Chiquita "Bald kommt keiner mehr an klaren Standards vorbei"

Chiquita war der Inbegriff für Ausbeutung auf Bananenplantagen - am Ende ging der Konzern auf seine Kritiker zu. Manager Jaksch erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wieso der Druck gut war und es bald kein Unternehmen mehr ohne Sozial- und Umweltstandards geben wird.


SPIEGEL ONLINE: Herr Jaksch, wenn die Menschen heute den Namen Chiquita hören - denken sie dann an Bananen oder an den Lieblingsfeind der Globalisierungsgegner?

Jaksch: Wahrscheinlich an beides. Aber das zählt für mich erst mal nicht. Denn wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, nicht unser Image, sondern unseren Konzern zu verändern. Deshalb haben wir vor Jahren damit angefangen, uns mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen.

Chiquita-Bananen: "Der Konsument - und besonders der europäische - hat sich in den letzten Jahren gravierend verändert"
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Chiquita-Bananen: "Der Konsument - und besonders der europäische - hat sich in den letzten Jahren gravierend verändert"

SPIEGEL ONLINE: Ist das mehr als PR, wie Ihnen Kritiker immer wieder vorwerfen?

Jaksch: Das Ganze ist ein Lernvorgang. Und sicher waren wir nicht von Anfang an perfekt. Aber klar ist: Nachhaltigkeit ist für uns nur ein Aspekt des ganzen Kapitels "Soziale Verantwortung". Wir sind in der tropischen Landwirtschaft vor allem in Entwicklungsländern tätig, da haben wir eine besondere Verantwortung. Dabei geht es nicht nur um die Einhaltung von Gesetzen, sondern auch um ethisches Verhalten, um Umweltstandards, Menschenrechte und Kinderarbeit.

SPIEGEL ONLINE: Genau da bescheinigen Ihnen Gewerkschaften aber immer wieder Mängel.

Jaksch: Als führendes Unternehmen der Branche werden wir immer kritische Stimmen hören. Aber das hat seine Vorteile - denn aus dieser Kritik entstehen wertvolle Dialoge. Außerdem arbeiten wir gerade deshalb mit externen Organisationen wie der Rainforest Alliance zusammen, um deren Standards zu übernehmen. Das stärkt Disziplin und Objektivität im Unternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Was aber, wenn Sie diese Kriterien nicht erfüllen?

Jaksch: Uns ist klar, dass wir als Unternehmen noch viele Aufgaben vor uns haben - zumal die Standards immer höher und die Herausforderungen damit größer werden. Aber das ist ein Lernprozess, der dazu führt, dass wir uns ständig verbessern. Wir treffen auf immer neue Themen, aber durch die intensive Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und NGOs entstehen oft gute Lösungen. Die haben dazu geführt, dass das Verhältnis zwischen Unternehmen, Mitarbeitern und Gewerkschaften sich sehr verbessert hat. Frühere Konfrontationen und schwerwiegende Streiks sind praktisch vom Tisch.

SPIEGEL ONLINE: War das der Grund, warum Chiquita einen so klaren Richtungswechsel eingeläutet hat?

Jaksch: Unser Unternehmen stand jahrelang extrem in der Kritik, die kann man nicht dauerhaft überhören. Das würde langfristig unser Geschäft schädigen. Eine große Rolle hat aber auch gespielt, dass die Führungsebene den Richtungswechsel für grundsätzlich richtig gehalten hat. Das war also nicht nur eine defensive Reaktion auf die Kritik, sondern auch persönliche Überzeugung.

SPIEGEL ONLINE: Das ist erstaunlich, denn durch moralische Integrität ist das Unternehmen jahrzehntelang nicht aufgefallen.

Jaksch: Chiquita spiegelt - wie so viele andere Unternehmen auch - den Geist der Zeit wider. Die Menschen, die heute in das Unternehmen kommen, haben ganz andere Vorstellungen und Einstellungen als früher. Heute müssen wir nicht nur ein anständiges Gehalt, sondern auch Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung bieten, wenn wir gutes Personal wollen.

SPIEGEL ONLINE: Auch, wenn es teuer ist?

Jaksch: Natürlich hat das Geld gekostet: Allein um die Zertifikate von der Rainforest Alliance zu bekommen, mussten wir rund 20 Millionen Dollar investieren, um Farmen zu modernisieren. Aber es lohnt sich langfristig.

SPIEGEL ONLINE: Honorieren die Kunden ihre Bemühungen?

Jaksch: Der Konsument - und besonders der europäische - hat sich in den letzten Jahren gravierend verändert. Inzwischen fragt er nach den Produktionsbedingungen, das Bewusstsein ist deutlich gestiegen. Darauf hat auch der Einzelhandel reagiert und setzt die Produzenten zunehmend unter Druck. Dadurch wird ein großer Hebel in Bewegung gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die kritischeren Kunden anstrengend für die Produzenten?

Jaksch: Sie sind anstrengend, aber sie haben auch große Vorteile. Wir haben zum Beispiel durch bessere Umweltverträglichkeit unserer Produktion auch unsere Kosten gesenkt. Wir arbeiten effizienter, weil unsere Angestellten besser ausgebildet und damit produktiver sind. Wir haben ein besseres Arbeitsklima, das die Spannungen im Unternehmen deutlich reduziert hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es nicht auch gefährlich, wenn die Konsumenten so aufmerksam sind und jeden Fehler des Unternehmens registrieren?

