Deutsch-chinesische Partnerschaft Ein Denkmal für den reichen Kommunisten

Wuppertal hat endlich eine Friedrich-Engels-Statue. Das Kunstwerk ist ein Geschenk aus China und soll die kommunistisch-kapitalistische Freundschaft besiegeln. Da ist fast jeder begeistert - bis auf die letzten echten Marxisten.

Von , und (Video), Wuppertal

SPIEGEL ONLINE

Oberbürgermeister Peter Jung ist ein Mann mit freundlichem Auftritt. Am Mittwochvormittag erlebte er einen auf internationaler Bühne: Neben rund 300 Zuschauern verfolgten auch Kamerateams deutscher und chinesischer Sender, wie der CDU-Mann ein Denkmal für Wuppertals größten Sohn einweihte - Friedrich Engels, "den Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus".

Engels ist laut Jung der Grund, warum die rheinisch-bergische Metropole (ca. 340.000 Einwohner) ungewöhnlich enge wirtschaftliche Beziehungen zu China pflege: Die Statue ist ein kleines Geschenk Chinas, und so etwas erhält bekanntlich die Freundschaft und fördert das Geschäft. Logisch, dass da auch die CDU zu schätzen weiß, dass die Idee des Kommunismus auch in Wuppertal entstand.

Die Biografie des Ur-Kommunisten empfiehlt ihn nur bedingt als Symbolfigur für die internationale Wirtschaftsförderung. Seine Herkunft passt da noch am ehesten: 1820 als Spross einer reichen Baumwollfabrikantenfamilie im bergischen Barmen geboren, gehörte Engels zum Wuppertaler Wirtschaftsadel.

Statt hauptberuflich Sohn zu bleiben, bildete sich Friedrich, sah sich um in der Welt und machte sich Gedanken über die dort entdeckte Ungerechtigkeit. Er nutzte seine finanziellen Ressourcen dazu, mit seinem Freund Karl Marx eine Idee zu entwickeln und zu verbreiten, die als Marxismus Geschichte schrieb und die Welt veränderte.

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Touristenmagnet Friedrich Engels: China schenkt Wuppertal eine Statue

Und weil das so war, "kennt ihn in China jedes Kind", sagte Shi Mingde, Botschafter der Volksrepublik China, in seiner launigen Festrede zur Einweihung der Statue. Die steht nun im Engelsgarten, keine zweihundert Meter vor dem Engels-Haus, in dem Engels einst aufwuchs.

Das ist heute ein Museum und jeder dritte Besucher dort ein Chinese. Kein Wunder: Engels, Kommunist und zugleich reicher Unternehmerspross, passt prima zum chinesischen System, in dem sich kommunistischer Überbau und härteste kapitalistische Realität munter paaren. Viel besser als der chronisch klamme Marx.

Was den Touristen aus Fernost bisher in Wuppertal fehlte, war nur ein optisches Element, das ihr Erinnerungsfoto auch in einen erkennbaren visuellen Kontext setzte: Das Engels-Haus selbst sieht genauso aus wie das Gebäude daneben. Die Engels-Statue ist da eindeutiger. Die Ehrung per Denkmal, die über Jahrzehnte immer wieder angedacht und diskutiert wurde, gelang nun also am Ende als eine Art touristische Aufhübschung.

"Eigentlich", scherzte Bürgermeister Jung, "dürfte jetzt kein Chinese mehr aus Deutschland raus, bis er sich neben dieser Statue hat fotografieren lassen."

Der chinesische Botschafter nahm die Steilvorlage nicht weniger selbstironisch auf: "Die Botschaft ist angekommen. 600.000 Touristen kommen aus China, alle bleiben zwei Tage und geben 800 Euro aus."

Was man in Bronze gießt, ist Geschichte

Da lachte das ganze Publikum, sogar die Demonstranten von der Marxistisch-Leninistischen Partei MLPD, die eigentlich gekommen waren, um gegen die Statue zu protestieren. Zumindest ein bisschen, denn eigentlich sei es ja gut, dass es endlich eine Statue gebe, sagte einer. Nur eben nicht als Kapitalismus-Symbol und von den Chinesen, die doch "gar keine echten Kommunisten" mehr seien. Und dann noch so groß: "Da kriech'se ja Genickstarre!"

Ganz so schlimm ist es dann doch nicht: 3,85 Meter hoch ist der Bronze-Engels, steht da nun mächtig in Denkerpose und ist stilistisch irgendwo zwischen asiatischem Manga und sozialistischem Realismus angesiedelt.

