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21. August 2006, 11:07 Uhr

Chinesisches Kunst-Werk

Van Goghs vom Fließband

Aus Shenzhen berichtet Martin Paetsch

Im Süden Chinas liegt die weltweit führende Produktionsstätte für Billigkunst: Rund fünf Millionen Gemälde – meist Kopien von Meisterwerken – exportiert das Künstlerdorf Dafen jährlich in alle Welt. Die schnellsten Akkordarbeiter pinseln bis zu 30 Bilder pro Tag.

Shenzhen - Am Eingang zum Künstlerdorf reckt eine meterhohe Hand einen enormen Pinsel gen Himmel. Die Bronzeskulptur vor den Toren von Dafen lässt keine Zweifel am gesunden Selbstbewusstsein des lokalen Managements aufkommen. Das "Dorf" - tatsächlich ein moderner Stadtteil von Shenzhen, einer Zehnmillionenstadt nördlich von Hongkong - hat es zu ungeahntem Ruhm und relativem Wohlstand gebracht. Mit Kreativität hat der unbescheiden zur Schau gestellte Erfolg allerdings nichts zu tun: Er beruht auf dem professionellen Abkupfern von Gemälden.

In wenigen Jahren hat sich Dafen zur führenden Produktionsstätte für billige Ölbilder aufgeschwungen. Geschätzte 60 Prozent der weltweit gepinselten Gebrauchskunst stammen aus der vier Quadratkilometer großen Siedlung. Im vergangenen Jahr exportierten die örtlichen Malfabriken Gemälde im Wert von umgerechnet 28 Millionen Euro. Längst haben ausländische Kunsthändler Dafen entdeckt: Sie reisen unter anderem aus den USA und Europa in den Süden der Volksrepublik und ordern containerweise Kopien.

Huang Jiang hat Dafen noch kennengelernt, als es wirklich ein Dorf war. Vor 17 Jahren kam er als erster Malunternehmer hierher. In Hongkong hatte er sich als Laufbursche verdingt, bevor er mit dem Kopieren bekannter Kunstwerke begann. Dann ging er über die Grenze, um im Niemandsland die erste Werkstatt zu gründen. Löhne und Mieten waren billig, und der Hafen von Hongkong nicht weit entfernt. "Als ich 1989 hier ankam, gab es nichts als sandige Feldwege zwischen Bambusbüschen", erinnert sich der heute 60-Jährige. "Für Fabrikanten war es wie Sibirien."

In Huangs Büro stehen drei identische, goldfarbene Büsten des Hausherrn selbst und erinnern an bessere Tage. Die Glanzzeit seines Unternehmens waren die neunziger Jahre. Im Auftrag der US-Supermarktkette Wal-Mart, so berichtet Huang, produzierte er einmal 50.000 Bilder in anderthalb Monaten. Jährlich nahm er umgerechnet bis zu 200.000 Euro ein - in China ein Vermögen. Heute setzen seine rund 40 angestellten Maler nur noch wenige Zehntausend Euro um.

Mit dem zuversichtlichen Lächeln seiner goldenen Konterfeis kann der echte Huang heute nicht mithalten. Er wirkt müde, die Konkurrenz macht ihm zu schaffen. Seine ehemaligen Schüler haben sich selbständig gemacht und rundherum ihre eigenen Werkstätten eröffnet. Huangs Idee ließ sich genauso einfach kopieren wie ein Ölgemälde. "In den ersten Jahren war ich der Einzige in diesem Geschäft", klagt er. "Damals war alles einfacher, doch mittlerweile ist der Wettbewerb hart geworden."

Vision vom McDonald's des Ölmalgeschäfts

Andere verkaufen Bilder in größerer Stückzahl und zu günstigeren Preisen. So zum Beispiel einer seiner früheren Lehrlinge, Wu Ruiqiu. Seine Firma "Shenzhen Artlover" verschifft jährlich über 300.000 Gemälde und ist einer der Vorzeigebetriebe in Dafen. Der Unternehmer träumt von einer industriellen Fließbandfertigung, bei der die Herstellung eines Gemäldes in einzelne standardisierte Fabrikationsschritte unterteilt ist. Er möchte "das Ölmalgeschäft so aufziehen, wie es McDonald's mit Fastfood getan hat." Bis Ende des Jahres will er eine eigene Kunstschule aufbauen, in der neue Talente ausgebildet werden sollen. Auch wenn man für die Massenproduktion nicht viel Talent braucht.

Schnellmal-Wettbewerb in Dafen Village (im Mai): Unbescheiden zur Schau gestellter Erfolg
AP

Schnellmal-Wettbewerb in Dafen Village (im Mai): Unbescheiden zur Schau gestellter Erfolg

Die chinesische Regierung ist stolz auf Dafen: Sie betrachte das Künstlerdorf als "wichtige Kulturindustrie", sagt Huang. Der jüngste Auswuchs des malerischen Wirtschaftswunders steht, weil der Platz im Dorf knapp wird, auf der anderen Seite der Hauptstraße. Vor dem neuen "Dafen Louvre" wacht zwischen Blumentöpfen eine Nachbildung von Michelangelos David. Die Treppenhauswände zieren altägyptische Szenen, die eher an einen Comic erinnern und mit chinesischen Namensstempeln signiert sind. Der Stilmischmasch scheint niemanden zu stören. Geschäftssinn verträgt sich im "Dafen Louvre" gut mit Geschmacklosigkeit.

