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Dalai Lama über die Krise: "Jeder liebt Geld"

Neue Werte für die Ökonomie: Der Dalai Lama macht übertriebene Gier und mangelnde Transparenz für die Wirtschaftskrise verantwortlich. Im Interview mit manager magazin fordert er eine fundamental geänderte Marktwirtschaft, die mehr globale Verantwortung übernimmt.

mm: Eure Heiligkeit, die Weltwirtschaftskrise belastet viele Menschen persönlich. Angst und Pessimismus grassieren. Sogar Manager erleben das Gefühl der Ohnmacht angesichts des Zusammenbruchs. Uns interessiert Ihre Sicht auf die aktuellen Entwicklungen. Wie sehen Sie den Absturz der Weltwirtschaft?

Der Dalai Lama: "Neben dem Geld gibt es andere Werte"
DPA

Der Dalai Lama: "Neben dem Geld gibt es andere Werte"

Dalai Lama: Ich bin kein Experte für Wirtschaftsfragen. Ich habe aber neugierig mit Fachleuten diskutiert und das Phänomen durchdacht. Die elementaren Ursachen der globalen Probleme liegen in einer übertriebenen Gier, in der Spekulation und der mangelnden Transparenz des Systems. Das sind einige der Gründe. Wir müssen uns wieder auf moralische und ethische Prinzipien besinnen. Wenn wir offen, ehrlich und transparent mit der misslichen ökonomischen Lage umgehen, wird es den Menschen helfen. Es wird sie weniger erschrecken. Die Krise zeigt uns, dass die Fixierung auf materielle Werte unseren Geist und unser Denken einengt.

mm: Wir vermuten, dass Sie selbst kein Geld an den Märkten verloren haben.

Dalai Lama: Nein, ich halte mich fern von den Finanzmärkten. Diejenigen aber, die sich nur für Geld interessieren und sogar nachts davon träumen, haben nun ein Problem. Ich bin sicher, dass die Krise ziemliche Turbulenzen in ihren Köpfen verursacht.

mm: Sie meinen, Geld werde überbewertet?

Dalai Lama: Man braucht Geld, um zu leben, auch ich benötige es. Jeder liebt Geld. Aber neben dem Geld gibt es andere Werte wie den Zusammenhalt der Familie, die innere Zufriedenheit, die Meditation und die Erkenntnis, dass materielle Dinge uns einschränken. Wer diese Werte in seinem Leben als elementar erachtet, fühlt sich von der Krise weniger betroffen. Und selbst wenn jemand seinen Arbeitsplatz verloren hat, findet er bei seiner Familie und bei Freunden Halt. Zudem bleibt ihm die Meditation.

mm: Was sagen Ihnen Unternehmer zu dieser Sicht?

Dalai Lama: Vor vielen Jahren war ich einmal in Japan. Die japanische Wirtschaft war zu dieser Zeit sehr erfolgreich, sie wuchs Jahr um Jahr. Ich habe damals gegenüber den Japanern meine Bedenken geäußert, dass materielle Werte und der Zwang zum Wachstum sie einschränkten; sie könnten nicht erwarten, dass es immer so weitergehe. Später, als ich wieder einmal Japan besuchte und die Wirtschaft dort bereits stagnierte, kam ein japanischer Manager zu mir und meinte, er sei traurig, dass er seine Karriere und sein Leben bisher nur dem Geld gewidmet habe und nun nachvollziehe, was ich lehrte. Wir müssen uns bewusst machen, dass materielles Wachstum endlich ist, dass es früher oder später an Grenzen stößt. Wenn wir das verinnerlichen, wird uns auch eine Krise weniger erschrecken.

mm: Kann denn eine Marktwirtschaft ohne Geld, Gier und Wachstum funktionieren?

