Crash-Gefahr China Inc. geht die Luft aus

Die Inflation schießt in die Höhe, die Börse in Shanghai schwächelt bedenklich: Die chinesische Wirtschaft zeigt erste Zeichen einer ernsten Krise. Deutschland ist gut beraten, sich wirtschaftlich nicht zu sehr von der Volksrepublik abhängig zu machen, warnt der Ökonom Thomas Straubhaar


Hamburg - Es gibt Blasen, die platzen mit einem Mal. Über Nacht werden riesige Vermögen vernichtet. Die Preisblase bei US-Immobilien ist hierfür ein Beispiel. Es gibt aber auch andere Blasen, die langsam - dafür stetig - Luft verlieren. Die Entwicklung in China folgt diesem Muster.

Börsentafel in Shanghai: Kurssturz von bis zu 40 Prozent
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Börsentafel in Shanghai: Kurssturz von bis zu 40 Prozent

Ohne lauten Knall, aber nicht minder dramatisch, ging es an der Börse in Shanghai in den vergangenen Monaten nur in eine Richtung: nach unten. Seit Jahresbeginn hat der wichtigste chinesische Leitindex, der CSI 300, rund 40 Prozent eingebüßt. Erst nachdem die Regierung in Peking die Stempelabgabe auf den Aktienhandel senkte, legte das Börsenbarometer wieder etwas zu. Trotzdem bleibt es seit dem Jahresanfang bei einem Wertverlust von rund 30 Prozent.

Keine andere wichtige Leitbörse weist auch nur annähernd ähnlich hohe Verluste aus wie der CSI 300. Dax und Euro-Stoxx 50 zeigen Anfang Mai ein deutlich geringeres Minus von 12 bis 15 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn. Selbst der japanische Nikkei und der amerikanische Dow Jones verloren weniger stark an Wert.

Noch übertragen sich die herben Kursverluste an den Börsen nicht auf die chinesische Wirtschaft. Anders als in den USA haben die Wertgewinne früherer Jahre in China zu keiner "Vermögensillusion" geführt. Die Chinesen haben sich angesichts der steigenden Börsenkurse nicht so reich gefühlt, dass sie ihr Konsumverhalten geändert hätten - sie haben die Kursgewinne nicht zu höheren Ausgaben genutzt. Sie haben auch nicht wie amerikanische Hausbesitzer mit den Vermögenswerten als Bürgschaft zusätzliche Verbraucherkredite aufgenommen.

Eine Aufholjagd gerät ins Stocken

In den USA werden die in guten Zeiten aufgetürmten Schulden bei steigenden Zinsen zu schwerwiegenden Bürden. Sie treiben unzählige Hausbesitzer in den Ruin. Hier liegt einer der fundamentalen Gründe dafür, dass das Vertrauen der amerikanischen Verbraucher im April 2008 auf den tiefsten Stand seit einem Vierteljahrhundert fiel. Viele Amerikaner müssen zuallererst Zinsen zahlen, Schulden tilgen und wieder Grund unter den Füßen finden, bevor sie wieder zum kreditfinanzierten Geldausgeben in die nächsten Geschäfte laufen.

In China hat sich für viele Kleinsparer lediglich der Traum vom schnellen Reichtum verflüchtigt. Für die täglichen Einkäufe bleibt dies vorerst ohne Folgen. Noch hat der langsame aber stetige Luftverlust der chinesischen Spekulationsblase daher keine Spuren beim gesamtwirtschaftlichen Konsum hinterlassen. Doch die Anzeichen mehren sich, dass auch der chinesischen Wirtschaft die Luft ausgeht.

Jahrelang entwickelte sich das Land mit enormer Dynamik. Seit Deng Xiaoping 1978 die Macht übernahm und China in die Weltwirtschaft reintegrierte, lag die durchschnittliche reale Wachstumsrate bei knapp zehn Prozent pro Jahr. Kein anderes Land, nicht Irland, nicht Indien und auch nicht Südkorea, weisen auch nur annähernd einen ähnlich stürmischen Aufholprozess auf.

Die Inflation dürfte auf zehn Prozent hochschnellen

China ist mittlerweile eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Nimmt man, was in diesem Falle angezeigt ist, den nominalen Wechselkurs als Umrechnungsmaßstab, steht China hinter den USA, Japan und Deutschland an vierter Stelle mit einem Anteil am Welt-Bruttoinlandsprodukt von rund sechs Prozent.

