Dauerstress für Wall-Street-Broker Börsenprofis im Psycho-Crash

Wie verkraften Broker die Achterbahnfahrt der Börsen? Nicht gut, besagen US-Studien. Ausgerechnet die Finanzprofis, die am meisten Geld bewegen, sind am häufigsten psychisch gestört. Die Folgen: Isolation, Wutausbrüche - und die regelmäßige Flucht in den Vollrausch.

Von , New York


New York - Die Vorzeichen waren deutlich. Der 45-jährige Broker trat im Büro barsch und unwirsch auf, seit seine Hedgefonds-Klienten immer herbere Verluste einstecken mussten. Er stritt sich mit Kollegen, drohte, alles hinzuschmeißen, eine ganz neue Karriere anzufangen.

Wall-Street-Trader Matthew Schojam bei Meditationspause vor der Börse: "Extreme, unnachgiebige Panik"
AFP

Wall-Street-Trader Matthew Schojam bei Meditationspause vor der Börse: "Extreme, unnachgiebige Panik"

Schließlich nahm er eines Abends den Aufzug zum Dach, schritt bis an den Rand und sprang in den Tod.

Ob der Selbstmord bei der kleinen Firma namens ABC Brokerage, kolportiert in der aktuellen Ausgabe des Branchenmagazins "Broker Dealer", direkt mit der jüngsten Achterbahnfahrt der Börse und der US-Hypothekenkrise zu tun hat, bleibt vorerst unklar. Identifiziert wurde der Mann nur als "Robert". Fest steht jedoch eines: "Am nächsten Tag ging die Wall Street wieder zur Tagesordnung über", schrieb "Broker Dealer".

Lange nicht mehr haben die US-Börsen solche Kursunwetter erlebt wie jetzt. Der Dow-Jones-Index stürzte binnen vier Tagen um 400 Punkte ab - nur um dann, nach einer Zinsspritze der Notenbank, wieder steil anzuziehen. Diese Woche droht nicht weniger mitreißend zu werden.

Wie werden die Akteure mit diesem Stress fertig? Nicht eben gut. Für Broker, Banker, Trader und Fondsmanager, die alle unter erhöhtem Dauerstress leiden, können Börsenkrisen wie die jetzige eine enorme psychische Belastung darstellen - auch wenn sie sich nach außen hin so hart geben.

Ausgebrannt im Börsen-Crash

"In volatilen Märkten erleiden Trader und Investoren tägliche Gefühlssprünge zwischen Hoch und Tief", berichtet der Psychologe Alden Cass, Präsident der Catalyst Strategies Group (CSG), einer New Yorker Therapie-Beratungsfirma für Wall-Street-Haie mit lädiertem Nervenkostüm. "Jeden Morgen mit dieser Realität konfrontiert zu werden, kann zu Burnout und emotionaler Erschöpfung führen."

Cass, den sie auch "Stock Doc" nennen, weiß: "Eine lange, miserable Handelswoche kann dir das Gefühl geben, als hättest du eine Runde mit Mike Tyson geboxt." Diese extremen Stimmungsschwankungen, die mit den Kursschwankungen korrespondieren - von Euphorie zum schieren Entsetzen - seien vergleichbar mit einem Drogen-Crash. Oder dem Absturz in die Depression nach einem verlustreichen Wochenende in Las Vegas.

Burnout ist nicht die einzige Folge - wie das Beispiel von Robert zeigt. Die Ex-Brokerin und Fachautorin Sydney LeBlanc hat viele andere, mitunter tödliche Folgen beobachtet: "kaputte Ehen, Tobsuchtsanfälle, Betrug, Gefängnishaft, Depressionen, Angstzustände, Selbstmord." Ganz zu schweigen von Alkoholismus, der heimlichen, weithin verleugnete Branchenkrankheit.

Die Wall Street - ein gefährliches Pflaster, gerade in diesen Tagen? Natürlich sind Selbstmorde selten. Selbst die berühmten Geschichten von Dutzenden Suiziden nach dem Börsen-Crash 1929 haben sich inzwischen meist als Mär erwiesen, als Übertreibung oder Medien-Mythos. "Man musste sich fürs Fenster anstellen, aus denen man springen konnte", juxte der Komödiant Will Rogers damals. In Wahrheit blieb die Selbstmordrate jenes Jahres unverändert.

Einmal im Monat im Vollrausch

Doch dass das Börsengeschäft einen psychisch schwer mitnehmen kann, ist wissenschaftlich belegt. Wall-Street-Therapeut Cass war es, der vor sieben Jahren die erste Forschungsstudie überhaupt zu dem Tabuthema veröffentlichte. Sie ist heute relevanter denn je. "Eine Epidemie psychischer Erkrankungen" diagnostizierte Cass den "Masters of the Universe", wie sie Tom Wolfe 1987 in seinem Schlüsselroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" noch beschrieben hatte. Und diese Diagnose gilt nicht nur für Kurssprünge wie jetzt - sondern für den ganz normalem Tagesbetrieb.