Dalai Lama: Eine Marktwirtschaft ist dynamischer als eine sozialistische Planwirtschaft, das ist die schlichte Realität. Doch materielle Werte und der ökonomische Zwang zum Wachstum engen unser Denken ein. Triebfedern der Ökonomie sollten Enthusiasmus und globale Verantwortung sein - im Sinne des Mitgefühls. Geld gehört dazu, vor allem die armen Menschen und Nationen benötigen viel Geld. Und das muss verdient werden. In Deutschland ist die Schere zwischen Arm und Reich relativ klein. In den USA oder Indien ist der Unterschied gewaltig. In China ebenfalls, dort werden viele Funktionäre zu kapitalistischen Kommunisten. Der Lebensstandard der armen Menschen und die Bildung der Kinder und das Gesundheitssystem müssen sich weltweit verbessern. Dafür benötigen wir Geld, aber nicht für ein luxuriöses Leben. Die entscheidende Frage ist, wie das Geld verteilt wird - für die Befriedigung der Gier einiger weniger Menschen oder im Sinne der globalen Verantwortung.

mm: Kann denn ein Top-Manager Ihren Leitlinien folgen? Wird er dann nicht zwangsläufig von gierigeren Wettbewerbern überholt?

Dalai Lama: Selbstverständlich können Individuen wie Manager, Politiker oder Wissenschaftler spirituellen Linien folgen - seien es christliche, islamische, hinduistische oder buddhistische - und dabei professionell arbeiten. Entscheidend ist, dass man Verantwortung und Mitgefühl für die Gesellschaft empfindet. Die buddhistische Lehre ist sehr holistisch - alles hängt von allem ab. Ansonsten sind sich die Religionen sehr ähnlich. Also: Natürlich kann ein Manager Buddhist sein.

mm: Gibt es ein spezifisch buddhistisches Wirtschaften, etwa "buddhist banking"?

Dalai Lama: Ich habe davon gehört, dass jemand tatsächlich ein Buch darüber geschrieben hat. In jedem Fall ist das Wirtschaften ein wichtiger Aspekt der menschlichen Tätigkeit und hat viel mit dem Thema Motivation zu tun. Mitgefühl sollte für Manager dabei eine wichtige Größe sein, denn sie führt zu einer Verantwortung für das große Ganze und Ehrlichkeit gegenüber den Menschen. Leider aber sehen wir immer wieder Fälle von Korruption, nicht nur bei Managern, sondern auch bei religiösen Menschen. Da werden dann die eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt, die Religion wird beschmutzt.

mm: Wie wird sich die westliche Marktwirtschaft durch die Krise ändern?

Dalai Lama: Das weiß ich nicht (lacht). Die Realität wird eine neue Realität schaffen. Das passiert eben auch in der Wirtschaft. Wie diese Realität genau aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Wir brauchen neue, effiziente Strukturen, wir müssen die Prozesse anders organisieren. Das bisherige Denken in der Ökonomie, aber auch in den zwischenstaatlichen Beziehungen, unterscheidet noch immer in "wir" und "sie". Das ist nun durch die Realität überholt. In der Wirtschaftskrise versagt diese Sicht, wir sind alle betroffen, die ganze Welt.

mm: Ende Juli besuchen Sie die deutsche Finanzmetropole Frankfurt. Was werden Sie etwa den Bankern dort raten?

Dalai Lama: Ich bleibe vier Tage und werde buddhistische Lesungen abhalten, die sich auch an Manager wenden. Die zentrale Frage wird sein, wie Menschen ein erfülltes Leben führen und Mitgefühl entwickeln können. Innere Stärke und Mitgefühl führen zu mehr Bewusstsein. Ich habe einen guten Freund, der 18 Jahre in einem chinesischen Straflager inhaftiert war. Nach seiner Entlassung besuchte er mich in Indien. Er erzählte mir, dass er während seiner Gefangenschaft einige Momente der Gefahr verspürte. Ich fragte: Welcher Gefahr? Er antwortete mir lächelnd: der Gefahr, dass ich das Mitgefühl gegenüber den Chinesen verliere. Diese Mentalität ist sehr wichtig, wenn Menschen mit Schmerzen und schwierigen Situationen wie etwa der Wirtschaftskrise umgehen müssen.

mm: Mitgefühl als Weg aus der Krise?