Noch deutlicher wird das Ausmaß des Aufschwungs beim Außenhandel. Nach Deutschland - aber noch vor den USA - ist China im vergangenen Jahr zum weltweit zweitgrößten Exporteur und zum drittwichtigsten Importeur aufgestiegen. Zwischen 2000 und 2007 wuchs die Nachfrage Chinas für Güter aus der übrigen Welt um durchschnittlich 23 Prozent pro Jahr. So ist China auch für immer mehr deutsche Firmen zum wichtigsten Absatzmarkt geworden. Vor allem deshalb, weil sich dank der technologisch herausragenden Angebotspalette hiesiger Unternehmer im chinesischen Markt schöne Gewinne erzielen lassen.

In den vergangenen Monaten zeigen sich zunehmend stärker werdende Überhitzungssignale. Bestes Zeichen sind die in die Höhe schießenden Preise. Offiziell wird die Inflationsrate zwar nur mit rund fünf Prozent ausgewiesen. Tatsächlich dürfte sie in diesem Jahr gegen die Zehn-Prozent-Marke hochschnellen. Insbesondere Lebensmittel und Wohnungskosten sind deutlich teurer geworden. Davon ist der überragende Teil der chinesischen Bevölkerung betroffen. Noch immer sind Essen und Wohnen bei den meisten Familien die wichtigsten Ausgabenposten. Deshalb sind steigende Reispreise und Mieten auch politisch von höchster Brisanz. Entsprechend musste die Regierung in Peking reagieren.

Zu den ersten Maßnahmen gehören eine Verknappung der Liquidität und eine Verteuerung der Kredite. Dies wird aber die Investitionen und damit die inländische Nachfrage drosseln. Zu den staatlichen Reaktionen gehört auch eine Aufwertung des Yuan. Das wiederum wird die Exporte dämpfen. Beides zusammen wird zu einer Abkühlung der Konjunktur führen.

Parallelen zu Japan

Allerdings sind es nicht nur kurzfristige Konjunkturdellen, die der chinesischen Wirtschaft zu schaffen machen. Hinzu kommt eine Reihe struktureller Herausforderungen. Das rasante Wachstum der vergangenen 30 Jahre fordert seinen Preis: Die ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Versäumnisse machen sich ebenso bemerkbar wie die demografischen Verwerfungen.

Der Tibet-Konflikt ist dabei nur das sichtbarste von vielen enormen Problemen. Viele andere belasten die künftige wirtschaftliche Entwicklung Chinas. Zu nennen sind hier die schlechte Luft, die ungebremsten CO2-Emissionen, schmutziges Wasser, die rasante Verstädterung, das enorme Land-Stadt-Gefälle, die Alterung des Gesellschaft als Folge der Einkind-Familienpolitik und die fehlenden sozialen Sicherungsnetze.

Ob der chinesischen Wirtschaft in dieser Situation eine weiche Landung gelingt, oder ob nach den Olympischen Spielen mit einem Knall die Luft draußen ist, bleibt offen. Vielleicht wiederholt sich in der Volksrepublik die japanische Geschichte der Nachkriegszeit, zu der die chinesische Entwicklung verblüffende Parallelitäten aufweist.

Zwischen 1950 und 1973 wuchs Japan ähnlich stürmisch wie China in den vergangenen Jahren. Das reale Wirtschaftswachstum erreichte ebenfalls fast zehn Prozent pro Jahr. Es war damit doppelt so hoch wie in Westeuropa oder in Nordamerika. Ähnlich wie heute China machte sich Japan in den siebziger und achtziger Jahren mit übervollen Kassen auf den Weg, Firmen in der ganzen Welt aufzukaufen. Wie heute bei China nahm Westeuropa mit einer Mischung von Bewunderung, Beklemmung und Ablehnung den Aufstieg Japans zur Weltmacht zur Kenntnis.

Deutsche Firmen sollten vorsichtig sein

Dann platzte zu Beginn der neunziger Jahre die japanische Spekulationsblase. Was folgte, war ein verlorenes Jahrzehnt. In der Zeit von 1992 bis 2005 wies Japan mit 1,2 Prozent das geringste Wirtschaftswachstum aller OECD-Länder auf, noch weniger als das von vielen als Schlusslicht bezeichnete Deutschland.

