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Ökonom Li zur Wirtschaftskrise: "Der Wandel hat längst begonnen"

Ein Interview von David Böcking und und

Kinder in einem Pekinger Kindergarten: Hoffnung auf den Babyboom Zur Großansicht
AFP

Kinder in einem Pekinger Kindergarten: Hoffnung auf den Babyboom

Die Gefahr einer chinesischen Wirtschaftskrise gehört zu den Top-Themen beim Weltwirtschaftsforum. Ökonom Li Daokui räumt Probleme ein, die auch deutsche Firmen betreffen. Dennoch ist er optimistisch - und hofft auf einen Babyboom.

"Ah, deutsche Präzision", freut sich Li Daokui, als das Interview in Davos pünktlich beginnt. Der Finanzprofessor der chinesischen Eliteuniversität Tsinghua kennt Deutschland gut und hat seinen Landsleuten die soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung sogar zur Nachahmung empfohlen.

Die Zweifel am chinesischen Modell werden lauter, seitdem enttäuschende Wirtschaftsdaten die Börsen zu Jahresbeginn auf Talfahrt schickten. Zu den großen Themen in Davos gehört deshalb die Frage, ob Chinas Krise sich verschärfen und die Weltwirtschaft gefährden könnte.

Zur Person
  • Tsinghua University
    Li Daokui ist einer der bekanntesten Wirtschaftsexperten Chinas. Er ist Professor für Finanzen an der Tsinghua-Universität in Peking. Li hat in Harvard promoviert und ist Mitglied des Ausschusses für Geldpolitik der chinesischen Zentralbank.
SPIEGEL ONLINE: Die ganze Welt scheint sich gerade Sorgen um China zu machen. Die Chinesen auch?

Li: Ja, das zeigt sich am deutlichsten am Aktienmarkt. Innerhalb von zwei Wochen hat der Leitindex im Januar 18 Prozent verloren. Im gesamten vergangenen Jahr hatte er dagegen neun Prozent zugelegt.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt der Pessimismus?

Li: Die Wirtschaft macht einen sehr großen Strukturwandel durch. Traditionelle Branchen wie die Eisen- und Stahlindustrie exportieren viel weniger, als sie könnten - auch nach Deutschland. Die Kapazitäten sind bei Weitem nicht ausgelastet.

SPIEGEL ONLINE: Ein Ende des chinesischen Rekordwachstums zeichnet sich schon länger ab. Wieso kommt es an der Börse gerade jetzt zu so einem dramatischen Absturz?

Li: Die Anleger sind unsicher bezüglich der mittelfristigen Entwicklung der chinesischen Wirtschaft. 2016 beginnt die Regierung mit einem neuen Fünf-Jahres-Plan. Die Leute machen sich Sorgen und fragen sich: Wann ist der Tiefpunkt erreicht?

SPIEGEL ONLINE: Hat die Regierung die Kontrolle über die Finanzmärkte verloren?

Li: Das würde ich nicht sagen. Der Aktienmarkt war in der Vergangenheit noch viel volatiler, etwa zwischen 2007 und 2009. Der Unterschied ist: Erst jetzt schaut die Welt auf Chinas Kurse.

SPIEGEL ONLINE: Auch die chinesische Regierung scheint sich nun aber größere Sorgen zu machen. Sie hat zu Jahresbeginn erstmals versucht, die Turbulenzen mit einem automatischen Börsenstopp zu bekämpfen.

Li: Stimmt, das hat nicht funktioniert. Denn wenn der Handel unterbrochen wird, diskutieren die Leute im Internet. Dort gewinnen oft die simplen Meinungen - und das sind die pessimistischen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Probleme sind gar nicht so groß?

Li: Traditionelle Sektoren wie die Stahlbranche verlieren tatsächlich an Fahrt. Aber zugleich wachsen neue, internetgetriebene Branchen. Der Tourismus etwa boomt, der Einzelhandel ebenso. Das liegt daran, dass die Gehälter der Beschäftigten steigen. Die Nachfrage nach Arbeitern ist groß. Im vergangen Jahr wurden in China 13 Millionen neue Jobs geschaffen - normalerweise sind schon neun bis elf Millionen ein guter Wert.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Umbau der chinesischen Wirtschaft für deutsche Unternehmen?

Li: Die Nachfrage nach hochwertigen Gütern bleibt hoch. Das gilt gerade für deutsche Produkte, die oft gar nicht in China hergestellt werden können. Meine Familie bestellt zum Beispiel Milch aus Deutschland im Internet - weil wir chinesischer Milch nach den Lebensmittelskandalen nicht mehr trauen. Für deutsche Sofas oder Matratzen gibt es monatelange Wartezeiten. Und deutsche Autos sind immer noch populär.

SPIEGEL ONLINE: Und wer sind die Verlierer?

