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Datenschutz: Wie ein Mini-Callcenter Kundendaten der Telekom missbrauchte

Von Corinna Kreiler

Ein Unternehmen in Bremerhaven hat einer Insiderin zufolge monatelang Telekom-Kunden neue Verträge aufgeschwatzt und deren Daten weiterverkauft. Die Ex-Mitarbeiterin packt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE aus - der Konzern gibt an, nichts vom Missbrauch der eigenen Daten bemerkt zu haben.

Hamburg - Ein kahler Raum, darin Tische und Telefone. Sechs Wochen lang telefoniert Heidi K. von einer Wohnung in Bremerhaven aus in die Republik. Ihr Ziel: Telekom-Kunden zum Tarifwechsel bewegen und ihre Kontodaten sammeln.

Telekom-Zentrale: 30 Millionen Kunden in der Datenbank
DDP

Telekom-Zentrale: 30 Millionen Kunden in der Datenbank

Bei ihren Anrufen gibt sich K. als Telekom-Mitarbeiterin aus. Obwohl das Callcenter gar nicht im Auftrag der Telekom handelte, sagt sie. Wer nicht wechseln will, wird überredet: "Ich habe den Kunden 20 Euro versprochen, wenn sie einen höheren Tarif abschließen. Und dann gleich die Kontonummer abgefragt", sagt Heidi K.. Die meisten nennen ihre Bankverbindung.

Rund 150 Verträge stellt sie auf schnellere Telekom-Internet-Zugänge um - dann verschwindet ihr Chef, Herr B.. Die Wohnung ist verschlossen, bis heute ist B. für eine Stellungnahme zu dem Fall nicht zu erreichen. Doch der Fall illustriert einmal mehr, wie dubiose Geschäftsleute jenseits aller Kontrollinstanzen einen schwunghaften Datenhandel betreiben können. B., der Betreiber des Mini-Callcenters, hat sich Recherchen des NDR-Magazins "Kriminalreport" zufolge ein perfides Geschäftsmodell ausgedacht:

  • Für jeden Tarifwechsel eines Kunden bekomme er erstens Provisionen von einer weiteren Firma. Die arbeite wiederum für die Telekom und ist dankbar für jeden Abschluss. Wie die Verträge zustande gekommen sind, interessiert den Recherchen zufolge offenbar niemanden wirklich.
  • Die von seinen Mitarbeitern gesammelten Daten verkaufe B. zweitens an Adresshändler weiter.

So kassiere er doppelt: Er verdiene am Adresshandel und am Tarifwechsel der Kunden. Auch Heidi K. schildert dies so.

Callcenter-Betreiber B. hat ihr zufolge sein Geschäft schrittweise aufgebaut: 2007 habe er wenige Mitarbeiter angeheuert, die von seiner Wohnung in Bremerhaven aus telefonierten. Manche seien auch zu Hause geblieben und hätten von ihren eigenen Festnetztelefonen aus bei Telekom-Kunden angerufen.

Zuerst lief das Geschäft offenbar schlecht: Heidi K. erinnert sich, dass ihr der Chef nach der Einstellung nur eine Liste mit Namen und Telefonnummern gegeben habe. Ob die Angerufenen überhaupt Telekom-Kunden waren und über einen Internet-Anschluss verfügten, habe sie nicht gewusst. Heidi K. telefonierte und telefonierte nach eigenen Angaben, erreichte aber nicht viel. Bis ihr der Callcenter-Betreiber ein paar Tage später eine neue Liste in die Hand gedrückt habe - mit Namen, Adressen, Geburtsdaten, Anschlüssen und teilweise sogar mit Kontonummern der Kunden. Die Quelle sei die Datenbank der Telekom, behauptet K.: "Mitarbeiter der Telekom haben ihm Zugang zu den Datenbanken verschafft. Das hat mir B. selbst gesagt." Mit den Adressen sei Schwung ins Geschäft gekommen, berichtet K. "Dann war der Job relativ leicht."

In den Telekom-Datenbanken sind immerhin 30 Millionen Kunden erfasst. Laut K. stellte der Konzern die von dem Callcenter in Bremerhaven geänderten Verträge anstandslos um - obwohl manche Kunden offenbar überhaupt nichts mit der neuen superschnellen Internet-Verbindung anfangen können.

"Ich habe Leute überredet, deren Anschluss überhaupt nicht dazu geeignet war, weil sie in einem Gebiet wohnten, in dem die entsprechenden Leitungen nicht verlegt waren", sagt K. Sie ist sich sicher, dass die Vertragsänderungen wirksam wurden. "Ich habe nach der Änderung mit einigen Kunden gesprochen."

Neues Unternehmen mit Sitz in Cardiff gegründet

Wie viele Kunden von dem Skandal insgesamt betroffen sind, ist nicht bekannt. Die Telekom hat erst über den NDR von dem Fall erfahren. Inzwischen liegen ihr die Informationen des Senders vor, Konzernjuristen prüfen seit Mittwochmorgen eine Reaktion.

Ein Sprecher der Telekom nennt den Bremerhavener Datenschutzmissbrauch einen Einzelfall: "Gegen die kriminelle Energie Einzelner haben wir keine Chance." Der Konzern ist um Schadensbegrenzung bemüht und verweist auf seine internen Sicherheitssysteme.

Diese warnen, wenn ein Mitarbeiter Hunderte Daten aufruft - oder nur Daten aufruft, aber keine eingibt. Abgesichert hat sich der Konzern wie die meisten Unternehmen, die mit externen Callcentern zusammenarbeiten: mit einer Datenschutzerklärung, in der sich die beauftragten Firmen verpflichten, keine Daten an Dritte weiterzugeben. Verkauft ein Mitarbeiter dennoch illegal Daten weiter, sei die Telekom machtlos, sagt der Sprecher.

Geld für ihre Arbeit hat Heidi K. nach eigenen Angaben nie bekommen. Eigentlich habe ihr der Chef 50 Euro für jeden geänderten Vertrag versprochen, doch bisher habe sie keinen Cent gesehen. Eine Kollegin auch nicht - diese habe B. dann angezeigt, woraufhin er verschwunden sei. Nach Informationen des NDR sagen sogar B.s Eltern, sie wüssten nicht, wo er sich genau aufhalte.

Seine Geschäfte hat B. aber offenbar nicht aufgegeben. Vor kurzem hat er den Recherchen des Senders zufolge eine Limited im britischen Cardiff angemeldet - eine Unternehmensform, die einfach und schnell zu gründen ist und nur wenig Kapital voraussetzt. Die Kontakte ihres Chefs in der Branche seien einfach zu wertvoll, um aufzuhören, sagt Heidi K.

Sie hat nach dem Verschwinden ihres Chefs noch ein paar Tage von zu Hause aus weitertelefoniert - bevor sie den Job aufgab.

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