DaimlerChrysler Kokos für die S-Klasse

Einst galten sie als Spinner jetzt sind sie Trendsetter. Deutsche Wissenschaftler und Automanager haben im Amazonasdelta ein einmaliges Ökoprojekt realisiert. Die Verwendung von Kokos, Hanf, Sisal und Kautschuk ist der letzte Schrei im Automobilbau.

Von Sebastian Knauer


Bestes Umfeld für Öko-Projekte: Urwald im Amazonasgebiet
Sebastian Knauer/ DER SPIEGEL

Bestes Umfeld für Öko-Projekte: Urwald im Amazonasgebiet

Belém - "Todo bem", sagt der Kapitän Apolinario Magno, 51, und streckt den rechten Daumen nach oben zur landesüblichen Geste. Alles o.k. Sein weißes Schiff, die "Lorena Mayra", liegt am Pier des Geländes der Universität do Pará in Belém. Ein warmer (38 Grad Celsius) und feuchter (95 Prozent) Wind von dem meeresbreiten Fluss lässt die grün-gelbe Flagge Brasiliens am Heck flattern "Das ist eines der modernsten Schiffe im Amazonas-Gebiet", sagt Comandante Magno stolz.

Er wird uns heute zu der kleinen Anlegestelle auf der anderen Flussseite bringen, von der nur ein grüner Strich als Horizont zu sehen ist. Von dort geht es per Lastwagen weiter zu einem der spannendsten Ökoprojekte des weltweiten Tropenwaldschutzes: nachwachsende Rohstoffe für den Automobilbau.

Das Aluminiumschiff mit Turboantrieb und Klimaanlage ist ein Bote der Globalisierung, die auch diese 18 Flugstunden von Europa entfernte Region verändert. Die hölzernen Amazonas-Dampfer mit der Hängematte für gemächlichen Flussreisen werden nach und nach als Museumsschiffe ausgesondert. Nicht mehr wettbewerbsfähig.

Ohrenstöpsel empfehlenswert

"Meine Passagiere sind mit der Geschwindigkeit sehr zufrieden", sagt Kapitän Magno im braunen Diensthemd mit goldenem Streifen. Er legt in der Fahrerkabine den Joystick um und fährt unter ohrenbetäubendem Motorenlärm hinaus auf den Fluss, mit 18 Knoten geht es zum Projekt Poema ("Armut und Umwelt in Amazonien"). Öko-Touristen sollten besser Ohrstöpsel mitbringen.

Auf der größten Flussinsel der Welt, Marajó, wird mit deutscher Finanzhilfe und brasilianischem Geschick auf degradierten Kahlschlagböden in einem mehrstöckigen Stufenwald wieder Nützliches für die Industrie angebaut: Pflanzenfasern für vielfältige Produkte - von der Sonnenblende aus gummierten Kokosfasern für DaimlerChrysler-Trucks bis zum feinen Kunstpapier aus Ananasfasern für den japanischen Markt.

Im Jahre der Uno-Umweltkonferenz in Rio de Janeiro 1992 begann das ungewöhnliche Urwaldprojekt mit einer eigenwilligen Begegnung. Der Ex-Grünen-Abgeordnete und damalige Daimler-Benz-Betriebsrat Willi Hoss überzeugte den Daimler-Sprecher Matthias Kleinert in seinem Stuttgarter Büro von der seltsamen Ökoidee.

"A-Klasse vom Acker"

Vereinbarte Kanzlervisite abgesagt: Amazonasort Belém
Sebastian Knauer/ DER SPIEGEL

Vereinbarte Kanzlervisite abgesagt: Amazonasort Belém

Die Wiederbelebung der Gewinnung vorindustrieller Rohstoffe wie Kautschuk, Hanf, Sisal oder Paranussöle für den modernen Automobilbau schien ein überschaubares Abenteuer für die Daimler-Manager, die lediglich die Furcht umtrieb, sich damit bei den Kollegen lächerlich zu machen.

PR-Profi Kleinert begeisterte sich für das Ökoprojekt, insbesondere da auch der damalige Kanzler Helmut Kohl großzügig eine viertel Milliarde Mark für den internationalen Tropenschutz bereitgestellt hatte. Zur Rio-Konferenz galt Öko als chic. Dabei sein war alles, um so besser, wenn Ökoberichte wie "Guter Stern über dem Amazonas" ("Die Zeit") oder "A-Klasse vom Acker" (DER SPIEGEL) abfielen für eine Branche, deren spritschluckende Produkte immer noch als Klimakiller und Landschaftsfresser gelten.

Die Daimlers packten das Projekt allerdings als Kaufleute an. Eine Million US-Dollar flossen als Starthilfe aus der Firmenkasse für die ersten drei Jahre in das Gemeinschaftsprojekt mit der Unicef. In zehn Jahren wurden es gut zwei Millionen Euro, nicht gerade viel angesichts der Entwicklungskosten für beispielsweise die neue E-Klasse von 800 Millionen Euro.



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