Skibergsteigerin über den Klimawandel "Ich habe es selbst gesehen"

Hilaree O'Neill wirbt beim Weltwirtschaftsforum in Davos für den Klimaschutz - auch aus Eigennutz. Als Skibergsteigerin in extremen Höhen erlebt die Amerikanerin die Gefahren der Erderwärmung hautnah.

Schneemangel in Bayern (2015)
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Schneemangel in Bayern (2015)

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Zur Person
  • Clayton Boyd/The North Face
    Hilaree O'Neill stand mit drei Jahren zum ersten Mal auf Skiern, heute ist sie professionelle Skibergsteigerin. Als erste Frau hat sie zwei Achttausender innerhalb von 24 Stunden bestiegen und ist von Gipfeln wie dem Cho Oyu im Himalaya abgefahren. Die US-Amerikanerin hat zwei Söhne und lebt in Colorado.

SPIEGEL ONLINE: Frau O'Neill, Sie haben einige der höchsten Berge der Welt erklommen und sind dann mit Skiern abgefahren. Im Skigebiet von Davos gibt es gerade einmal drei schwarze Pisten. Das klingt nicht nach den Gegenden, in denen Sie normalerweise unterwegs sind.

Hilaree O'Neill: Immerhin scheint es in der Schweiz mehr Schnee zu geben, als wir derzeit in den USA haben. In meinem Heimatort Telluride in Colorado haben wir derzeit nur Kunstschnee, dabei lebe ich auf fast 3000 Metern. So was habe ich noch nicht erlebt. Meine Kinder fragen mich morgens, wann der Winter endlich kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wann hatten Sie zum ersten Mal den Eindruck, dass sich die Winter verändern?

O'Neill: Schon vor einigen Jahren haben wir angefangen, den Januar als Juniar zu bezeichnen, weil es zunehmend warme Phasen gab. Dieses Jahr gab es hier den mit Abstand wärmsten November, Dezember und Januar seit Beginn der Aufzeichnungen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Jobbeschreibung klingt nicht nach jemandem, der besonders ängstlich ist. Macht Ihnen der Klimawandel Angst?

O'Neill: Ich würde sagen, er verändert alpines Klettern und macht es beängstigender. Wenn es zum Beispiel auf den Bergen, die ich besteige, weniger Schnee gibt, dann wird auch weniger Steinschlag abgefangen. Außerdem gibt es verrückte Temperaturschwankungen, die eine Gegend wie den Khumbu-Eisbruch am Mount Everest viel gefährlicher macht, als sie es vor 20 Jahren gewesen sein dürfte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben fünf Jahre im französischen Chamonix gelebt. Was beobachten Sie dort?

O'Neill: Früher konnte man zum Beispiel mit der Seilbahn direkt bis zum Gletscher Mer de Glace fahren. Als ich im vergangenen Winter mit meinen Kindern wieder dort war, musste man erst über eine lange Treppe und Geröll gehen. Überall gab es Markierungen, bis wo der Gletscher früher reichte. Diese Entwicklung betrifft nicht nur meine eigene Lebensgrundlage, sondern die von ganzen Gemeinden wie Chamonix oder Telluride.

SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich mit anderen Athleten in der Klimaschutzinitiative Protect our Winters. Sind Wintersportler die besseren Klimaschützer?

O'Neill: Es ist zumindest sehr effektiv, Erfahrungen aus erster Hand zu hören. Ich bewege mich auf extremen Höhen und Breitengraden, wo sich der Klimawandel möglicherweise besonders schnell vollzieht. Und bekannte Outdoor-Sportler haben viele Anhänger in den sozialen Medien und damit potenziell viel Macht, um das Bewusstsein für Klimawandel zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Wer Skipisten im Sommer entlangwandert, sieht unschöne Folgen wie Erosion. Da erscheinen Wintersportler nicht unbedingt als besonders ökologisch.

O'Neill: Ja, Wintersport hat auf jeden Fall einen ökologischen Fußabdruck. Aber vermutlich, weil ich den Sport so liebe, sehe ich auch die positiven Seiten. Dazu gehört, dass Familien zusammen rausgehen und Abenteuer erleben, die eine lebenslange Verbundenheit mit der Natur schaffen.

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SPIEGEL ONLINE: Was soll der durchschnittliche Wintersportler tun, der sich ums Klima sorgt?

O'Neill: Man kann mit einfachen Dingen im eigenen Leben anfangen: Strom sparen, Fahrgemeinschaften bilden, mehr recyceln. Klimapolitisch sind die USA zurzeit natürlich in einer ziemlich einzigartigen Lage. Immerhin motiviert das viele Leute, sich auf lokaler Ebene zu engagieren und dort etwa für die Umstellung auf erneuerbare Energie zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem muss es ziemlich frustrierend für Ihre Initiative gewesen sein, als Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet hat.

O'Neill: Ja, das lässt mich immer noch schaudern. Technisch können die USA allerdings erst 2020 aus dem Abkommen austreten - also im Wahljahr. Deshalb gibt es die Hoffnung, dass wir dann eine neue Regierung haben. Falls nicht, gehe ich davon aus, dass Städte, Bundesstaaten und Unternehmen sich selbst den Zielen von Paris verschreiben und wir sie doch noch erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Seite von Protect our Winters gibt es unter anderem Tipps dazu, wie man familiäre Klimadiskussionen an Thanksgiving übersteht. Wie gespalten ist die US-Gesellschaft in dieser Frage?

O'Neill: Um ehrlich zu sein, habe ich selbst Eltern, die Trump unterstützen und den Klimawandel weitgehend leugnen. Ich habe mich lange mit meiner Meinung zurückgehalten, um Streit mit ihnen zu vermeiden. Aber jetzt habe ich gemerkt, dass wir diese Diskussion führen können - auch weil ich nach Davos fahre und dort mit Al Gore auf einer Bühne sitze. Mein Vater hat mir ganz ruhig zugehört. Er ist sehr stolz auf das, was ich mache. Und ich spreche ja über Dinge, die ich selbst gesehen und angefasst habe - die kann er kaum anzweifeln.

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