DDR-Motorradmarke Emme vor dem Aus

Mal wieder droht einer DDR-Kultmarke der Exitus. Wenn kein Wunder mehr geschieht, stellt der Zweiradhersteller MZ aus dem sächsischen Zschopau zum Jahresende endgültig die Produktion ein.

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An diesem Vehikel kommt keiner vorbei. "Eine Melodie auf allen Straßen", ist der Werbespruch für das robuste Zweirad mit der bläulichen Dunstfahne, das aus den Tiefen des Erzgebirges heraus die Welt erobert: "Für Männer, die fahren können." In der chronischen Mangelwirtschaft der DDR gilt der Zweitakter MZ, von seinen Fans liebevoll "Emme" genannt, als Inbegriff für ein bisschen Freiheit.

Endmontage bei MZ: Inbegriff für ein bisschen Freiheit
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Endmontage bei MZ: Inbegriff für ein bisschen Freiheit

Die Westverwandtschaft spendiert die Emme über die Schalck-Golodkowski-Firma Genex den Lieben im Osten. Vopos brettern mit Blaulicht-MZ über die Straßen, die Volksarmee mit dunkelgrünen Modellen durchs Feld und der einfache Bürger nimmt gerne ab, was nach dem Export in die kurdischen Berge und die irakische Wüste noch übrig bleibt.

Aus und vorbei: MZ, die traditionsreiche Marke aus dem sächsischen Zschopau, steht nach zunächst überstandener Liquidation in den Wendewirren und Konkurs Ende der neunziger Jahre nun endgültig vor dem Aus. Nach Trabant, Wartburg, Barkas und Simson droht 19 Jahre nach der Wende einer der letzten ostdeutschen Fahrzeughersteller vom Markt zu verschwinden.

Gerade mal 38 Mitarbeiter werkeln noch beim einstmals größten Motorradproduzenten der Welt. Ganze 74 MZ-Neuzulassungen zählte das Kraftfahrzeugbundesamt bis Mai – deutlich zu wenig, um zu überleben. Die malaysische Muttergesellschaft Hong Leong, die noch 2002 davon träumte, die Kultmarke in der Motorrad-Formel-I zu etablieren, dreht nun den Geldhahn zu und will das Werk in der Nähe von Chemnitz zum Jahresende schließen. Der Freistaat sucht händeringend nach neuen Investoren.

Die Sachsen bangen weniger um die paar Arbeitsplätze, als um den Totalverlust ihrer ruhmreichen Marke. Schließlich gehört die mehrfache Trophy-Gewinnerin MZ zum Sachsen-Stolz wie Trabi, August der Starke und erzgebirgische Schnitzkunst. Schon 1916 wird in Zschopau ein Dampfkraftwagen entwickelt – DKW wird zum Inbegriff des technischen Fortschritts jener Zeit und gibt dem Werk seinen Namen. Erste Fahrräder mit Hilfsmotor gehen 1920 in Serie: "Das kleine Wunder", so verheißt die Werbung, "fährt bergauf wie andere runter."

1929 rollt in Zschopau schon alle 78 Sekunden ein Motorrad vom Band, 6000 Menschen arbeiten bei DKW. Die Automobilproduktion wird ausgelagert: DKW gründet dafür mit Audi, Horch und Wanderer die "Auto-Union".

"Maschinen für ganze Männer"

Auch nach dem Krieg geht die Erfolgsgeschichte im Osten weiter. Zwar werden die alten Besitzer per Volksentscheid enteignet, doch jetzt produziert das VEB Motorradwerk Zschopau (MZ) die Zweiräder. Zwischen 1950 und 1990 verlassen 2,5 Millionen Maschinen die Fabrik im Erzgebirge, ein Drittel davon geht in den Westen.

Die "Honecker-Harley" wird bei Neckermann über Katalog geradezu verschleudert: "Moto-Fans! Das sind Maschinen für ganze Männer". Die "Neckermann-MZ" kostet keine 1000 West-Mark, die stolzen Besitzer müssen sich freilich die wiederkehrende Frage gefallen lassen, ob sie denn von drüben kämen. Dort fährt inzwischen mangels Auswahl das ganze Land die zeitlosen Zweitakt-Stinker.

Von solchen Zeiten kann André Hunger nur träumen. Der bullige Sachse war zu Wendezeiten Betriebsrat bei MZ und ist heute Personalchef der von Schließung bedrohten Fabrik. Hunderte Menschen hat Hunger schon gehen sehen. 3200 Beschäftigte hatte das Werk zu Wendezeiten, dann wurden es 250, 150, zuletzt jene 38, die sich jetzt in den großen Werkhallen verlieren. Nicht mal eine eigene Entwicklungsabteilung gibt es noch. Höchstpersönlich ist Hunger mit Angestellten zuletzt zu Motorradtreffen gefahren, um die neuen Modelle anzupreisen. "Wir sind auf viel Interesse gestoßen", sagt Hunger.

Nur verkauft wurde immer weniger. Gab es 2005 noch 1768 MZ-Neuzulassungen in Deutschland, waren es 2007 nur noch 1041. Insgesamt fahren gut 80.000 MZ auf deutschen Straßen, Oldtimer inbegriffen. Allein Suzuki bringt es dagegen auf 570.000 Maschinen. Auch die Ostdeutschen sind längst auf die asiatische Konkurrenz umgestiegen. Selbst die sächsische Polizei nimmt keine MZs mehr ab. Im einstigen Ostblock und in Fernost sind die bis zu 12.000 Euro teuren Maschinen, deren Aggregate teils wie in einer Manufaktur von einem Arbeiter per Hand zusammengebaut werden, ohnehin schier unverkäuflich. Da hilft nicht mal mehr, dass Experten den selbst entwickelten 1000er-Motor als den stärksten Serien-Reihenzweizylinder am Markt bejubeln.

70 Millionen Euro Verluste hat Eigentümer Hong Leong nach eigenen Berechnungen seit der Übernahme des Werkes 1996 eingefahren. Nun würden die Aktionäre die Geduld verlieren. Allerdings laufen wie bei Nokia in Bochum zum Jahresende auch die Bindefristen für gewährte Fördermittel aus. Zumindest rund 2,5 Millionen Euro könnte das sächsische Wirtschaftsministerium zurückfordern, wenn nicht alle Zusagen eingehalten wurden. Die Prüfungen laufen.

Zehn mögliche Investoren haben sich inzwischen in Zschopau gemeldet, die das Werk eventuell übernehmen würden. Angeblich seien Iren interessiert, selbst der Name Porsche wird hinter vorgehaltener Hand geraunt. Der Kaufpreis für die angeschlagene Traditionsmarke soll bei vier bis fünf Millionen Euro liegen.

Wenn sich doch niemand mehr erbarmt, liegt die Zukunft von MZ allerdings wenige Kilometer vom Werk entfernt, im Zentrum von Zschopau. Dort firmiert das schmucke Jagdschloss Wildeck. Zwischen den Münzpressen der Numismatischen Gesellschaft gibt es eine schmucke Motorradausstellung. Für die letzte 1000er von MZ ist noch Platz.

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels war zu lesen: "Die Emme ist das Standardgeschenk zur Jugendweihe". Das ist leider nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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