Chrysler-Verkauf: Wie sich die IG Metall mit einer Heuschrecke einlässt
Vor ein paar Wochen war das noch undenkbar: Der US-Autobauer Chrysler wird an eine Heuschrecke verkauft. Doch nun stimmen selbst die Gewerkschaften dem Geschäft zu. Die IG Metall hüllt sich in Schweigen.
Hamburg - Wer auf eine offizielle Erklärung hofft, der wartet vergebens: Die IG Metall äußert sich zum Verkauf von Chrysler an den Finanzinvestor Cerberus nicht. "Da halten wir uns zurück", sagt ein Gewerkschaftssprecher in Baden-Württemberg. Auch in der Bundeszentrale in Frankfurt gibt man sich schweigsam. Eigene Stellungnahmen formulieren die IG-Metall-Funktionäre nicht, stattdessen wird auf die Pressemitteilung des Gesamtbetriebsrats von DaimlerChrysler
verwiesen. "Dem gibt es nichts hinzuzufügen", sagt ein Gewerkschaftssprecher knapp.
Chrysler-Stern: Von internationaler Solidarität keine Spur
Die Verschwiegenheit der größten deutschen Industriegewerkschaft hat ihren Grund. Denn bisher war die IG Metall an vorderster Front dabei, wenn es darum ging, den Heuschrecken-Kapitalismus zu bekämpfen. Noch im Herbst plante sie ein Informationsnetzwerk aus Betriebsräten, an das sich Mitarbeiter wenden können, wenn ihre Firma von Finanzinvestoren übernommen wird. "Eine Art erste Hilfe" nannte das Bundesvorständlerin Babette Fröhlich. Sogar auf den Titel ihres Monatsmagazins hob die IG Metall die angeblichen "Aussauger".
Doch nun ist davon nichts mehr zu hören. Im Gegenteil: Auch die Arbeitnehmervertreter der IG Metall wollen im Aufsichtsrat von DaimlerChrysler für den Verkauf der US-Sparte an Cerberus stimmen - von internationaler Solidarität keine Spur.
Im Aufsichtsrat des deutsch-amerikanischen Konzerns spielen die Arbeitnehmervertreter traditionell eine gewichtige Rolle: Gegen ihren Willen geschieht fast nichts. Umso erstaunlicher ist der Sinneswandel der IG Metall. Was hat die Gewerkschafter dazu bewogen?
Bisher machten die zehn Arbeitnehmervertreter im DaimlerChrysler-Aufsichtsrat - neun Deutsche und ein Amerikaner - keinen Hehl daraus, dass sie sich gegen den Verkauf an einen Finanzinvestor stemmen würden, falls Vorstandschef Dieter Zetsche dies vorschlagen sollte. "Für uns ist wichtig, dass Chrysler nicht zerstückelt wird", sagte Gerd Rheude, Betriebsratsvorsitzender im Wörther Lastwagenwerk und Mitglied im Aufsichtsrat des Konzerns. Vielmehr müsse eine Lösung gefunden werden, "durch die die Jobs unserer amerikanischen Kollegen gesichert bleiben".
Noch deutlicher äußerte sich Helmut Lense, Betriebsratschef im Motorenwerk Untertürkheim. Sollte sich DaimlerChrysler demnächst von seiner amerikanischen Hälfte trennen, dürften auf keinen Fall Finanzinvestoren zum Zuge kommen. "Den Verkauf an Private-Equity-Investoren, die nur die Filetstücke herausschneiden, unterstützen wir nicht", sagte Lense, der ebenfalls dem Kontrollgremium des Autokonzerns angehört.
Zu diesem Zeitpunkt bestand noch Hoffnung, dass der schwäbisch-amerikanische Konzern um einen Deal mit einer Heuschrecke herumkommen würde. Denn neben den Private-Equity-Firmen Cerberus, Blackstone und Centerbridge Partners galt vor allem der kanadische Autozulieferer Magna
als ernster Interessent für Chrysler.
Den Klotz am Bein loswerden
Doch hinter den Kulissen war schnell klar, wer das Rennen machen würde. So lässt sich wohl auch erklären, warum ausgerechnet Gesamtbetriebsratschef Erich Klemm zu der heiklen Frage bedeutsam schwieg. Zu den möglichen Interessenten für Chrysler hieß es von ihm stets: "Kein Kommentar." Nur eine Aussage war ihm zu entlocken: Er werde sich für "die nachhaltige Sicherung der Zukunft der Chrysler-Arbeiter und ihrer Familien" einsetzen.
Tatsächlich jedoch war das Mitgefühl der deutschen Beschäftigten mit ihren amerikanischen Kollegen nie besonders groß. Die meisten wollten Chrysler lieber heute als morgen abstoßen - und so den lästigen Klotz am Bein loswerden. Klemm höchstpersönlich warnte vor negativen Folgen für den Konzern durch die Verluste von Chrysler. "Die Menschen sind weit auseinander", sagte er einmal. "Der Kollege am Fließband in Sindelfingen und der in Detroit - die kennen sich nicht."
Entsprechend leicht fiel es der Konzernspitze, das Ja der deutschen Belegschaft zum Chrysler-Verkauf zu erwirken. Schließlich drohte das Milliarden-Minus bei Chrysler den Gesamtkonzern mit nach unten zu ziehen. "Ich glaube, die Not war noch viel größer, als wir alle je gedacht haben", sagt Guido Reinking, Chefredakteur der "Automobilwoche", im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Nur so lässt sich erklären, dass die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat diesem Verkauf zustimmen wollen."
- 1. Teil: Wie sich die IG Metall mit einer Heuschrecke einlässt
- 2. Teil: Ritterschlag für die Private-Equity-Branche
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