Debatte Warum Deutschland einen eigenen Staatsfonds braucht

Abwehrreflexe und Panikattacken: Weil Saudi-Arabien einen Staatsfonds auflegt, erwachen hierzulande wieder Ängste vor dem vermeintlich bösen Investitionsinstrument. Grundfalsch. Deutschland sollte offensiv reagieren - und einen eigenen Staatsfonds gründen.

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Berlin - Jetzt dürfen sie sich wieder bestätigt sehen in ihren Befürchtungen, die Bedenkenträger und Defensivexperten in Kanzleramt, Wirtschafts- und Finanzministerium. Saudi-Arabien, das schwerreiche Königreich von der arabischen Halbinsel, legt einen eigenen Staatsfonds auf. Die Petrodollar sollen künftig weltweit in lukrative Unternehmen angelegt werden.

Es ist natürlich nicht der erste Staatsfonds. Russland leistet sich einen und die Chinesen sowieso. Zunächst investierten die Länder ihr Fremdwährungsvermögen hauptsächlich in amerikanische Staatspapiere, später auch in Aktien, die mehr Rendite versprachen. Der staatliche kuweitische Beteiligungsfonds hält so etwa seit den siebziger Jahren Anteile an Daimler. Doch trotz der langen Erfahrungen ist das Misstrauen so groß wie nie. Neureiche Länder wie China und Russland gelten, weil undurchsichtig und autokratisch regiert, als so etwas wie ökonomische Schurkenstaaten, denen nicht zu trauen ist. Ihr Geld ist deshalb nicht immer willkommen, auch in Deutschland nicht.

Die reflexartige Abwehrhaltung ist als Antwort auf die Herausforderungen durch die Staatsfonds unvollständig und unangemessen. So wenig sich ein Fußballspiel durch eine perfekt organisierte Vierer-Abwehrkette gewinnen lässt, so wenig profitieren demokratische Marktwirtschaften im globalen Wettbewerb durch Protektionismus. Statt sich nur Gedanken zu machen über die Abwehr vermeintlich unliebsamer Investitionen, sollte deshalb Deutschland lieber selbst einen kleinen, feinen Staatsfonds auflegen.

Mittel dafür sind vorhanden. Noch immer verwaltet die Bundesbank Devisenreserven im Wert von knapp 30 Milliarden Euro, meist angelegt in amerikanischen Schuldverschreibungen. Die Bestände stammen noch aus der Zeit, als die Bundesbank die schwächelnde amerikanische Währung durch Aufkäufe stützte, im früheren Festkurssystems gezwungenermaßen, später freiwillig. Die Anlagen werfen Erträge ab, wegen der notorischen Niedrigzinspolitik der Amerikaner aber immer weniger. Aus dem Geld ließe sich mehr machen.

Ein deutscher Staatsfonds würde mäßigend wirken

Die Bundesbank braucht die Mittel nicht mehr, genauso wenig wie ihren Goldschatz. Zur Verteidigung des Euro verfügt die Europäische Zentralbank über genügend eigene Reserven. Statt die Dollars an die amerikanische Regierung auszuleihen, sollte Deutschland sein Vermögen rund um den Globus anlegen, und zwar dort, wo es langfristig am meisten Rendite abwirft. Das ist bei Aktien der Fall. Wenn sich der chinesische Staatsfonds an Siemens oder ThyssenKrupp beteiligt, warum dann nicht der deutsche an China Telecom?

Die Maßnahme hätte gleich mehrere Vorteile. Zum einen könnte Deutschland, weil Gleicher unter Gleichen, mehr Einfluss ausüben auf das Verhalten ausländischer Staatsfonds denn als bloßer Standort von potentiellen Opferunternehmen. Es könnte zudem ein Vorbild abgeben dafür, wie man sich als Investor tadellos benimmt, so, wie es etwa der norwegische Staatsfonds schon vorexerziert.

Auf das Gebaren ausländischer Fonds würde das deutsche Pendant wegen gegenseitiger Interessenverflechtung automatisch mäßigend wirken. Wer im eigenen Land engagiert ist, dem kann man in dessen Heimat nicht wie ein Raubritter gegenübertreten.

Mehr rausholen aus den Devisenreserven

Die innovative Anlagestrategie würde nicht nur wie eine Versicherung gegen rüpelhaftes Benehmen ausländischer Staatsfonds wirken, sie würde sich auch finanziell lohnen. Die Beteiligungen werfen mehr ab als amerikanische Staatsanleihen. Mit dem Gewinn ließen sich zusätzliche Investitionen zum Beispiel in Bildung finanzieren oder Schulden zurückzahlen, was Mittel im Haushalt freimacht.

Eine neue Welle der Verstaatlichung wäre durch das weltweite Engagement Deutschlands nicht zu befürchten. Der deutsche Staatsfonds täte gut daran, seine Anteile als bloße Kapitalbeteiligung zu verstehen. Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen würde er nicht nehmen.

Auch das Gegenargument, mit einem Volumen von höchstens 30 Milliarden Euro sei der Bundes-Staatsfonds im weltweiten Vergleich klein, zieht nicht. Im Gegenteil unterstreicht der Hinweis nur, dass Deutschland aus seinen Devisenreserven bislang nicht genug herausgeholt hat.



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