DaimlerChrysler: Die Show des Dr. Z

Von Kai Lange

Die Aktie von DaimlerChrysler legt kräftig zu - so stark wie seit dem Abgang von Jürgen Schrempp nicht mehr. Das Kursplus hat nicht nur mit dem Gerücht zu tun, dass sich der Konzern von Chrysler trennt. Auch der pragmatische Stil von Chef Dieter Zetsche überdeckt viele Probleme.

Hamburg - Acht Prozent Kursplus in sechs Handelstagen: So viel Schwung war lange nicht in der Aktie von DaimlerChrysler Chart zeigen. Lediglich im Juli 2005, als Konzernlenker Jürgen Schrempp abtrat, kletterte die Aktie binnen Stunden um zehn Prozent: Ein Zeitpunkt, als Schrempps "Welt AG" völlig überdehnt und nur noch die Aktienoptionspläne für den Vorstand weltmeisterlich waren.

Zetsche als "Dr Z": Analytisch und selbstironisch

Zetsche als "Dr Z": Analytisch und selbstironisch

Schrempps Nachfolger Dieter Zetsche führt seit knapp einem Jahr den Konzern. Die Baustellen bei DaimlerChrysler hat der neue Lenker noch keineswegs beseitigt. In den vergangenen Tagen führte Zetsche jedoch ein Lehrstück zum Thema "Die neue Nüchternheit" auf, das die Probleme des Automobilbauers in den Hintergrund treten ließ. Die Aufgaben sind nicht kleiner geworden. Doch sie scheinen vielen Anlegern zumindest wieder lösbar.

Dass diese Strategie funktioniert, zeigt das Beispiel der US-Sparte Chrysler. Mit einem Verlust von 1,2 Milliarden Euro im abgelaufenen Quartal verbrennt Chrysler einen Großteil des Geldes, das die Mercedes Car Group inzwischen wieder verdient. Dass Chrysler zu lange auf spritfressende Fahrzeuge gesetzt und erst sehr spät mit neuen Modellen reagiert hat, ist nicht nur auf Versäumnisse von Chrysler-Chef Tom La Sorda, sondern auch auf dessen Vorgänger Zetsche zurückzuführen. Trotz der dramatischen Situation bei Chrysler hat es der Konzernchef aber geschafft, das Vertrauen der Aktionäre zurückzugewinnen.

Die Kursgewinne basieren nicht so sehr auf der vagen Spekulation, dass Daimler-Benz und Chrysler bald wieder getrennte Wege gehen. "Zetsche wird abwarten, wie die acht neuen Chrysler-Modelle am Markt ankommen und wie die weiteren Sanierungsschritte greifen", sagt Uwe Treckmann, Analyst bei der Dresdner Bank. "Eine rasche Trennung ist unwahrscheinlich."

Das Entscheidende jedoch: Zetsche gestand bei Bekanntgabe der miserablen Chrysler-Zahlen Managementfehler ein. Er wird von einer Trennung nicht zurückschrecken, wenn sie denn wirklich nötig wird. Statt wie Weltenlenker Schrempp hoch über den Problemen der Aktionäre zu schweben, zeigt Zetsche die Fähigkeit zur Selbstkritik. Der Manager, der sich schon selbstironisch als "Dr Z" für eine (erfolglose) Chrysler-Werbekampagne einspannen ließ, offenbart die Fähigkeit, Fehler nüchtern zu analysieren - um sie dann abzustellen.

Diese Haltung mögen Aktionäre. Der DaimlerChrysler-Chef ließ keine Gelegenheit aus, für seinen Stil zu werben: Die Börse applaudierte nach jedem einzelnen Akt, ganz gleich, ob das Thema Chrysler, Mercedes oder EADS lautete.

Lehrstück in fünf Akten

Als Prolog lieferte der Konzernchef erstmal eine deftige Gewinnwarnung. Wegen der Turbulenzen bei Chrysler werde DaimlerChrysler in diesem Jahr statt der erwarteten sechs Milliarden Euro nur noch rund fünf Milliarden Euro verdienen, hatte Zetsche im September gesagt.

Mit den Zahlen zum abgelaufenen Quartal dann der erste Akt: Chrysler mit Milliardenverlust, doch Mercedes und Nutzfahrzeuge besser als erwartet - erleichterter Beifall von den Aktionären.

Dass Zetsche an den Chrysler-Problemen selbst nicht ganz unschuldig war und die Gewinne bei Mercedes auch auf die Arbeit des ausgeschiedenen Zetsche-Rivalen Eckhard Cordes zurückzuführen sind, tut Zetsches Popularität bei der Anlegergemeinde keinen Abbruch. Nutzfahrzeug-Chef Andreas Renschler, der ebenfalls maßgeblich zur geglückten Landung beigetragen hatte, blieb zwar auch im Hindergrund, kann sich immerhin aber über einen frisch verlängerten Vorstandsvertrag freuen.

