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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Wie die EZB die Zinsen drücken kann

Eine Kolumne von

Soll die Europäische Zentralbank im großen Stil Staatsanleihen aufkaufen, um die Euro-Krise zu lösen? Tatsächlich wäre das ein richtiger Schritt - wenn die Zentralbank gleichzeitig garantiert, dass der Reformdruck auf die Schuldenstaaten bestehen bleibt.

Am Anfang der Krise stand das Versprechen, man wolle alles tun, um den Euro zu erhalten. Zwei Jahre später können die Verantwortlichen die Märkte immer noch mit diesem Versprechen beeindrucken. Wir wissen nicht genau, was sich EZB-Chef Mario Draghi genau vorstellte, als er sein Versprechen verkündete. Wird die EZB unbegrenzt Staatsanleihen kaufen? Wird sie gar, wie DER SPIEGEL berichtet, eine Höchstgrenze für Zinsen auf Staatsanleihen festsetzen?

Die Nachricht ist insoweit glaubwürdig, als sich die EZB tatsächlich auf diese Option vorbereitet. Aber es ist nicht die einzige Möglichkeit - und wohl auch nicht die wahrscheinlichste. Eine garantierte Zins-Höchstgrenze ist rechtlich umstritten, von den inhaltlichen Argumenten einmal ganz zu schweigen.

Ich schätze, dass die EZB gerade dabei ist, die Leidensfähigkeit der Bundesbank zu testen. Dass es am Ende zu einem großen Staatsanleihen-Aufkaufprogramm kommen wird, daran zweifelt kaum einer. Auch nicht daran, dass Bundesbank-Chef Jens Weidmann das Vorhaben ablehnen wird. Die Frage ist jetzt nur noch, wie man den Affront kalibriert.

Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, dass Draghi so weit gehen wird, den gesamten Staatsanleihenmarkt unter seine Obhut zu bringen. Dann hätten wir die vollständige Zentralbank-Finanzierung aller Schulden. Auch wenn das die Krise kurzfristig beende würde, glaube ich nicht, dass Deutschland und andere nordeuropäische Staaten weiter Mitglied eines solchen Währungsraumes sein wollten. Diese Berta wäre zu dick.

Die wahrscheinlichste Variante besteht darin, dass die EZB Anleihen mit kurzen Laufzeiten von maximal einem Jahr aufkauft und damit die Kurzfristzinsen europaweit angleicht. Im Gegenzug müssten die Staaten einen offiziellen Antrag auf Hilfe stellen und bestimmte Konditionen erfüllen.

Die Finanzierung von Staatschulden ist nicht die Aufgabe der EZB

Ein solches Aufkaufprogramm wäre zwar kein Euro-Bond, aber immerhin das Äquivalent einer Euro-Treasury-Bill oder T-Bill - eines Schatzbriefs mit kurzer Laufzeit. Es wäre ein kluger Weg, denn die von Draghi geforderte Konditionalität kann bei Langfristanleihen kaum funktionieren. Bei einem Kurzfirst-Programm würde hingegen die ständige Notwendigkeit, neue Schuldpapiere herauszugeben, den Reformdruck auf die Staaten erhöhen.

Sicher, die Finanzierung von Staatschulden ist nicht die Aufgabe der EZB, auch nicht in einer Krise. Das Programm muss über jeden Verdacht erhaben sein, dass man hier lediglich Schulden durch das Drucken von Geld bezahlen möchte. Ein Programm für das kurze Ende des Marktes, wie es im Notenbanker-Jargon heißt, wäre glaubwürdig. Denn Staaten finanzieren am kurzen Ende nicht vorrangig ihre langfristigen Schulden, sondern ihren kurzfristigen Liquiditätsbedarf.

Ein solches Programm wäre mit dem EZB-Mandat vereinbar. Das beinhaltet schließlich, die Wirksamkeit der geldpolitischen Mechanismen sicherzustellen. Wenn spanische Unternehmen kaum noch Kredite kriegen, egal wie weit die EZB die Zinsen senkt, dann ist dieser Mechanismus gestört. Genau das passiert gerade. In diesem Fall darf die Zentralbank eingreifen.

Wäre das schon der Einstieg in den Euro-Bond? Ich hoffe es, bleibe aber skeptisch. Am Ende lässt sich ein fehlender politischer Konsens nicht durch irgendwelche technischen Tricks ersetzen. So etwas Massives wie ein Euro-Bond kommt nicht durch die Hintertür. Draghi kann daher auch nicht die Krise alleine lösen, er braucht die Koordination mit der Politik.

Ein Aufkauf-Programm von Anleihen ergibt nur dann Sinn, wenn Europa parallel die politische und wirtschaftliche Vereinigung vorantreibt. In diesem speziellen Punkt stimme ich auch mit der Bundeskanzlerin überein. Man kann die Krise nicht allein durch gemeinsame Anleihen lösen. Aber man braucht einen Fahrplan zur Wirtschafts- und Fiskalunion, an dessen Ende der Euro-Bond steht.

Ein intelligent konzipiertes Aufkaufprogramm für Kurzzeit-Anleihen wäre eine erste wichtige Etappe auf diesem Weg.

