Datenmissbrauch Bahn wehrt sich gegen Spitzelvorwurf

Die Bahn gerät unter Druck: Der Staatskonzern soll bis zu tausend Mitarbeiter ausgespäht haben. Der Konzern hat Ermittlungen eingeräumt - aber nur im kleinen Stil. Es habe sich um Aktionen zur Bekämpfung von Korruption gehandelt.


Berlin - Die Bahn geht in die Gegenoffensive: Der Schienenkonzern hat einen "Stern"-Bericht über einen angeblichen Datenskandal bei dem Unternehmen mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen. Vor allem der Versuch, Vorfälle bei der Bahn in eine Reihe mit Ereignissen bei den Unternehmen Lidl und Telekom zu stellen, sei "blühender Unsinn", erklärte Konzernsprecher Oliver Schumacher.

Bahn-Zentrale in Berlin: "Opfer von Wirtschaftskriminalität"
REUTERS

Bahn-Zentrale in Berlin: "Opfer von Wirtschaftskriminalität"

Der "Stern" hatte berichtet, die Bahn habe im großen Stil Mitarbeiter und deren Ehepartner ausforschen lassen. Mehr als tausend Personen seien von der Bespitzelung betroffen, darunter ein Großteil des oberen Managements.

Das Magazin beruft sich auf interne Auftragsunterlagen. In allen Fällen sei die Network Deutschland GmbH aktiv gewesen, dieselbe Detektei, die auch bei der Telekom für Spitzeldienste eingesetzt worden sei. Die Konzernrevision der Bahn beauftragte Network laut "Stern" zuletzt 2007, die Aktionen liefen im Namen der Korruptionsbekämpfung.

Der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix sagte dem Magazin: "Wir haben bei der Bahn erhebliche Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz festgestellt." Die Behörde prüfe, ob das Unternehmen ein Bußgeld zahlen müsse. Auch ein Straftatbestand sei in einigen Fällen nicht auszuschließen. "Wir prüfen, ob wir die Staatsanwaltschaft einschalten."

Die Bahn räumte dem Magazin zufolge ein, dass es entsprechende Ermittlungsaktionen gebe. Ein Vergleich mit Datenschutzskandalen - wie bei der Telekom - sei jedoch "völlig falsch und abwegig".

Bei der Telekom wurden laut Staatsanwaltschaft zwischen 2005 und 2006 mindestens 60 Personen bespitzelt, darunter Aufsichtsräte, ein Vorstandsmitglied, Angehörige des Betriebsrats und Journalisten. Auch dem Discounter Lidl wird vorgeworfen, Detektive damit beauftragt zu haben, die Verhaltensweisen von Mitarbeitern zu überwachen.

Bahn verweist auf Kampf gegen Wirtschaftskriminalität

"Die Deutsche Bahn war in den vergangenen zehn Jahren wiederholt Opfer schwerster Fälle von Wirtschaftskriminalität und Korruption", erklärte Sprecher Schumacher. "Im Interesse aller ehrlichen Kunden, Steuerzahler und Mitarbeiter wird die Bahn im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften weiterhin mit aller Härte gegen solche Auswüchse vorgehen, die das Gemeinwohl massiv schädigen", erklärte er.

Die Bahn hatte bereits Mitte vergangenen Jahres über die Zusammenarbeit mit Network Deutschland informiert. Dabei habe es sich ausschließlich um Aufträge zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption gehandelt.

Nach Angaben des früheren Frankfurter Oberstaatsanwaltes und Chief Compliance Officer der Deutschen Bahn, Wolfgang Schaupensteiner, vom Juni 2008 belief sich das Auftragsvolumen in diesen zehn Jahren auf insgesamt rund 800.000 Euro in 43 Fällen. Ziele der Beauftragung waren beispielsweise die Aufdeckung von Scheinfirmen und Kartellsachverhalten oder auch die Klärung des Verbleibs "mobiler Vermögensgegenstände", zum Beispiel Lokomotiven.

suc/AP



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Petra Raab 21.01.2009
1.
Zitat von sysopDie Bahn hat Mitarbeiter von einer Detektei überwachen lassen, die schon der Telekom beim Bespitzeln half. Der Staatskonzern verweist auf seinen Kampf gegen Wirtschaftskriminalität. Wie weit aber darf die Korruptionsabwehr gehen?
Was genau wird denn bei der Bahn und der Telekom korrumpiert? Die Gleise der Bahn fahren doch immer auf der gleichen Strecke und bei der Telekom schaut es auch nicht anders aus. Wer soll da wen bestechen? Die einzige Korruption, die es gilt zu überwachen sind unsere Politiker und die Banken.
Tolotos 21.01.2009
2.
Zitat von sysopDie Bahn hat Mitarbeiter von einer Detektei überwachen lassen, die schon der Telekom beim Bespitzeln half. Der Staatskonzern verweist auf seinen Kampf gegen Wirtschaftskriminalität. Wie weit aber darf die Korruptionsabwehr gehen?
Es gibt Gesetze, und die sollten in einem Rechtsstaat für alle gelten. Leider ist das in Deutschland schon lange nicht mehr der Fall, und so gibt es hier eine Oberschicht, für die in der Praxis bei vielen Rechtsverstößen die Strafandrohung ausgehebelt ist. Auch bei den Bespitzelungsaffären dürfte für die Initiatoren keine wirklich schmerzhafte Strafe zur Anwendung kommen.
Clownfish 21.01.2009
3.
Zitat von sysopDie Bahn hat Mitarbeiter von einer Detektei überwachen lassen, die schon der Telekom beim Bespitzeln half. Der Staatskonzern verweist auf seinen Kampf gegen Wirtschaftskriminalität. Wie weit aber darf die Korruptionsabwehr gehen?
Geht garnicht! Ehemaliger Staatsbetrieb hin oder her, aber Kriminalitätsbekämpfung ist Aufgabe des Staates. Vor allem wenn dabei die Privatsphäre der Angestellten verletzt wird.
Reziprozität 21.01.2009
4.
Zitat von Petra RaabWas genau wird denn bei der Bahn und der Telekom korrumpiert? Die Gleise der Bahn fahren doch immer auf der gleichen Strecke und bei der Telekom schaut es auch nicht anders aus. Wer soll da wen bestechen? Die einzige Korruption, die es gilt zu überwachen sind unsere Politiker und die Banken.
Allein die DB Bahnbau GmbH hat pro Jahr einen Umsatz von ca. 500 Millionen Euro. Etliche Bauauftraege gehen darueber hinaus an externe Anbieter. Ein nahezu ideales Biotop...
BluesmanII, 21.01.2009
5. Hattu Möhrchen
Zitat von Petra RaabWas genau wird denn bei der Bahn und der Telekom korrumpiert? Die Gleise der Bahn fahren doch immer auf der gleichen Strecke und bei der Telekom schaut es auch nicht anders aus. Wer soll da wen bestechen? Die einzige Korruption, die es gilt zu überwachen sind unsere Politiker und die Banken.
Wenn einer verdient hat überwacht zu werden ist es doch Möhrchen Mähdorf und der Verkehrsminister Tiefensee. Nur glaube ich das es genau umgekehrt ist .Wahrscheinlich gehören diese beiden eher zu den Auftraggebern einer solchen Aktion.Die Codenamen sprechen jedenfalls dafür.Wer Möhrchen will mag auch Eichhörnchen.Psychologisch gesehen ist beides die Verniedlichung von dreisten Aktionen.
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