Im zweiten Akt dann Auftritt Bodo Uebber: Der Finanzchef hielt sich auffällig zurück, als ihn Analysten während einer Telefonkonferenz mit einer möglichen Trennung von Chrysler konfrontierten. Man halte sich alle Optionen offen, sagte Uebber kühl. Obwohl Zetsche eilig dementieren ließ, hatten Anleger und Analysten wieder etwas, um zu spekulieren.

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Die muntere Raterunde über die Zukunft von Chrysler erhöht den Druck auf die US-Sparte, die Sanierung voranzutreiben. Die Botschaft ist klar: Chrysler ist nicht unantastbar, falls die Kosten vollends aus dem Ruder laufen.

Die Spekulationen dienen auch als Signal an die US-Gewerkschaft UAW, dem Chrysler-Management entgegenzukommen: "Chrysler leidet wie Ford an hohen Pensions- und Gesundheitskosten für die Mitarbeiter", sagt Analyst Treckmann. "Sollte die Gewerkschaft Chrysler ähnliche Zugeständnisse machen wie schon Ford Chart zeigen, wäre das für Chrysler eine enorme Entlastung."

Gespräche mit VW: Bernhard lässt grüßen

Außerdem verhandelt Zetsche mit Volkswagen Chart zeigen darüber, ob VW möglicherweise die Basis für neue, leichtere Chrysler-Modelle liefern könnte. Für das Chrysler-Management in den USA wäre das zwar eine schallende Ohrfeige, würde aber zu Zetsches pragmatischem Stil passen: Wer 1,2 Milliarden Euro Verlust in drei Monaten einfährt, muss auch mal die Wange hinhalten.

Mit VW-Markenchef Wolfgang Bernhard hat Zetsche für diese Option den richtigen Verhandlungspartner. Gemeinsam hatten die beiden Manager eine tief greifende Sanierung bei Chrysler eingeleitet, so dass die US-Sparte in den vergangenen Jahren sogar Gewinne einfuhr. Dass Zetsche angesichts des erneuten Rücksetzers auch vor weiteren Veränderungen nicht zurückschrecken wird, ist in den USA sehr wohl angekommen.

Im dritten Akt folgte nur einen Tag nach den Quartalszahlen das Thema Jobabbau bei Mercedes. Nicht nur die geplanten 8500, sondern sogar 9300 Mitarbeiter werden bis Jahresende die Mercedes Car Group verlassen. Außerdem drückt DaimlerChrysler schon 53-Jährige per Abfindung in den Ruhestand.

Das hat dramatische Folgen für die Betroffenen und die deutsche Volkswirtschaft, doch mit Klagen von Politikern und Medien hält sich Konzernchef Zetsche nicht lange auf. Das Mercedes-Sanierungsprogramm "Core" wird durchgezogen: Der massenhafte Abbau von Arbeitsplätzen kommt den Konzern sogar günstiger als zunächst kalkuliert, hieß es in der nüchternen Erklärung des Konzerns.

Die Börse jubelte. Die Verluste bei Chrysler werden dazu beitragen, dass bei Mercedes sehr genau auf die Kosten geschaut wird. Zumal von der Nutzfahrzeugsparte im kommenden Jahr keine Wunder zu erwarten sind: Schärfere Abgasnormen verteuern die einzelnen Lkw-Modelle, viele Kunden haben schon in diesem Jahr eingekauft.

In der Mercedes Car Group lassen sich nach Einschätzung des Dresdner-Bank-Experten Treckmann die Kosten weiter drücken. "Mercedes kann die Produktion enorm verbessern, wenn zum Beispiel mehr gleiche Bauteile in verschiedenen Modellreihen verwendet werden", sagt Treckmann. Bei Mercedes sei die Produktion der individuellen Modelle noch relativ unflexibel und damit teuer - in diesem Bereich habe man noch Nachholbedarf gegenüber Wettbewerbern wie BMW. Folge Mercedes der Strategie des Münchener Konkurrenten, könne man noch weitere Wertreserven heben.

Ausstieg bei EADS: Profit statt Patriotismus

Der vierte Akt war ebenfalls eine Absage an jede moralische übergeordnete Mission. DaimlerChrysler wird seinen Anteil am krisengeschüttelten EADS Chart zeigen -Konzern abbauen, mögen Politiker wie Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) dies auch als "unpatriotisch" beklagen.

