Conti-Übernahme Angriff der listigen Witwe

In der Übernahmeschlacht um Continental zieht die umtriebige Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler alle Register. Die Angreiferin aus Mittelfranken hat mächtige Helfer und arbeitete mit den Tricks gewiefter Investoren. Jetzt bietet sie für den Hannoveraner Dax-Konzern.

Von Andreas Nölting


Hamburg/Hannover - Jetzt ist es offiziell: Die Schaeffler-Gruppe will den Autozulieferer Continental Chart zeigen übernehmen. Das erklärte das Unternehmen in einer Börsenmitteilung. Der fränkische Automobilzulieferer bietet demnach 69,37 Euro pro Aktie in bar für den Hannoveraner Konzern.

Maria-Elisabeth Schaeffler: Attacke auf Conti
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Maria-Elisabeth Schaeffler: Attacke auf Conti

Es ist auch der Kampf der "listigen Witwe" gegen den weltgewandten CEO, der Provinzfirma gegen den schillernden Dax-Konzern, der intransparenten Familientradition gegen den schnellen Börsen-Euro. Der Angriff von Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler auf den dreimal größeren Börsenkonzern um Vorstandschef Manfred Wennemer hat alle Ingredienzien, um zu einer der spektakulärsten Übernahmeschlachten des Jahres zu werden.

Schaeffler, die seit dem Tod ihres Mannes Mitte der neunziger Jahre das Familienunternehmen aus dem fränkischen Herzogenaurach kontrolliert, hat mächtige Verbündete. Neun Großbanken arbeiten nach Informationen von manager-magazin.de für den Hersteller von Wälz- und Kugellagern: Die Deutsche Bank - was diese allerdings dementiert, die Credit Suisse, die Royal Bank of Scotland, Merrill Lynch, Dresdner Bank, Commerzbank, UBS, Unicredit und die LBBW. Continental hat zur Abwehr der Übernahmeattacke die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs engagiert.

Rund 36 Prozent der Conti-Anteile haben sich die Angreifer nach Informationen beteiligter Banker bereits gesichert – vor allem durch Aktienoptionen. Diese Finanzinstrumente ermöglichen dem Inhaber den späteren Kauf der nötigen Conti-Aktien, zu einem bereits festgelegten Preis. Die Deutsche Bank, Hausbank der Schaeffler-Gruppe, soll die heimliche Aktion nach Informationen aus Finanzkreisen über mehrere Wochen koordiniert haben - was die Deutsche Bank ebenfalls dementiert.

Allerdings sind auch Optionsgeschäfte meldepflichtig, wenn diese einen Anteil von mehr als 5 Prozent des Aktienkapitals (bei direkten Aktienkäufen sind es drei Prozent) überschreiten. Und genau diese Meldepflicht sollen die Angreiferbanken missachtet haben, so der Vorwurf. Der Vorstand von Continental hat daher per Fax und Brief an die Finanzaufsicht Bafin das Vergehen angeprangert und die Behörde um rechtlichen Beistand gebeten.

Die möglichen Konsequenzen können die Angreifer um die Milliardärin Maria-Elisabeth Schaeffler allerdings locker verkraften. Maximal 200.000 Euro Bußgeld kostet ein Meldepflicht-Verstoß bei Optionsgeschäften, rechnet eine Sprecherin der Bafin vor. Bei direkten Aktienkäufen wäre die Situation für den Angreifer dagegen sehr viel schwieriger: In diesem Fall hätte der Verstoß zu einem Verlust der Stimmrechte führen können.

Contis Optionen

Und so beweist das Schreiben des niedersächsischen Konzerns, wie hilflos sich die Manager um Manfred Wennemer offenbar fühlen. Welche Optionen haben Conti und Verteidiger Goldman Sachs überhaupt noch?

Sie könnten die Politik alarmieren. Doch hier greift keine ausländische Heuschrecke nach einem heimischen Konzern, sondern ein deutsches Familienunternehmen ist der Angreifer. Sie könnten einen "Weißen Ritter" suchen, der mit Contis Billigung seinerseits ein Übernahmenangebot abgibt. Doch sollte sich Schaeffler tatsächlich mehr als ein Drittel der Aktien - und damit nahezu die Hauptversammlungsmehrheit - gesichert haben, dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass ein "Weißer Ritter" auftritt, ziemlich gering sein.

Zudem gilt der größte Einzelaktionär von Continental - die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Capital Group hält 8,3 Prozent - als leidenschaftslos. Bei einem ordentlichen Preis dürften die Amerikaner liebend gerne ihr Paket verkaufen.

Schaeffler profitiert von Kurssteigerungen

Und nun hat Schaeffler den Conti-Aktionäre ein formelles Kaufangebot unterbreitet. Das allerdings fällt überschaubar aus. 69,37 bieten die Franken pro Conti-Aktie, an der Börse notierte das Papier am Nachmittag bei 74,23 Euro.

Auch dahinter könnte Kalkül stecken. Eine Pflichtofferte zu einem niedrigen Preis könnte dazu führen, dass die restlichen freien Aktionäre die Offerte ablehnen. Dann wäre Schaeffler ungebunden, könnte sukzessive Conti-Aktien zukaufen, ohne erneut ein Übernahmeangebot unterbreiten zu müssen. Hierfür gibt es ein prominentes Vorbild: Auf ähnliche Weise ist bereits Porsche bei der schleichenden Übernahme von Volkswagen vorgegangen.

Wie sicher sich die "listige Witwe" momentan offenbar fühlt, beweist das jüngste Gerücht: Angeblich hat eine ihrer Angreiferbanken Journalisten von der spektakulären Übernahmeattacke informiert. So schoss die Conti-Aktie binnen Minuten um mehr als 25 Prozent in die Höhe und macht es damit jedem Verteidiger oder "Weißen Ritter" enorm teuer, Conti-Aktien zur Gegenwehr zu kaufen.

Maria-Elisabeth Schaeffler durfte sich die Kursexplosion in aller Ruhe anschauen. Die nötigen Aktien hatte sie längst erworben, der Kursanstieg machte sie nur noch reicher.



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