es nur Hartz-IV-Empfänger, die auf Ihre Hilfe angewiesen sind?

Häuser: Nein. Früher hatten wir vor allem Obdachlose als Kunden. Heute aber gibt es eine neue Armut, die vor allem Familien mit Kindern trifft. Das sind Menschen, die Vollzeit arbeiten - deren Einkommen aber trotzdem nicht reicht. Das betrifft Leute mit Teilzeitjobs, alleinerziehende Mütter oder Angestellte im Niedriglohnsegment, die ihr Einkommen mit ALG II aufstocken müssen. Und zu uns kommen immer mehr Senioren, die nun auf Grundsicherung angewiesen sind.

SPIEGEL ONLINE: Diese Leute sind komplett auf Ihre Versorgung angewiesen?

Häuser: Wir können die Leute nicht voll verpflegen, wir bieten nur eine Ergänzung zu dem, was die Familien selbst haben. Meistens die Dinge, die frisch sind: Obst, Gemüse, Brot oder Wurst. Wir sind nicht Teil des Sozialsystems - wenn das funktionieren würde, wären wir überflüssig. Aber die Differenz zwischen den Menschen, die genug haben, und denen, die zu wenig haben, wird leider immer größer. Langfristig gefährdet das den sozialen Frieden.

SPIEGEL ONLINE: Genau das befürchten die Gewerkschaften und die SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Gesine Schwan ...

Häuser: Es wird sich zeigen, ob unsere Sozialsysteme gut genug sind, das zu vermeiden. Es ist völlig unklar, welche Risiken auf den Staat zukommen und ob Leistungen zurückgefahren werden müssen. Allein die Pläne für die "Bad Banks" sind eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die Menschen verstehen nicht, dass unten um jeden Cent gefeilscht wird, oben aber Milliarden vergeben werden. Da verliert so mancher den Glauben an den Staat, was langfristig zu einer Gefahr für die Demokratie werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man genau das verhindern?

Häuser: Letztlich geht es darum, die Würde des Menschen zu bewahren. Wir machen das, indem bei uns jeder einen symbolischen Obolus zahlt. Etwa eine Münze pro Familie und Einkauf. Damit sich die Leute als Kunden verstehen und nicht als Almosenempfänger. Heute rutschen die Menschen schneller in Hartz IV - damit kann jeder in die Situation kommen, auf Hilfe angewiesen zu sein. Trotzdem gibt es immer noch eine Schamgrenze, vor allem bei älteren Leuten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat es, dass eine steigende Zahl von Menschen so leben muss?

Häuser: Wenn junge Menschen von Anfang an stigmatisiert werden, von Anfang an keine Chancen bekommen, sorgt das für Unzufriedenheit. Das heißt nicht, dass in Deutschland die Massen auf die Straßen gehen werden. Das wird wohl eher in Frankreich passieren. Aber dass sich auch hierzulande der eine oder andere mit Gewalttätigkeiten Gehör verschaffen will, ist nie auszuschließen.

Das Interview führte Susanne Amann

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