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China: Vom Reich der Mitte zum Land der Frauen

Über den neuen Wohlstand Chinas verfügen zu großen Teilen die Frauen: In den meisten Familien sind sie fürs Finanzielle zuständig und gewähren ihren Männern ein Taschengeld. Werbemanager schneiden ihre Spots und Anzeigen nun immer stärker aufs weibliche Publikum zu.

Peking - Die Geldangelegenheiten der Familie regelt Wang Suwei. Die 55-jährige knöpft ihrem Mann jeden Monat das Gehalt ab, gibt ihm ein Fünftel für den Eigenbedarf und verwaltet den Rest. Kaufentscheidungen vom Haarshampoo bis zum Fernseher trifft Wang ganz allein.

Chinesin mit Hundefigur aus Gold: "Dramatische Veränderungen"
AFP

Chinesin mit Hundefigur aus Gold: "Dramatische Veränderungen"

"Wir nehmen es heute nicht mehr so genau: Was wir essen wollen, kaufen wir. Wenn wir spielen wollen, spielen wir, und wenn wir Lust haben zu singen, dann gehen wir in die Karaoke-Bar", sagt die bunt angezogene, stets lächelnde Frau. Über den neuen Wohlstand Chinas verfügen größtenteils die Frauen - kein Wunder, dass Werbemanager sich neuerdings gewaltig für die Chinesinnen interessieren.

"In China haben verheiratete Frauen sehr viel Macht, und das gilt auch für die Entscheidungen über die Ausgaben der Familie", sagt Tom Doctoroff, Nordostasien-Chef bei der Werbeagentur J. Walter Thompson. Einer Studie des Huakun Marktforschungsinstituts zufolge geben in 77 Prozent der chinesischen Familien die Frauen den Ton an, wenn es um den Kauf von Lebensmitteln, Kleidern und Konsumgütern geht. Bei einem wachsenden Markt von 1,3 Milliarden Menschen ist das vom Marketingstandpunkt aus höchst interessant.

Auf dem Land verdienen Frauen oft besser als ihre Männer

Doch die Chinesinnen entscheiden nicht nur über die Verwendung der Einkünfte ihrer Ehemänner, sie verdienen auch selbst immer mehr, sagt Yang Xiaoyan von der Hochschule für Fremdsprachen und Außenhandel in Guangdong. Grund dafür sei die rasante Expansion des Dienstleistungssektors, erklärt der Professor. Oft sei es für Frauen sogar leichter als für Männer, Arbeit zu finden. Frauen vom Lande, die als Verkäuferin oder als Putzfrau arbeiten gingen, verdienten sogar oft mehr als ihre Ehemänner.

"Dramatische Veränderungen", nannte der Vorsitzende der US-Handelskammer in Schanghai, Jesse Price, diese Vorgänge in einem kürzlich erschienenen Zeitungsinterview. Für die in China aktiven US-Firmen sei es eine faszinierende Herausforderung, ihre weibliche Kundschaft kennenzulernen. Das sei leichter gesagt als getan, sagt Doctoroff. Chinesische Frauen "sollen in der Gesellschaft immer noch die liebende Ehefrau und Mutter spielen". Dabei seien sie schon immer ehrgeizig gewesen. Dies sei einer der Gründe für eine gewisse Aggressivität der Chinesinnen.

Zeigen dürfen sie das aber nicht, vielmehr müssen sie möglichst weiblich wirken. Das liege an der Tradition, meint Doctoroff. Und so sei es durchaus nicht ungewöhnlich, dass eine Frau auf ihrem Schreibtisch modernste Technologie anhäufe, auf der sie dann "Hello Kitty"-Aufkleber anbringe. Die Werbeleute haben diese scheinbaren Widersprüche schon in ihre Strategie eingebaut. Im Huapu-Supermarkt in Peking, wo Hausfrauen Nudeln und Gemüse kaufen, finden sich kurz vor der Kasse Auslagen mit Jade-Schmuckstücken für über tausend Euro.

"Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, muss ich das kaufen"

Besonders ausgabefreudig sind den Marketingexperten zufolge junge unverheiratete Frauen, die berufstätig sind, aber kostenlos bei ihren Eltern wohnen. "Ich lese viele Modemagazine. Wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, dann muss ich mir das kaufen, sonst fühle ich mich nicht gut", sagt die 27 Jahre alte Pei Xinjie, die als Sekretärin arbeitet und bei ihren Eltern wohnt.

Die Marktforscher haben dabei schon längst mehr im Auge als nur Klamotten, Make-up und Schmuck für Frauen. "Schönheitschirurgie wird ein großer Renner werden", erwartet Doctoroff. "Nicht nur weil es den Frauen mehr Selbstvertrauen bringt, sondern weil es ihnen hilft, einen Job zu kriegen." Denn die wichtigste Erkenntnis beim Erforschen der weiblichen Konsumentenseele in China sei die, dass "Geldausgeben dort immer sehr zweckorientiert ist".

Cindy Sui, AFP

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