Dalai Lama: Mitgefühl gegenüber anderen Menschen führt zu einer inneren Stärke. Das versuche ich den Menschen klarzumachen: Mitgefühl und Vergebung sind für das Funktionieren einer Gesellschaft enorm wichtig. Ich nenne das säkulare Ethik, Respekt gegenüber anderen Religionen.

mm: Haben wir Deutsche, die wir uns gern als "Exportweltmeister" sehen, eine besondere Verantwortung bei der Bewältigung der Krise?

Dalai Lama: Als ich zehn Jahre alt war, lernte ich Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter kennen. Ich nannte sie "Die zwei Deutschen". Harrer wurde ein enger Freund von mir. Während meines ersten Besuchs in Europa im Jahr 1973 bemerkte ich, dass die deutschen und österreichischen Menschen sehr offen sind. Deutschland baute aus der Asche eine neue Nation mit einer sehr starken Wirtschaft und einer gut funktionierenden Demokratie. Das bewundere ich.

mm: Erleben Sie denn bei uns das von Ihnen gewünschte Mitgefühl?

Dalai Lama: Sowohl Deutsche als auch Japaner habe ich gefragt, ob sie schlechte Gefühle gegenüber dem einstigen Kriegsgegner Amerika hätten, weil zwei Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden sind. Die Menschen, die ich fragte, verneinten dies. Sie haben vergeben. Als Barack Obama im vergangenen Jahr Berlin besuchte, jubelten ihm 200.000 Menschen zu. Das empfinde ich als sehr gut. Die Menschen schauen einer neuen Realität entgegen. Wir müssen das alte Denken zwischen "wir" und "sie" überwinden, künstliche Grenzen einreißen. Wir müssen den Rest der Welt als Teil von uns verstehen. Dann werden Kriege verhindert. Aus ihren eigenen Erfahrungen können die Deutschen einen wertvollen Beitrag dazu leisten.