Jaksch: Es kommt darauf an, wie man mit Kritikern umgeht. Wir gehen inzwischen auf sie zu, laden sie ein und stellen ihnen unser Unternehmen, aber auch unsere Probleme vor. Transparenz ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Kann es sich ein Unternehmen überhaupt noch leisten, nicht nachhaltig zu sein?

Jaksch: Es gibt in allen Branchen noch Billiganbieter, die nicht nach den Produktionsbedingungen fragen. Aber das ist bald vorbei. Denn wenn sich so wie jetzt der Einzelhandel und selbst die Discounter verpflichten, bestimmte Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten, kommt da bald niemand mehr dran vorbei.

SPIEGEL ONLINE: Wir werden also in wenigen Jahren flächendeckend nachhaltig arbeitende Produzenten haben?

Jaksch: Ich glaube ja. Es dauert immer, bis ein Konzept erstellt und dann auch umgesetzt wird. Aber in drei bis fünf Jahren ist das soweit.

SPIEGEL ONLINE: Nachhaltigkeit ist also kein Trend, der wieder vorbeigeht?

Jaksch: Diese Bewegung ist nicht umkehrbar. Kein Einzelhändler wird es sich erlauben können, diese Grundsätze zu missachten. Das ist kein falscher Optimismus, sondern eine tief sitzende Verpflichtung.

SPIEGEL ONLINE: Was wird dann die nächste große Herausforderung für Chiquita?

Jaksch: Es gibt ein großes Problem, nicht nur für uns, sondern für alle Unternehmen gilt: Wir müssen begreifen, was der Klimawandel für unseren Konzern bedeutet. Das wird vieles beeinflussen. Was können wir tun, um Emissionen zu verringern? Da geht es vor allem um die Weiterentwicklung der Technologien.

SPIEGEL ONLINE: Haben die großen Unternehmen diese Herausforderung schon begriffen - gerade in Zeiten der Finanzkrise?

Jaksch: Vielleicht teilweise. Natürlich ist die globale Wirtschaftskrise wichtig, aber die eigentlich große Krise ist der Verlust der Biodiversität, der immense Gegensatz zwischen Arm und Reich und der Klimawandel. Das ist trotz Finanzkrise unübersehbar.

Das Interview führte Susanne Amann



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Firedancer 25.03.2009
1. Viel geredet und wenig gesagt
Ich glaube, das einzig klare Statement, was der Herr hätte geben können, wäre folgendes gewesen: Wir tun dies, damit wir langfristig am Markt Erfolg haben und weiterhin Gewinne einfahren können. Soziale Verantwortung ist ein schönes Wort, aber seien wir doch mal ehrlich: Wer fühlt sich verantwortlich, wenn es ihm keinen Nutzen bringt? Die wenigsten. Es ist auf jeden Fall zu begrüßen, wenn es Veränderungen und Verbesserungen gibt, aus welchen Gründen diese dann geschehen, ist vielleicht erst einmal zweitrangig.
Alangasi, 25.03.2009
2. Ja
Zitat: Heute müssen wir nicht nur ein anständiges Gehalt, sondern auch Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung bieten, wenn wir gutes Personal wollen. Genau so ist der auch den Job gekommen!
G-Kid 25.03.2009
3. Kein Wort von biologischen Anbau
Zitat von sysopChiquita war der Inbegriff für Ausbeutung auf Bananenplantagen - am Ende ging der Konzern auf seine Kritiker zu. Manager Jaksch erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wieso der Druck gut war und es bald kein Unternehmen mehr ohne Sozial- und Umweltstandard geben wird. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,614302,00.html
Kein Wort davon, daß Chiquita mal vorhat, Bio- Bananen zu produzieren. Das ist wohl der Hauptgrund, warum der Umsatz zurückgegangen ist. Welcher vernünftig denkende Mensch verspeist denn noch dieses voller Chemi steckende Zeug, genannt Chiquita-Bananen?
Kibonaut 25.03.2009
4. ach nee
also mir geht das CSR-Gefasel der internationalen Konzerne dermassen auf den Senkel! Es sind halt profitorientierte Unternehmen, und solange CSR monetär auf die Unternehmensmarke einzahlt, wird das gemacht,. Wenn nicht, dann eben nicht. Das Problem ist, dass die Motivation hinter CSR kein ehrliches Verantwortungsgefühl ist, sondern das Bedürfnis, das Image zu schützen. Der Rest ist PR. Ganz einfach.
snowman 25.03.2009
5. Nicht schlecht, Herr Jaksch
Zitat von sysopChiquita war der Inbegriff für Ausbeutung auf Bananenplantagen - am Ende ging der Konzern auf seine Kritiker zu. Manager Jaksch erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wieso der Druck gut war und es bald kein Unternehmen mehr ohne Sozial- und Umweltstandard geben wird. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,614302,00.html
Nicht schlecht, Herr Specht. Jaksch geht da recht mutig mit den Fragen um und spart nicht mit reflektiver Selbstkritik. Mal sehen, was die Zukunft zeigt, denn auch die allerschönste Schwalbe macht alleine noch keinen Frühling. In einem aber hoffe ich, dass da nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist: Die Unumkehrbarkeit derzeitiger Prozesse... Ich selber hoffe auch, dass die derzeitigen Entwicklungen bzgl. Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit NICHT umkehrbar sind, sehr sogar. Und doch bin ich da etwas skeptisch, vor allem, wenn's Hemd etwas enger wird und den Ersten im Lande der Magen knurrt.
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