Der Fall Japans verdeutlicht, dass ein Modell des staatlich gelenkten Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung überfordert ist. Das Tempo der Veränderung ist für politische Apparate bei weitem zu schnell. Die Japan AG musste modernisiert werden. Genau so wird die durch eine Einheitspartei gelenkte China Inc. die nächsten Jahre damit beschäftigt sein, den Übergang zur Moderne zu schaffen. Wahrlich keine leichte Aufgabe für ein Land mit mehr als 1,3 und bald schon 1,5 Milliarden Menschen, von denen mehr als 700 Millionen unter ärmlichen Verhältnissen auf dem Land leben.

Deutsche Firmen sind gut beraten, wenn sie sich in ihren Strategien nicht zu sehr vom China-Geschäft abhängig machen. Natürlich ist der chinesische Absatzmarkt oft sehr attraktiv - gerade für die modernen, hoch leistungsfähigen Anlagen, Maschinen, Apparate und Geräte aus Westeuropa. Natürlich gilt es, Chancen und Risiken nüchtern abzuschätzen und im Einzelfall nicht zu zögern, mit China gute Geschäfte zu machen. Aber die Rolle einer Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft wird China in den nächsten Jahren kaum mehr spielen können.

Deshalb wäre es an der Zeit, einen Plan B griffbereit zu haben. Er sollte davon ausgehen, dass die chinesische Blase die Luft verliert. Die Frage ist nur noch, ob langsam und stetig oder rasch und heftig.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 50 Beiträge
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Hubert Rudnick, 11.05.2008
1. Ökonomisches Wunderland China?
Zitat von sysopDie Inflation schießt in die Höhe, die Börse in Shanghai schwächelt bedenklich: Die chinesische Wirtschaft zeigt erste Zeichen einer ernsten Krise. Deutschland ist gut beraten, sich wirtschaftlich nicht zu sehr von der Volksrepublik abhängig zu machen, warnt der Ökonom Thomas Straubhaar http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,552083,00.html
---------------------------------------------------- Seit Jahren versucht man uns immer wieder aufs neue China als ein ökonomisches Wunderland vorzuzeigen, aber wer sich mal ein wenig mit der politischen Ökonomie auseinander gesetzt hat, der wird es wissen, dass es kein ökonomisches Wunderland gibt. China hat sich genau so wie alle anderen Länder der Ökonomie zu unterwerfen, sicherlich hat China noch ein großes Nachholebedarf, aber es kann auch keine Wunder vollbringen. Wer sich nur auf einem Handelspartner festlegt, der kann kurzeitig sehr gute Geschäfte machen, trägt aber auch das Risiko schnell wieder unter zu gehen. Wie sagt man doch so schön, es ist nicht alles Gold was danach aussieht. Hubert Rudnick
dehnübung 11.05.2008
2. Verbündete
China und die USA sind wirtschaftliche Verbündete. Nicht nur wir zahlen mit den Milliarden Abschreibungen auf amerikanische Kredite den Lebens(Konsum)unterhalt für die Amerikaner.(wie dumm, für die "Rettung" dieser Spekulanten auch noch unsere Steuergelder aufzuwenden) China hat zwar weniger Kredite an amerikanische Eigenheimbesitzer verliehen, aber dafür um so mehr amerikanische Regierungsanleihen im Tresor. Das Billionen Defizit des US Haushalts schlummert zu einem guten Teil in Schuldverschreibungen in China. Dieses Geld sind ebenso letztentlich Konsumentenkredite. Geld was der Staat ausgibt, aber eigentlich nicht hat, landet in den Taschen der Bürger. Nur durch den von den Chinesen finanzierten Konsumrausch der Amerikaner konnte China soviele Waren in den USA absetzen. Der Dollarberg auf dem sie jetzt sitzen ist gigantisch und schmilzt umso schneller dahin, umso mehr Dollar die Chinesen versuchen loszuwerden. Banknoten sind wie Aktien. Wer im Abwärtstrend versucht zu verkaufen, beschleunigt den Abwertstrend. Die Amerikaner beten inzwischen an Tankstellen zu Gott für billigeres Benzin, meinte der Papst diese "Gottesergebenheit" in den USA die er in Europa so schmerzlich vermisst, aber das wird wohl nicht viel bringen. Die Chinesen beten wahrscheinlich, der Dollar möge wieder steigen. Auch da wird Gott sich wahrscheinlich nicht einmischen.
