Datenklauskandal Telekom bietet Kunden neue Handy-Nummern

Beispielloser Datenschutzskandal bei der Telekom: 17 Millionen Handy-Nummern und Personendaten sind gestohlen worden - auch jene von Prominenten, deren Sicherheit gefährdet ist. Jetzt bietet der Konzern besorgten Kunden neue Telefonnummern an.


Hamburg - Das Entsetzen ist groß bei Kunden, Konzern und Politikern: Die Telekom wird von dem wohl größten Datenskandal erschüttert, den das Unternehmen je hatte. Mehr als 17 Millionen Kundenstammdaten der Mobilfunksparte T-Mobile wurden im Jahr 2006 entwendet - darunter jene von Fernsehstars wie Günther Jauch, Politikern, Ministern, Prominenten, die gefährdet sind. Die dem SPIEGEL vorliegenden Datensätze umfassen Handynummern, Adressen, Geburtsdaten und teilweise auch E-Mail-Adressen. Privatkunden müssen fürchten, dass ihre Daten für kommerzielle, vielleicht auch kriminelle Zwecke missbraucht werden könnten.

Nach Bekanntwerden der SPIEGEL-Recherchen unterrichtete die Telekom vergangene Woche die Bundesregierung. Daraufhin wurde das Bundeskriminalamt durch das Innenministerium beauftragt, Gefährdungsanalysen für Politiker und Wirtschaftsführer zu erstellen. Auch das Kanzleramt wurde informiert.

Für Chef René Obermann ist der Fall der vorläufige Tiefpunkt einer nicht enden wollenden Reihe von Skandalen und Affären. Im Mai dieses Jahres musste Obermann einräumen, dass in der Bonner Telekom-Zentrale mehrere Jahre lang Kontakte von Journalisten und Arbeitnehmervertretern des Aufsichtsrates ausspioniert wurden. Und erst kürzlich wurde bekannt, dass Kundendaten durch Telekom-Mitarbeiter bis Anfang des Jahres 2007 von jedem beliebigen Computer mit Internet-Anschluss abgerufen werden konnten. Voraussetzung: Man musste das Codewort kennen.

Der Bonner Konzern räumte am Samstag ein, dass sich persönliche Daten von Millionen Kunden der Tochter T-Mobile in fremden Händen befinden. Es seien keine Bankverbindungen, Kreditkartennummern oder Verbindungsdaten weitergegeben worden, sagte der Sprecher.

Die 17 Millionen Mobilfunknummern, Adressen, Geburtsdaten und Namen sind eine Gefahr – für Telekom und Kunden. Im harmlosesten Fall könnten sie dazu missbraucht werden, um Spam-, Sex- oder Werbe-SMS auf die Handys der T-Mobile-Kunden zu senden. In schlimmeren Fall könnten Kriminelle versuchen, mit den Daten im Internet Waren zu bestellen.

Recherchen im Internet und in Datenbörsen hätten keine Anhaltspunkte geliefert, dass die Daten im Schwarzmarkt angeboten worden seien, versicherte ein Telekom-Sprecher. "Wir haben den Markt genau beobachtet in den vergangenen zwei Jahren." Die Zahl der Kundenbeschwerden oder Anfragen nach Rufnummernwechsel habe nicht merklich zugenommen. Dies hätte ein Signal für eine Datenweitergabe sein können, erläuterte der Sprecher. "Wir gingen bisher davon aus, dass diese Daten im Rahmen der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in vollem Umfang sichergestellt wurden", sagte T-Mobile-Deutschland-Chef Philipp Humm.

Der Konzern bietet T-Mobile-Kunden an, kostenlos ihre Mobilfunknummern ändern zu lassen. Zudem hat der Konzern eine Hotline unter der Nummer 0800 330 034505 eingerichtet.

Nach Bekanntwerden des Datendiebstahls fordert die Opposition rechtliche Konsequenzen: Die umstrittene Vorratsdatenspeicherung müsse sofort zurückgenommen werden, sagte der Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck am Samstag in Berlin. Die Daten der Bürger seien bei der Deutschen Telekom nicht sicher. "Wo Datenberge entstehen, gibt es neben dem vorschriftsgemäßen Gebrauch den fahrlässigen und den vorsätzlich kriminellen Missbrauch der Daten." Auch die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke) fordert "umgehend ein neues, restriktives Datenschutzrecht". Dies sei Aufgabe des Bundestages. "Das Mindeste, was sofort zu erwarten wäre, ist, dass diese 17 Millionen Bürger davon in Kenntnis gesetzt werden."

Der neue Fall von Diebstahl von 17 Millionen Kundendatensätzen zeigt mehr als deutlich, dass die Datensicherheit verbessert werden müsse, erklärte auch die FDP-Innenexpertin Gisela Piltz. Kundendaten bräuchten größtmöglichen Schutz vor kriminellem Missbrauch. Daten müssten schon von vornherein sicher gespeichert werden, und nicht erst wie im Falle T-Mobile, wenn sie schon entwendet wurden.

jul/AFP/Reuters/dpa


Mehr zum Datenskandal im SPIEGEL, der ab Montag im Handel ist



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