Das Interview führte Andreas Nölting

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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1. Religionen
Zephira 12.07.2009
Die Religionen sind in dieser Frage die schlechtesten Ratgeber, tragen sie doch eine wesentliche Schuld an der Krise. Niemand propagiert so verbissen wie sie die Unvereinbarkeit von Ethik und Ökonomie. Im Gegenteil, sie negieren eifrig die Gültigkeit von gegenseitigem Nutzen oder gar Mitgefühl als Quelle für soziale Normen ("Werte brauchen Gott!"). Eine im wahrsten Sinne des Wortes unmenschliche Lehre, die nebenbei bemerkt auch die zahllosen Fälle von Kindesmissbrauch durch katholische Priester weitaus begreiflicher macht. Was wir daher wirklich brauchen, ist zuallererst die allgemeine Erkenntnis, dass Ethik kein opferreiches Verlustgeschäft ist. Sondern dass - ganz im Gegenteil! - nachhaltige Unternehmenspolitik, saubere Jahresetats, gründliche Investitionsrecherchen etc elementare Grundlagen erfolgreichen Wirtschaftens sind. In den Wirtschaftswissenschaften ist der Merkantilismus seit Jahrhunderten theoretisch und praktisch widerlegt, in Politik und Gesellschaft ist er dagegen lebendig wie eh und je. Unter dem Label "globalisierungskritisch" wird da urnationalistische Politik eingefordert, und der Begriff "Neoliberalismus", einschließlich Konzepten wie Geldwertstabilität oder persönlicher Haftung für Fehlwirtschaft, hat sich inzwischen gar zum Schimpfwort gemausert. Da braucht man sich nicht wundern, wenn der Markt nicht rund läuft...
2. "Jeder liebt Geld"
imagine, 12.07.2009
Zitat von sysopNeue Werte für die Ökonomie: Der Dalai Lama macht übertriebene Gier und mangelnde Transparenz für die Wirtschaftskrise verantwortlich. Im Interview mit manager magazin fordert er eine fundamental geänderte Marktwirtschaft, die mehr globale Verantwortung übernimmt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,635133,00.html
"Jeder liebt Geld" sprach der weise Mann. Ich liebe kein Geld. Das ist pervers. Es genügt wenn ich das habe, was ich zum Leben benötige. Aber der Dalai Lama ist, was hierarchische Machtstrukturen in Zeiten der Klosterherrschaft betrifft, ja nicht gänzlich unbefleckt.
3. Zuviel Liebe ist auch nicht gut
Born to Boogie, 12.07.2009
Auch ich liebe Geld - aber noch mehr liebe ich meine Freunde - vielleicht ist das der Unterschied ?
4. Aha - ist das so...?
fatalismo 12.07.2009
Und wenn ja, warum muss ich mich jetzt ausgeschlossen fühlen, weil ich nicht ins "Jeder" passe? Mal abgesehen davon, dass ich es als hochgradigen Schwachsinn empfinde, einen Menschen als "Heiligkeit" anzusprechen, achte ich den Dalai Lama als religiöse Instanz wie den Papst oder die unüberschaubare Vielfältigkeit islamischer Imame oder sonstwen, der es verstanden hat, Scharen von Gläubigen hinter sich herzuziehen. Wobei meine Achtung dem Menschen gilt, nicht dem Amt. Letzteres ergibt sich ja nicht unbedingt aus der Evolutionstheorie. Natürlich sagen kluge Menschen kluge Sachen. Wie man hier sieht, hindert kluge Menschen auch nichts daran, ganz dumme Sachen zu sagen. Der Versuch ist's wert, diese Behauptung am gegebenen Dalai-Lama-Beispiel zu explizieren: Geld ist nichts, was der Mensch bräuchte. Geld ist ein interaktives Medium und als solches ohne jeden materiellen oder ideellen Wert. Geld ist das Unterpfand eines kulturellen Versprechens: "Gibst du mir, geb ich dir!" Geld ist sogar eher eine zivilisatorische denn eine kulturelle Erfindung. Kulturentwicklung setzt zwischenmenschliche Begegnung voraus. Zivilisation setzt effizienten Umgang miteinander voraus. Also - was liebt nach Ansicht des Dala Lama "Jeder"? Ein Phantom offenbar. Das Geld in meinem Portemonnai, auf meinem Konto ist der Gegenwert dessen, was ich meinen Mitmenschen bislang an Vorleistungen erbracht habe. Mein Saldo ist stets einer, der unaufhörlich mit anderen Salden abgeglichen wird. Also, was liebe ich denn? Die 978 Euro auf meinem Konto? Die Notgroschen auf einem anderen? Und - was habe ich denn geliebt, als ich aberwitzige Hypothekenverträge eingegangen bin? Das muss ja eine schreckliche Zeit des Liebesverlustes gewesen sein. Also, Geld mit emotionalen Begriffen aufzuladen, mag zwar zeitgeistig sein; findet's denn auch eine Basis? Es ist nur gefährlich, weil es die Geld-Gurus erst erschafft, die uns weismachen, Geld sei etwas wie die Kölner Heinzelmännchen. Man solle die nur wirtschaften lassen und nie genau hingucken. Schon gar nicht solle man ihnen Erbsen auf die Treppe streuen... Das müsste aber doch unser Blick sein: Geld heckt kein Geld. Menschen sind es, die Geld nutzen, um ihre individuellen Leistungen auszutauschen. Gemeinschaften von Menschen sind es, die untereinander auch Ausgleich schaffen zwischen Menschen, die mehr und solchen, die weniger leisten können. Ein Narr, der glaubt, das ginge nur mit Geld - es gibt noch heute naturwüchsige Menschengesellschaften, die ihre Hilflosen nach dem Subsidiaritatsprinzip behandeln. Die Behauptung, jeder "liebe" Geld ist in etwa so abstrus wie die, jeder liebe ein Stahlwerk oder eine atomare Bombe.
5. Das liebe Geld!
SchneiderG 12.07.2009
---Zitat--- "Jeder liebt Geld" sprach der weise Mann. ---Zitatende--- Da das Interview sicherlich nicht in Deutsch geführt wurde sollte man eventuell den Originaltext zur Hand haben um beurteilen zu können was gesagt wurde und wer wie übersetzt hat.
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