Geostrategisches Großprojekt Rückschlag für Chinas Seidenstraße

Weniger Projektverträge und steigende Angst vor Verlusten: Chinas Großprojekt "Neue Seidenstraße" kämpft mit Problemen. Auch die Aufsichtsbehörden in Peking drängen auf etwas mehr Bescheidenheit.

AP/Cai zengle - Imaginechina

Von , Paris


Die Zukunft schien schon sicher: Züge, die von London nach Shanghai rollen, chinesische Fahnen in den Häfen Afrikas und der alten Welt. Das alles versprach Chinas inzwischen fünf Jahre altes Konzept der "Neuen Seidenstraße".

Für westliche Strategieexperten gilt das Konzept, das auch unter seinem englischen Namen Belt and Road Initiative (BRI) bekannt ist, als chinesische Blaupause für die Eroberung von Macht und Märkten. Hunderte Milliarden Dollar hat die chinesische Führung in Peking schon dafür investiert. Doch jetzt gerät der große Plan ins Stocken. Hauptgrund dafür sind finanzielle Bedenken seiner Urheber. Denn auch China hat nicht endlos Geld.

"BRI erweist sich als finanzielle Herausforderung. China fühlt heute den Gegenwind", sagt Jörg Wuttke, langjähriger Konzernmanager in Peking und ehemaliger Präsident der europäischen Handelskammer in China. Wuttke nennt Projekte wie einen neuen Hafen in Sri Lanka, den der Inselstaat für 99 Jahre an China überschreiben musste, weil er nicht für ihn bezahlen konnte.

Auch offizielle Stellen in China zeigen sich mittlerweile besorgt. "Die derzeitigen internationalen Bedingungen sind sehr instabil. Unsere Unternehmen und die Länder, die an der BRI-Initiative teilnehmen, werden vor Finanzierungsproblemen stehen", warnte Hu Xiaolin, Vorsitzende der staatlich kontrollierten chinesischen Export-Import-Bank, die viele Seidenstraßen-Projekte finanziert, schon im Juni. Anschließend berichtete die "New York Times" aus Pekinger Regierungskreisen, dass China derzeit eine umfassende Neubewertung aller Seidenstraßen-Projekte vornehme, was sowohl ihre Zahl, ihr Finanzvolumen als auch die finanzielle Lage der beteiligten Länder betreffe.

Das Ergebnis könnte eine deutliche Reduzierung der Seidenstraßen-Projekte sein - nicht zuletzt, weil sich die Prioritäten in Peking verschieben - aufgrund verminderter Wachstumsaussichten, wachsender Inlandsschulden und der Unwägbarkeiten eines möglichen Handelskriegs mit den USA.

Straßenbau in Pakistan
AP

Straßenbau in Pakistan

"Der Grad der Begeisterung für die Seidenstraßen-Initiative ist im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich gesunken", stellte der indische Ökonom Eswar Prasad bereits Anfang Juli fest. Prasad leitete früher die China-Abteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und unterrichtet heute an der Cornell-Universität in den USA. Er hatte zuvor Gespräche mit chinesischen Regierungsvertretern geführt.

Prasads Beobachtung wird von den offiziellen chinesischen Zahlen gestützt. Demnach sind die Vertragsabschlüsse für Seidenstraßen-Projekte in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres um sechs Prozent im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum gesunken - auf ein Volumen von 36,2 Milliarden Dollar.

Schon im vergangenen Jahr war der Trend rückläufig. Nach Schätzung der im April neu gegründeten chinesischen Behörde für die Bank- und Versicherungsaufsicht (CBIRC) haben chinesische Banken in der vergangenen fünf Jahren Seidenstraßen-Kredite über insgesamt 200 Milliarden Dollar für 2600 Projekte vergeben. Doch genau mit dieser Projektinflation soll nun Schluss sein.

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Längst werden unter dem BRI-Siegel zahlreiche Projekte geführt, die mit dem ursprünglichen Auftrag der Infrastruktur-Entwicklung zwischen Asien, Europa und Afrika nur noch wenig zu tun haben: Zum Beispiel ein Vergnügungspark in Indonesien oder eine Brauerei in Tschechien.

Chinesische Unternehmen gingen teilweise Projekte mit unseriösen ausländischen Partnern ein, die das große chinesische Geld witterten. Nun fürchten die staatlichen Aufseher in Peking um die Finanzstabilität der Vorhaben.

Einen schlechten Ruf bei den Pekinger Kontrolleuren haben inzwischen auch viele Projekte in Afrika mit hoch verschuldeten Regierungen, die ihre Verpflichtungen oft nicht einhalten. Ganz anders liegen die Dinge in den asiatischen Zielländern Myanmar und Sri Lanka: Dort wollen neu gewählte Regierungen mit den Gewohnheiten ihrer Vorgänger brechen und setzen auf weniger Abhängigkeit von China.