juharms, 11.05.2008
3. china
Das Wachstum wird nicht wesentlich geringer werden. Die Frage ist doch, ob eine Volkswirtschaft nach den bisherigen Maßstäben weiter geführt werden kann. Vielmehr sind wir am Beginn einer Zeitenwende. Weg von fossilen Brennstoffen - hin zu regenerativen Energien. Die Volkswirtschaft, die als erste Vorreiter und Ideengeber sein wird, die wird in 100 Jahren weltweit dominant sein - nicht die Volkswirtschaft, die weiterhin die Automobilindustrie und die Energiewirtschaft unterstützt, ihre Dominanz zu verteidigen. Da unsere Demokratie bei vierjährigen Wechseln der Regierung solch langfristige Perspektiven ignoriert, ist erlaubt zu hinterfragen ob totalitäre Systeme da nicht so gesehen eine Gefahr sein können. China wird aber auch noch Probleme bekommen. Eine rot-grüne Regierung hat unter Aufgabe ihrer Macht hier Weichen gestellt, die Angela Merkel aus reinen Machterhaltungsgründen wieder zurückstellt. Leider haben die Grünen selbst ihre zukunftsweisenden Prinzipien immer mehr Verraten. Die deutsche Politik ist gut beraten, endlich mal die SCh....lobbyisten aus Berlin zu vertreiben. Ansonsten haben wir in hundert Jahren Verhältnisse, die nur wenigen Vorteile bringt. Lobbyisten kennen die Chinesen nicht. Sie sehen nur die Macht der Chinesen an sich. Dies wird sich aber mit zunehmender Verkapitalisierung auch noch ändern.
volkmargrombein 11.05.2008
4. Crash-Gefahr: China Inc. geht die Luft aus
Zitat von sysopDie Inflation schießt in die Höhe, die Börse in Shanghai schwächelt bedenklich: Die chinesische Wirtschaft zeigt erste Zeichen einer ernsten Krise. Deutschland ist gut beraten, sich wirtschaftlich nicht zu sehr von der Volksrepublik abhängig zu machen, warnt der Ökonom Thomas Straubhaar http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,552083,00.html
Schon seltsam, wie Professor Straubhaar eine Binsenweisheit als heeres Wissen verkauft. Jedermann weis, dass es wenig intelligent im Management ist, sich von einem Kunden abhängig zu machen. Was aber im Inland eine Binsenweisheit ist, scheint im internationalen Geschäft rational nicht immer anzukommen. Obwohl man ja durch eigene Fehler in den letzten Jahre hätte lernen müssen. Andererseits widerspricht sich Straubhaar fröhlich, wenn er den politisch gelenkten Kapitalismus - richtigerweise - verteufelt, andererseits den zügellosen Kapitalismus anpreist. Wobei er wenige Zeilen vorher, das Finanzdesaster in den USA angesprochen hat. Aber, es macht sich halt gut, wenn man in Zeiten von Immobilien - und Finanzkrisen eine neue " Sau" durch Dorf treibt. Selbstverständlich ist es so, dass nach Jahren ungezügelten Wachstum, die hausgemachten Probleme überhand nehmen und ohnehin eine Abflachung eintreten muss. Um das zu erkennen, braucht man nur gesunden Menschenverstand.
diefreiheitdermeinung 11.05.2008
5. Nicht zu frueh freuen
Wir sollten uns nicht zu sehr darueber freuen, dass die chin. Wirtschaft mit Wachstumsproblemen und ggf. auch einem leichten Rueckgang zu kaempfen haben wird. Der Hinweis, deutsche Firmen sollten sich vom Markt nicht zu abhaengig machen ist theoretisch. Jedes Unternehmen suchte sich dort einen Markt wo es ihn gab und gibt. China ist nicht einfach mal gegen Argentinien austauschbar, noch nicht mal gegen Indien. Tatsache ist, dass die deutsche Exportindustrie bereits zu einem sehr hohen Teil von Verkaeufen nach China abhaengig ist. Schwaechelt China so wird binnem Kurzem die deutsche Maschinen- und Elektroindustrie Husten bekommen und Stellen abbauen muessen. Wir sollten uns daher eher wuenschen, dass es in China nicht zu einem harten Fall kommt - auch wenn sich das Manche in der heutigen etwas aufgewiegelten Anti-China Stimmung wuenschen.
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