Chinas Wunderwirtschaft Land der vergifteten Flüsse

Für sein staunenswert schnelles Wirtschaftswachstum zahlt China einen Preis: Über zwei Drittel aller Flüsse sind verseucht, Arbeiter in Fabriken und Bergwerken erleiden katastrophale Bedingungen - pro Jahr sterben dort mindestens 100.000 Menschen bei Unfällen.


Peking - Die politische Führung in Peking reagierte nur zögerlich, nachdem vor zwei Wochen in der Provinz Jilin eine Chemiefabrik explodiert war und einen giftigen Benzol-Teppich in den Fluss Songhua spülte. Die Millionenstadt Harbin ist deshalb schon seit Tagen ohne Trinkwasser, langfristige Umweltschäden zeichnen sich ab.

Es handelt sich um keinen Einzelfall: Bei einer Explosion in einer Chemiefabrik in Dianjiang im Südwesten des Landes starb erst gestern eine Angestellte.

Giftiges Idyll: Sonnenuntergang am Songhua-Fluss in Harbin. Nach dem Chemieunfall ist die Wassergewinnung in der Millionenstadt still gelegt worden, Wasser muss per Lkw herangeschafft werden
AP

Giftiges Idyll: Sonnenuntergang am Songhua-Fluss in Harbin. Nach dem Chemieunfall ist die Wassergewinnung in der Millionenstadt still gelegt worden, Wasser muss per Lkw herangeschafft werden

"Das ist leider keine Überraschung", sagt Kevin May von Greenpeace China und erinnert an den größten Industrieunfall in der jüngeren Vergangenheit. Bei der Explosion eines Gasfeldes in der Nähe der südwestlichen Stadt Chongqing starben im Dezember 2003 243 Menschen, mehr als 9000 weitere erlitten Vergiftungen. Fast 61.000 Menschen mussten damals in Sicherheit gebracht werden. "Aus dieser Katastrophe hätten die chinesischen Behörden lernen müssen, sowohl in ökologischer als auch in menschlicher Hinsicht", mahnt der Umweltschützer.

Arbeitsunfälle sind in der chinesischen Industrie an der Tagesordnung. Laut einer Regierungsstatistik starben im vergangenen Jahr 136.755 Chinesen bei Arbeitsunfällen, unabhängige Beobachter schätzen die Zahl allerdings viel höher ein, da viele Unfälle mit niedrigen Totenzahlen gar nicht gemeldet würden. So sterben hunderte Chinesen, darunter zahlreiche Kinder, jedes Jahr bei der Produktion von Knallkörpern und Feuerwerk.

Wasser trinken auf eigene Gefahr

Zu den gefährlichsten Arbeitsgebieten gehören in China der Bergbau und die chemische Industrie. Wegen der miserablen Arbeitsbedingungen unter Tage kommen jedes Jahr rund 6000 Kumpel ums Leben - nach offiziellen Angaben. Unabhängige Experten schätzen die Zahl sogar auf 20.000.

Die Chemieindustrie ist einer der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige des Landes, der Produktionswert stieg im ersten Halbjahr 2005 um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Viele neue Chemiefabriken sind in den vergangenen Jahren aus dem Boden gestampft worden. Sie produzieren nicht nur für den heimischen Markt, sondern auch für andere Industriestaaten, in denen gefährliche Chemiefabriken nicht willkommen sind, wie der Greenpeace-Experte May erklärt. Fabriken würden oft an Flüssen gebaut, da das Wasser für den Produktionsprozess benötigt werde. "Und natürlich ist das für die Anwohner gefährlich, die das Wasser trinken", sagt May.

Selbst ohne größere Unfälle stellen Fabriken in China eine Gefahr für Gesundheit und Umwelt dar. Nach offiziellen Angaben sind 70 Prozent aller chinesischen Flüsse verschmutzt, weil die Industrie ihre Abfälle in die Gewässer leitet.

An Regeln mangelt es nicht, an Kontrolle sehr wohl

An Gesetzen zur Einschränkung der Umweltverschmutzung mangelt es nicht. Auf der Suche nach Investoren drücken die örtlichen Behördenvertreter allerdings gern mal ein Auge zu, wenn es um die Ansiedlung von Firmen geht. Hinzu kommt die weit verbreitete Korruption, die mit 50 bis 84 Milliarden Dollar zwischen drei und fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, wie Janos Bertok schätzt, der Co-Autor einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Den Profit und das Privatkonto fest im Blick, vernachlässigen Firmenchefs zudem oft die Qualifikation ihrer Mitarbeiter und die Einhaltung der Sicherheitstandards. Freie Gewerkschaften, die das Wohl der Arbeitnehmer im Auge haben könnten, gibt es nicht. Unter dem Dach der Kommunistischen Partei ist der Zentrale Gewerkschaftsverband nach Angaben eines ausländischen Diplomaten zu einem "Hobbyclub" verkommen.

Philippe Massonnet, AFP



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