Hinter dem hochtrabenden Namen verbirgt sich eine Shopping-Mall für gefällige Gebrauchskunst. Viele der winzigen Verkaufszellen stehen noch leer. Später soll die Elite des Dorfes hier vor allem eigene Kreationen ausstellen. Immerhin zehn Prozent der Gemäldeproduktion entspringt offiziellen Angaben zufolge einzig der Phantasie der Maler. Doch selbst die Originale sind selten originell. Können gibt es genug, doch Kunst ist Mangelware.

Rund fünf Millionen Ölbilder werden jährlich in Dafen gefertigt. In den Ateliers werkeln schätzungsweise 8000 bis 10.000 Maler. Die genaue Zahl kennt niemand, und jedes Jahr kommen etwa hundert Neulinge dazu. Neben den in der Massenfertigung arbeitenden Kopisten zieht es auch Absolventen von der besten Kunsthochschule des Landes nach Dafen. Die Pinselartisten vollenden im Monat nur wenige Bilder und verdienen bis zu tausend Euro.

Gemalt wird alles, was der Kunde wünscht

Von solchen künstlerischen Qualitäten ist in der "Zhi Wei Art Gallery" wenig zu spüren. Dort sortiert die junge Verkäuferin ungerahmte Bilder von barbusigen Schönheiten und Reitern in Heldenpose. "Die Motive", erklärt sie, "beruhen auf Anregungen von Kunden." Gemalt wird in Dafen alles, was der Käufer wünscht - ohne jedes Wimpernzucken wird das Antlitz der Liebsten in Gustav Klimts berühmtes Porträt von Adele Bloch-Bauer eingepinselt. Auch mehr oder weniger gelungene Nachbildungen von Klassikern erfreuen sich großer Beliebtheit. Gleich um die Ecke bietet ein Laden eine Kopie des Abendmahls von Leonardo da Vinci an. Das Gemälde mit dem etwas missratenen Heiland sei "ein Schnäppchen, das billigste im ganzen Dorf", behauptet die Galeristin.

Besser gelungen sind die Kopien in der "Wong Kong Oil Painting & Art Plaza". Van Goghs Sonnenblumen gehen in ansehnlicher Qualität für 40 Euro über den Tresen. Bei der Abnahme von hundert Gemälden, rechnet der Galerist vor, schlägt das Bild nur noch mit 26 Euro zu Buche - mit drei Wochen Lieferzeit und garantierter Ausführung durch Kunsthochschulabsolventen. Wer sich mit weniger sorgfältigen Pinselstrichen zufrieden gibt, bekommt das Hundert in nur einer Woche und für schlappe sechs Euro pro Bild. Dann aber kämen Maler ohne akademische Ausbildung zum Einsatz, fügt der Verkäufer hinzu.

Ein solcher Akkordarbeiter ist Wu Han Wu. Der 29-Jährige hat nur einen Mittelschulabschluss und lebt mit sechs Kollegen in einer engen Atelierwohnung im Obergeschoss eines der Häuser. Zwischen herumstehenden Leinwandrollen spielen Kleinkinder. Von der niedrigen Decke hängen überall fertige Bilder zum Trocknen. Im schummrigen Licht pinseln die Massenmaler jeden Tag zwölf Stunden lang - gearbeitet wird immer an zwei Gemälden gleichzeitig. Die Werkstatt ist, erklärt der Südchinese, auf Blumen und Landschaften spezialisiert.

Bis zu tausendmal dasselbe Motiv

Mit geübten Bewegungen spachtelt Wu einen Wald auf die Leinwand. In der Hand hält er ein winziges Foto, das ihm als Vorlage dient. Die Reproduktion zeigt eine südfranzösische Idylle mit Lavendelfeld. Am Tag schafft der Schnellmaler 20 bis 30 Kopien. Wenn es eine große Bestellung gibt, pinselt er bis zu tausendmal dasselbe Motiv. "Wir bekommen kein festes Monatsgehalt", sagt er. "Wir werden bezahlt nach der Zahl der fertigen Bilder."

Für jede Kopie erhält Wu umgerechnet 30 Cent. Im Monat verdient er so zwischen 100 und 300 Euro. Das reicht gerade zum Überleben, und um etwas Geld nach Hause zu schicken. Dennoch beklagt er sich nicht: "Es ist viel besser, in einer unabhängigen Werkstatt zu arbeiten und sich die Zeit selbst einteilen zu können." Früher, als die Maler noch in einer unternehmenseigenen Fabrik ihrem Handwerk nachgingen, war ihr Tagesablauf durch einen festen Zeitplan geregelt.

Zumindest was die Arbeitszeiten betrifft, führen Wu und seine Mitbewohner mittlerweile ein Leben wie viele der von ihnen kopierten Künstler: Sie fangen erst mittags mit dem Malen an, arbeiten dafür aber bis spät in die Nacht. Anders als manche Kollegen, die sich in dem Dorf einen Namen gemacht haben, wird Wu aber wohl nie Originale auf die Leinwand bringen.

Der junge Mann gesteht: Wenn er malen dürfte, was er wollte, würden ihm schnell die Ideen ausgehen.

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