Zug auf der Seidenstraßen-Strecke
AP/Wang shutian - Imaginechina

Zug auf der Seidenstraßen-Strecke

Peking aber hat erkannt, dass weitere Projekte in diesen Ländern das Verhältnis nur noch mehr belasten würden. "Schnelle Erfolgserwartungen wurden in vielen Zielregionen enttäuscht", berichtet auch der deutsche China-Forscher Thomas Eder vom Merics-Institut in Berlin. Eder verfolgt das Seidenstraßen-Projekt in einer langfristig angelegten Studie.

Dabei steht das Gesamtprojekt nicht infrage. Nach offiziellen Angaben unterschreiben chinesische Firmen derzeit noch genau so viele neue Seidenstraßen-Projekte wie zur gleichen Zeit fertiggestellt werden. Pekinger Beamte deuten das als Zeichen, dass der Anfangsboom beendet sei und die BRI-Initiative nun einen nachhaltigen Rhythmus gefunden habe.

Doch noch ist keines der Seidenstraßen-Projekte älter als fünf Jahre, und fast alle müssen ihre Rentabilität langfristig erst noch beweisen. "Die höchste Priorität sollte sein, dass die Seidenstraßen-Initiative nur dort hinführt, wo sie wirklich gebraucht wird", mahnte die Chefin der Weltwährungsfonds, Christine Lagarde, in diesem Frühjahr auf einer Konferenz in Peking.

Genau das ist in den vergangenen Jahren natürlich nicht passiert. Jeder stürzte sich auf das reichlich vorhandene Geld aus Peking. Marktwirtschaftliche Kalküle spielten oft nur eine untergeordnete Rolle. Der viel gerühmte Ausbau der Eisenbahnlinie von China über Zentralasien nach Europa, entlang der alten Handelsrouten auf der historischen Seidenstraße, ist nur ein Beispiel dafür. Die Züge fahren schon, doch Gewinne werfen sie bisher kaum ab. Was vom neuen Seidenstraßen-Traum eines Tages bleiben wird, steht also noch längst nicht fest.

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chattagam 21.07.2018
1. Hä?
"Demnach sind die Vertragsabschlüsse für Seidenstraßen-Projekte in den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres um sechs Prozent im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum - auf eine Summe von 36,2 Milliarden Dollar." Liegt es an mir, oder ergibt dieser Satz wirklich so keinen Sinn? Das klingt wie "Nachts ist es kälter als draußen."
Darwins Affe 21.07.2018
2. Chinas Bäume
1) Die Gesamtverschuldung Chinas hat inzwischen über 300 Prozent des BIP erreicht: Banken- und Immobilienkrise sind ubiquitär. Die chinesischen Unternehmen verschuldet bis zur Halskrause. Zusätzlich noch der böse Donald, der mit einem Handelskrieg droht. Die Weltherrschaft des vom Reichs der Mitte scheint noch nicht unangefochten. 2) Chinas Wachstum lässt nach. Seine Aktienindices fielen 2018 schon um 20 Prozent: Kein gute Perspektive --- auch nicht in einer Volksdiktatur. 3) Notabene: Nirgends wachsen die ökonomischen Bäume in den Himmel ---selbst wenn sie mit immer mehr Schulden finanziert werden.
Outdated 21.07.2018
3. Übertriebene Kritik?
Ich bin jetzt kein Freund Chinas, wenn man aber die Geschichte der Eisenbahn betrachtet so wird offenbar das ihr Bau die Chance auf die Entwicklung vorher schwer zu gänglicher Gegenden bietet. Im Falle der Seidenstraße bedeutet das, das wir in zehn vielleicht zwanzig Jahren absehen können ob die Investition, vom Finanziellen Gesichtspunkt, Sinnvoll war oder nicht.
irobot 21.07.2018
4.
Die Chinesen scheinen schlicht und einfach übersehen zu haben, dass man über einen längeren Zeitraum wirtschaftlich nicht planen kann. Da muss nur irgendwo ein Rad im Getriebe kaputt gehen (z.B. der Mann mit dem toten Tier auf dem Kopf) und sofort sind alle Konzepte hinfällig.
Andre V 21.07.2018
5.
Die einzige, die von den Schwierigkeiten der Neuen Seidenstraße überrascht sein dürften, werden diejenigen sein, bei denen der Heilsbringer immer aus dem Osten kam: Putin, Stalin, Lenin oder eben Mao, Pol Pot, Ho Tschi Minh und deren Erben. So ist das. Es gibt eben Überschneidungen zwischen Leuten, die die USA, den Kapitalismus und den Staat Israel ablehnen.
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