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1. optional
relaxartwork 22.08.2012
Wenn die EZB Staatsanleihen aufkauft, finanzien wir alle die Schulden durch die Inflation. Wohlstand besteht nicht aus Geld, sondern aus Gebrauchswerten.
2. Ein bisschen zu
kantundco 22.08.2012
Grundsätzlich kann man Münchau diesmal durchaus Recht geben. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre! Zunächst einmal die Frage: Wer soll wie sicherstellen, dass die Schurken- pardon Schuldnerstaaten im Süden wirklich diese Entlastung nutzen und nutzen können, um wieder in die Bahn zu kommen und sich nicht weiter so verhalten wie bisher, z.B. neue Blasen pflegen? Und umsonst gibt es den Spaß auch nicht. Denn die deutschen Staatsanleihen wären plötzlich für die Anleger weniger attraktiv, wenn Deutschland via EZB für die niedriger bezinsten Staatsanleihen der Südländer haftet. Zudem muss dann Deutschland mit höheren Zinsen rechnen, um seine Anleihen am Markt platzieren zu können, auch wenn es ordentlich wirtschaftetn. Wenn wir die Kleider des Kaisers betrachten bleibt: Deutschland muss zahlen und das Problem wird wieder einmal in die Zukunft verschoben.
3. EZB kann nichts tun ...
sltgroove 22.08.2012
... ausser weiter plündern - nur, es gibt nichts mehr zu plündern . JP Morgue gibt eigener Kundschaft die Rahhmen der shorts, GS ditto ... alle diese Wetten sind gehedget . Kreativität der EZB ist auf sinnlose und verbrecherische Interventionen auf den Anleienmarkt und Hyperproduktion an idiotischen Gerüchten und an die Drohungen beschränkt. EU-Banken sind insolvent, Liquidität ist gleich null, Geschwindigkeit des Kapitals gesunken UNTER DEM 1929 Niveau .... Plan B ist erforderlich. Mit den Platitüden vom GS-Draghi und Jörg den Hirn Asmussen wirds nichts besser. Gestrige schützende Hand für der sinkenden € kam durch ziemlich brachiale Manipulation - Devisenhandel aussetzen wegen "technischen" Problemen. Schäbiger gehts nicht, ne ? OK, ein Irankrieg wird die Konjuktur bestümmt beleben. Viel Spass damit. Worum geht es eigentlich hier ?
4.
whiteelephant1 22.08.2012
Zitat von sysopSoll die Europäische Zentralbank im großen Stil Staatsanleihen aufkaufen, um die Euro-Krise zu lösen? Tatsächlich wäre das ein richtiger Schritt - wenn die Zentralbank gleichzeitig garantiert, dass der Reformdruck auf die Schuldenstaaten bestehen bleibt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,851389,00.html
Die EZB sollte keine Staatsanleihen kaufen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Sie soll durch ihrer Politik wirtschaftliche Überhitzungen und Anzeichen von wirtschaftlichen Abschwächungen steuern. Der deutschen Wirtschaft geht es noch gut. Doch durch die verfehlte Niedrigzinspolitik hat sie sich sämtlicher Instrumente durch den politischen Druck aus der Hand nehmen lassen. Was geschieht, wenn nun eine abrupter Abschwung kommt? Die Zinsen sind fast bei 0%. Wie will man denn da noch gegensteuern? Hauptsache die Politiker nutzen das niedrige Zinsniveau zur weiteren Neuverschuldung. Das kann nicht gut gehen. Die Zinsen für Staatsanleihen müssen auch in Deutschland endlich steigen, damit der Verschuldungwahn ein Ende nimmt.
5.
pansen 22.08.2012
Zitat von kantundcoGrundsätzlich kann man Münchau diesmal durchaus Recht geben. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre! Zunächst einmal die Frage: Wer soll wie sicherstellen, dass die Schurken- pardon Schuldnerstaaten im Süden wirklich diese Entlastung nutzen und nutzen können, um wieder in die Bahn zu kommen und sich nicht weiter so verhalten wie bisher, z.B. neue Blasen pflegen? Und umsonst gibt es den Spaß auch nicht. Denn die deutschen Staatsanleihen wären plötzlich für die Anleger weniger attraktiv, wenn Deutschland via EZB für die niedriger bezinsten Staatsanleihen der Südländer haftet. Zudem muss dann Deutschland mit höheren Zinsen rechnen, um seine Anleihen am Markt platzieren zu können, auch wenn es ordentlich wirtschaftetn. Wenn wir die Kleider des Kaisers betrachten bleibt: Deutschland muss zahlen und das Problem wird wieder einmal in die Zukunft verschoben.
Ganz einfach. Die Staaten haben ein eigenes Interesse, sich zu günstigen Zinsen eines Euro Schatzbriefs zu finanzieren. Den Zugang zu diesen Instrumenten haben sie aber nur bei nachgewiesenen Reformen. Hier schliesst sich der Kreis recht schön, weil hier nichts von aussen auferzwungen wird, sondern aus eigenem Vorteilsdenken die Reformen angegangen werden können. Im Übrigen eine Idee von Soros, wenn ich mich recht erinnere...
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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