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Codename "Eichhörnchen": Bahn soll mehr als tausend Mitarbeiter ausgespäht haben

Schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn: Der Konzern soll im großen Stil Mitarbeiter bespitzelt haben - auch viele Top-Manager. Der Konzern verteidigte die Spähaktionen, die unter den Namen "Eichhörnchen" und "Babylon" liefen. Es gehe um den Verdacht der Korruption.

Hamburg - Nach Angaben des "Stern" hat die Deutsche Bahn insgesamt mehr als tausend Menschen ausspionieren lassen. Auch ein Großteil des oberen Managements sei betroffen, ebenso deren Ehepartner, berichtet die Zeitschrift unter Berufung auf interne Auftragsunterlagen.

Bahn-Mitarbeiter: Codename "Babylon"
DPA

Bahn-Mitarbeiter: Codename "Babylon"

In allen Fällen sei die Network Deutschland GmbH aktiv gewesen - dieselbe Detektei, die auch bei der Telekom für Spitzeldienste eingesetzt wurde. Die Konzernrevision der Bahn habe Network zuletzt 2007 beauftragt, meldet der "Stern". Die Spähaktionen sollen im Namen der Korruptionsbekämpfung gelaufen seien.

Vom "Stern" konfrontiert, räumte die Bahn ein, dass es entsprechende Ermittlungsaktionen gegeben habe. Auch mögliche Probleme beim Datenschutz gab der Konzern zu.

Das Unternehmen reagierte zudem am Dienstag mit einer Erklärung auf die Recherchen. In dieser heißt es, der Hinweis auf mögliche Verstöße werde ernst genommen. Eine abschließende Bewertung des Verfahrens stehe noch aus. Bislang bestünden keine Anhaltspunkte für die Beteiligung von DB-Mitarbeitern an Straftaten.

Eine der verdeckten Aktionen bei dem Staatsunternehmen trug der Zeitschrift zufolge den Decknamen "Eichhörnchen". Im Jahr 2003 habe Network Deutschland den Unterlagen zufolge den Auftrag erhalten auszukundschaften, ob Top-Manager der Bahn oder deren Ehepartner außerhalb des Unternehmens wirtschaftlich engagiert waren. Im Fall von "Eichhörnchen" bestand kein konkreter Verdacht. Die Revision der Bahn habe eine CD-Rom mit den persönlichen Daten von 774 Führungskräften an die Detektei weitergereicht.

Bereits im Dezember 2002 sei das Projekt "Babylon" gelaufen. Auch hier sei gleich eine Rasterfahndung initiiert worden, statt zunächst gezielt nach Tätern zu suchen. Die Firma Network habe damals den Auftrag erhalten, Verbindungen zwischen Mitarbeitern der Bahn und Lieferanten zu ermitteln, berichtet der "Stern". Hunderte Personen seien im Zuge von "Babylon" gerastert worden. In der Auftragsbeschreibung der Detektei heißt es demnach dazu: Nach dem Adressabgleich sei der Auftrag "dahingehend erweitert" worden, "auch die Bank- und Telefonverbindungen in die Untersuchung einzubinden".

Der für die Aufsicht des Konzerns zuständige Datenschutzbeauftragte von Berlin, Alexander Dix, kritisiert die Aktionen, über die der "Stern" berichtet. "Wir haben bei der Bahn erhebliche Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz festgestellt", sagte er dem Magazin. Jetzt prüfe man, ob das Unternehmen ein Bußgeld zahlen müsse. "Ein Straftatbestand ist in einigen Fällen nicht auszuschließen. Wir prüfen, ob wir die Staatsanwaltschaft einschalten."

Die Bahn erklärt, ein Vergleich mit Datenschutzskandalen - wie bei der Telekom - sei "völlig falsch und abwegig". Bei der Telekom wurden laut Staatsanwaltschaft zwischen 2005 und 2006 mindestens 60 Personen bespitzelt, darunter Aufsichtsräte, ein Vorstandsmitglied, Angehörige des Betriebsrats und Journalisten. Auch dem Discounter Lidl wird vorgeworfen, Detektive damit beauftragt zu haben, die Verhaltensweisen von Mitarbeitern zu überwachen.

ssu

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