Li: Zum Beispiel deutsche Maschinenbauer. Generell gilt: Je näher Unternehmen am Bausektor oder einfacher Produktion sind, umso schlechter. Es gibt Überkapazitäten bei Zement, Eisen und Stahl, Kupfer oder auch Werkzeugmaschinen.

SPIEGEL ONLINE: Chinesische Firmen sind zum Teil sehr hoch verschuldet. Droht das zum Problem zu werden?

Li: Die Unternehmensschulden liegen bei grob 50 Prozent der Wirtschaftsleistung - das ist tatsächlich hoch. Der Grund ist, dass der chinesische Aktienmarkt immer noch zu klein ist, um viel Geld einzusammeln. Aber im Gegensatz zu Ländern wie Brasilien haben sich die Firmen kaum in ausländischen Währungen wie dem Dollar verschuldet, die ihnen bei Währungsschwankungen gefährlich werden könnten. Und die Haushalte dagegen verschulden sich fast gar nicht, sie zahlen alles bar.

SPIEGEL ONLINE: Die chinesische Zentralbank hat im Kampf gegen die jüngste Krise schon einen erheblichen Teil ihrer Dollar-Reserven auf den Markt geworfen. Wie lange halten diese Reserven noch?

Li: Ja, die Reserven sind innerhalb eines Jahres um 500 Milliarden Dollar gefallen. In dieser Zahl stecken aber unter anderem 200 Milliarden an Wechselkursverlusten für Yen- oder Euro-Reserven, die ebenfalls in Dollar ausgewiesen werden. Außerdem haben chinesische Unternehmen Wechselkursunterschiede genutzt und Dollar im Ausland investiert.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Regierung etwas gegen die zunehmende Abwertung des Renminbi tun?

Li: Ja. Höchstwahrscheinlich wird sie ein Ziel für den Wechselkurs verkünden, das sich an einem Korb mit anderen Währungen orientiert. Außerdem wird die Zentralbank den Kapitalabfluss unter Kontrolle bringen. Ich glaube, dadurch wird die Furcht vor einer weiteren Abwertung bis März verschwunden sein. Das zweite Halbjahr dürfte dann deutlich leichter werden.

SPIEGEL ONLINE: Die chinesische Regierung möchte, dass die Bürger künftig mehr konsumieren, damit das Land weniger stark vom Export abhängig ist. Sind die Menschen denn überhaupt bereit dazu, mehr Geld auszugeben?

Li: Der gewünschte Wandel hat längst begonnen, der Konsum wird in den offiziellen Berechnungen enorm unterschätzt. Das liegt daran, dass die Chinesen sehr auf ihre Privatheit bedacht sind, sie wollen ihr Einkommen oder ihren Konsum nicht angeben. Deshalb müssen die Statistiker Haushalten Geld für ihre Teilnahme an Umfragen zahlen, haben dafür aber nur ein paar Euro pro Monat zur Verfügung. Aus diesem Grund nehmen vor allem Niedrigverdiener teil, was das Ergebnis verzerrt. Es gibt übrigens noch einen Grund, auf neues Wachstum zu hoffen.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Li: Ende Oktober hat die Regierung ihre strikte Ein-Kind-Politik aufgegeben. Vor allem wohlhabendere Familien in Städten dürften nun ein zweites Kind bekommen - für das sie dann richtig viel Geld ausgeben.

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insgesamt 18 Beiträge
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    Seite 1    
1. Weniger Menschen braucht die Erde!
MMM-MMD 21.01.2016
Die Hoffnung auf einen Babyboom als Rettung in der Wirtschaftskrise ist der falsche Weg zur Rettung der Menschheit! Die Welt braucht weniger Menschen!
2. Nichts verstanden!
Peter Eckes 21.01.2016
Weiteres Bevölkerungswachstum wird für China den Untergang bedeuten. Das Land ist jetzt schon hoffnungslos verdreckt. Und die bereits vorhandenen Menschen haben noch lange alle kein Auto bzw. mit dem konsumieren richtig begonnen. Wenn das einsetzt wird das Land kollabieren.
3. less is more ...
gemihaus 21.01.2016
des Pudels Kern wäre eine Umkehr vom stetigen immer Mehr, eine Verhaltensänderung beim Konsum und letztendlich eine Dezimierung der Spezies, die nicht aus Fehlern lernt. Der biblischen Geschichte folgend, bleibt dann die ArcheNoah ...
4. Babyboom
heikef 21.01.2016
Warum begreifen die Menschen nicht das die Überbevölkerung die Wurzel unseres Elends ist. Anstatt mehr Babys in China zu produzieren könnten Sie doch erst mal Afrika entlasten oder indien
5. Chinas Bevölkerung
HARK 21.01.2016
altert rasant. Die brauchen die Kinder
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