Cass untersuchte dazu eine Gruppe New Yorker Broker im Alter von 22 bis 32 Jahren. Frappierendes Fazit: 61 Prozent zeigten Symptome klinischer Depression, ein Viertel litt sogar unter schweren Depressionen. Diese Quote war dreimal so hoch wie bei männlichen Durchschnittsamerikanern. Das sei auch deshalb beunruhigend, sagt Cass, da diese Broker "riesige Vermögensmassen kontrollieren, während sie gleichzeitig mit überwältigenden psychischen Problemen zu kämpfen haben".

Überraschend auch: Ausgerechnet die finanziell erfolgreichsten Broker in der Studie seien "geistig oder emotional am meisten gestört" gewesen. "Sie waren am depressivsten, am ausgebranntesten und am erschöpftesten." Jeder zweite Broker und Analyst, fand Cass in einer Folgeuntersuchung 2004 heraus, finde mindestens einmal im Monat Zuflucht im Vollrausch.

Weitere Mittel, die den Börsen-Stress erträglicher machten: Kokain, Methamphetamine, Marihuana, Ecstasy. Der Druck verschärft sich, wie neuere Forschungen bestätigen, in turbulenten Zeiten erwartungsgemäß nur noch - etwa bei Börsen-Bocksprüngen wie jetzt, die einem ein Gefühl der Machtlosigkeit geben. "Verbunden mit einem ohnehin stressigen Beruf können diese unkontrollierbaren Ereignisse extreme, unnachgiebige Panik verursachen", schreibt der Psychiatrie-Professor Brian Shaw, der die Stressbelastung von Finanzexperten ebenfalls untersucht hat. "Unter der kann selbst der willensstärkste Broker zerbrechen."

Glücksspiel, Trinkgelage, Sex

Shaw hat festgestellt, dass sich die Gefühlsskala für solche malträtierte Seelen in oft identischer Abfolge abspielt: Hilflosigkeit ("ich kann nichts ändern"), Hoffnungslosigkeit ("dies wird nie enden"), Wertlosigkeit ("ich kann nicht mehr"). "Diese und andere Symptome", warnt er, "können eine psychische Krise schaffen, für die einzelne Person und kollektiv für die Firmen an der Wall Street."

"Kumulativen Stress" nennt das der Harvard-Psychologe Richard Geist, der Chef des Institute of Psychology and Investing, einer Consultingfirma für Broker und Finanzplaner. Geist zeichnet besagte "psychische Krise" in noch gruseligerem Detail nach als die Kollegen. Am Anfang dieser Spirale in den Psycho-Crash steht demzufolge Hyperaktivität, Irritierbarkeit und der Versuch, die Depression zunächst mit noch hektischerer "Pseudo-Aufregung" zu konterkarieren - etwa riskanten Investitionen oder einem "frenetischem Lebensstil" ("Glücksspiel, Trinkgelage, unkontrollierter Sex").

Dem folgten schlechte Konzentration, Flüchtigkeitsfehler, schlechtere Performance. Das wiederum ziehe Manipulation und Unehrlichkeit nach sich, um "angesichts der persönlichen Hilflosigkeit zu demonstrieren, dass man doch noch Kontrolle über die Märkte hat". Der Rest sei ein unaufhaltsamer Absturz: zwischenmenschliche Isolation, Wutausbrüche, physische Symptome (schweißnasse Hände, Magenkrämpfe, Kopfschmerzen, Schlafstörungen) - und dann das Aus.

Computer haben keinen Stress

Das kommt oft schneller als gedacht. Börsen-Therapeut Cass suchte die Objekte seiner Studie acht Monate später noch einmal auf - und stellte fest, dass ein Viertel der erfolgreichsten Broker nicht länger am Platz waren: "Sie waren entweder gefeuert worden, hatten den Job gewechselt oder waren einfach ausgebrannt und ganz von der Bildfläche verschwunden."

Denn die Wall-Street-Banken kratzt das innere Gefühlsdrama ihrer Arbeitnehmer offenbar wenig. "Jede Firma operiert mit derselben Prämisse für ihre Mitarbeiter", so Brian Shaw. "Entweder erfüllst du die Zielvorgabe oder du räumst deinen Schreibtisch. Das Management interessiert sich nur für das Resultat, nicht aber für die Grundursachen." Das bekamen sie jetzt auch bei Bear Stearns zu spüren, dem von der US-Kreditkrise am stärksten betroffenen Brokerhaus, das deshalb zwei Hedgefonds schließen musste. Vorige Woche strich es gut 240 Stellen, die meisten davon für Hypothekenbanker. Die Maßnahme sei eine Reaktion auf das schlechte Geschäft, die entlassenen Mitarbeiter würden von Computern ersetzt. Denn Computer haben keinen Stress.

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