Mit einzelnen Länderinteressen hat der Chef der grandios gescheiterten Welt AG nichts mehr am Hut. Profit pro Aktie geht vor Patriotismus. Der Abbau der EADS-Beteiligung von 22,5 auf 15 Prozent ist bei DaimlerChrysler beschlossene Sache. Analysten halten es sogar für wahrscheinlich, dass sich DaimlerChrysler auf lange Sicht komplett von EADS verabschiedet.

Die Krise bei EADS dürfte das Beteiligungsergebnis von DaimlerChrysler Chart zeigen in diesem Jahr mit rund 200 Millionen Euro belasten. Betriebswirtschaftlich gibt es zwischen dem Autobauer und dem schlingernden Luftfahrtkonzern keine Berührungspunkte: Wenn Industriepolitiker ein deutsch-französisches Gleichgewicht bei EADS sicherstellen wollen, müssen sie dies zu Bedingungen tun, die DaimlerChrysler genehm sind.

Im Schlussakt der Zetsche-Show setzte der Konzernchef noch einen drauf. Die ehemalige Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen, Trutzburg und Rückzugsort für seinen Vorgänger Schrempp, sei für 240 Millionen Euro an einen Finanzinvestor verkauft worden, teilte DaimlerChrysler vor wenigen Tagen mit. Der Vorstand ist wieder nach Untertürkheim umgezogen – dort, wo einst die Mercedes-Erfolgsmodelle und heute die Motoren gebaut werden.

Abschied aus "Bullshit Castle"

Der Verkauf der Ex-Zentrale bringt keine Riesensumme, ist aber ein starkes Signal. Die Führungskräfte wandeln nicht mehr durch endlos lange, leere Flure mit Blick auf das campusartige, abgeschottete Möhringer Areal, über dem sich ein riesiger Stern um sich selbst dreht. Selbst Schrempp hatte das von Edzard Reuter realisierte Wolkenkuckucksheim gelegentlich als "Bullshit Castle" verspottet.

Jetzt geht es zurück zu den Produktionsanlagen: Um gemeinsam mit einem Mercedes-Bandarbeiter in der Kantine zu speisen, muss sich Zetsche nicht mehr durch den Großraum Stuttgart chauffieren lassen. Er kann schlicht die Treppe nehmen.

Das Programm "Zurück zu den Wurzeln" erinnert auch an die stolze Mercedes-Zeit aus den siebziger Jahren, als Kunden noch ein bis zwei Jahre Wartezeit für die neuen Modelle in Kauf nehmen mussten und Modellreihen wie der "Strich Achter" insgesamt mehr als zwei Millionen Käufer fanden. Bis zu solchen Absatzzahlen ist es angesichts aktueller Überkapazitäten und einer abkühlenden Weltwirtschaft noch ein weiter Weg. Das Signal hatte dennoch seine Wirkung.

Weitere Impulse nötig

Die Investoren haben Zetsches Rückkehr zum Wesentlichen in den vergangenen Tagen schon mit deutlich steigenden Kursen belohnt. Um über ein von der Dresdner Bank gesetztes Kursziel von 48 Euro hinaus noch Kursphantasie zu wecken, bedarf es nach Einschätzung von Analyst Treckmann aber weiterer Impulse. Dies könnten sowohl die angestrebten Sanierungserfolge beim Sorgenkind Chrysler als auch eine weitere Erholung der Mercedes Car Group sein.

"Bei Chrysler könnte man auf einen Erfolg der neuen, spritsparenden Modelle, auf weitere Kostenreduzierungen sowie auf ein Entgegenkommen der US-Gewerkschaft UAW setzen", sagt Treckmann.

Auch die Umstellung auf die internationale Rechnungslegung IAS kann nach Einschätzung des Dresdner-Bank-Experten Chrysler im kommenden Jahr ein wenig Luft verschaffen: Weil Entwicklungskosten unter IAS anders verbucht werden als nach US-GAAP, schlägt sich dies positiv auf die Bilanz nieder. Der Konzern könnte im kommenden Jahr dank IAS einen höheren Gewinn ausweisen.

Der Erfolg des PR-Profis Zetsche: Trotz fortbestehender Probleme im Konzern gilt die Aktie wieder als sexy. Nach Zetsches "Wochen der Wahrheit" hätten viele Investoren von Volkswagen Chart zeigen in DaimlerChrysler umgeschichtet, berichtet Treckmann. Die Aktie des VW-Konzerns, der sich ebenfalls mitten in der Sanierungsphase befindet, hat seit Jahresbeginn rund 70 Prozent an Wert gewonnen und gehört zu den Top-Performern im Dax Chart zeigen. Aber derart luftige Kursziele würde Zetsche niemals ausgeben.

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