Das passt ja auch: Mit dieser Statue sollen prinzipiell alle leben können. "Die einzigen, die sich dagegen ausgesprochen haben", erklärt eine städtische Angestellte, "waren die Rechten im Stadtrat."

Engels, Liebling der Massen von CDU bis China? So ganz dann doch nicht: Rund 300 Sicherheitskräfte von Polizei und Ordnungsamt hatte die Kommune aufgefahren, die Veranstaltung abzusichern. Doch nur den fünf, sechs Aktivisten der MLPD gelang es, sich unter das Publikum zu mischen: Sie verteilten Flugblätter - das war's.

"Ach ja, das sind immer dieselben, man kennt sich", sagte einer der Beamten über die kleine Schar der vom Verfassungsschutz als Linksextremisten beobachteten Alt-Kommunisten: "Das sind eigentlich alles ganz nette Leute." Ist Engels Integrationskraft also so groß, dass Missstimmungen bei so einem Event gar nicht erst aufkommen?

Ganz am Rand darf demonstriert werden

Das lag natürlich auch daran, dass man die angemeldete Demonstration der Tibet-Freunde 400 Meter abseits zum Halten gebracht hatte. Drei weibliche und ein männlicher Demonstrant standen auf dem Mittelstreifen der Engels-Allee und zeigten die tibetische Flagge. "Eigentlich eine Schande, dass wir nicht mehr sind", sagt eine der Frauen. Wie dem Grüppchen von Amnesty International, dass man 500 Meter in Gegenrichtung außer Sichtweite hielt, gehe es ihnen nicht um Engels, sondern um Menschenrechte. "Wir sollen nicht gesehen werden", sagte Thorsten Sippel, Organisator der Klein-Demo, "da sind die Chinesen extrem empfindlich."

Klar, chinesische Gefühle will man in Wuppertal wahrlich nicht verletzen. Auf Deutschland entfällt rund 30 Prozent des Handels, den China mit der EU treibt. 30 Milliarden Euro davon, rechnete Botschafter Shi Mingde auf, flössen allein nach Nordrhein-Westfalen. Und ein überproportionales Stück dieses Kuchens wiederum landet in der Region Wuppertal - auch aus ideologisch-sentimentaler Engels-Nostalgie.

Natürlich findet Bürgermeister Jung das gut, seine kriselnde Stadt kann es gebrauchen. Der CDU-Mann schaffte es problemlos, sich mit dem Ur-Kommunisten Engels zu solidarisieren. "Sie müssen einfach sehen", sagte er, "wie die Arbeitsbedingungen damals aussahen." Mit 27 Jahren seien Arbeiter damals kaputt gewesen. Da könne man doch verstehen, dass sich Engels für die Verbesserung dieser Umstände engagieren wollte: "Ich bin mir sicher, Engels würde heute zu anderen Schlüssen kommen, wenn er sehen könnte, was sich alles getan hat."

Außer vielleicht in China?

Falsche Frage an so einem schönen Tag. Als das Tuch fällt, applaudiert das Publikum, von Protesten ungestört. Guten Geschäften steht jetzt nichts mehr im Weg.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
WenLi 16.06.2014
1. Netter Artikel!
Sehr lesbar und amuesant geschrieben - und gleichzeitig informativ.
hardyhardy 16.06.2014
2. Danke China.
Eigentlich traurig, das wir Deutsche einem so berühmten Mann wie Engels nicht selber schon lange ein Denkmal gesetzt haben. Was mag China wohl über uns Deutsche denken? Wohl nur mitleidig, wie vor 200 Jahren, als man Deutschland als völlig unbedeutendes Ländchen irgendwo in Europa belächelte und geflissentlich ignorierte.
AlfredE. 16.06.2014
3. Ein Mahnmal
gegen diesen ganzen Rot-Front-Unfug wäre passender gewesen ....
vindex_sine_nomine 16.06.2014
4. Niederlage für Republik und Demokratie
Jedes Denkmal, das Kommunisten, Faschisten und Vertreter oder Fanatiker der drei abrahmatischen Religionen zeigt, ist ein Angriff die Republik, die Demokratie, die Menschenrechte, Liberalismus, Humanismus, Individualimus, auf Säkularisation und die Aufklärung. Wer für das Aufstellen oder das Annehmen dieser Statue als Geschenk war, ist ein Verrräter und ein Feind der eben genannten Werte.
Flying Rain 16.06.2014
5. Kleine Anmerkung
Mangas werden nur Comics aus Japan genannt wenn man genau bleibt...
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