Wirtschaftsgeschichte Die wilden Bienenkönige

Einer musste den Job ja machen! In den bizarren Tätigkeiten vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte spiegelt sich der Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Die Autorin Michaela Vieser und die Illustratorin Irmela Schautz porträtieren ausgestorbene Berufe - wie etwa der Zeidler.

Zeidler bei der Arbeit: Baumbeuten und Klotzbeuten
Irmela Schautz

Zeidler bei der Arbeit: Baumbeuten und Klotzbeuten


Zeidler: Zunftberuf, der sich auf die Wildbienenzucht spezialisiert hatte

Erkennungszeichen: Seil, Zeidlerbeil und Armbrust

Aktive Zeit: graue Vorzeit bis zirka 17. Jahrhundert, in slawischen Gebieten vereinzelt noch heute

Von all den vielen ausgestorbenen Berufen gibt es nur wenige, bei denen man aus der Perspektive der heutigen Zeit das Gefühl hat, der Mensch dahinter durfte dank seiner Tätigkeit ein glückliches und ausgefülltes Leben führen und war nicht gegeißelt von seiner Arbeit oder ihren Umständen. Die Zeidler gehörten vielleicht dazu. Sie waren eine Berufsgruppe, die Wildbienen in den Wäldern hütete und deren Produkte, also Honig und Wachs, verarbeitete und verkaufte. Ihre Arbeit war abwechslungsreich, verband Handwerk und Vermarktung, drinnen und draußen, mal oben im Geäst, hoch über der Welt schwebend, mal auf dem Waldboden umherkriechend, doch immer süß. Alles, was die Zeidler brauchten, fanden sie in den Wäldern und mussten lediglich darauf achten, dass ihnen niemand zuvorkam.

Stolz sahen sie aus, die Zeidler - und hatten auch alles Recht dazu. Von der Antike bis zur Reformation galt der Honig als ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, und seit Platons "Nomoi" wurde das Gewerbe der Bienenhüter auch vom Gesetz ehrbar behandelt. Zeidler, die als feststehender Begriff und Zunft erst im Mittelalter auftauchen, hatten ihre eigenen Gerichte, zahlten Steuern und mussten bei Kriegen ihrem Landesherrn als Armbrustschützen dienen.

Wie die Menschen auf die Idee kamen, sich am Honig zu laben, ist ungewiss. Wahrscheinlich beobachteten sie Bären oder andere Wildtiere. Sobald der Mensch aber auf den Geschmack gekommen war, war der Honig nicht mehr vom Speiseplan dieses aggressiven Zweifüßlers wegzudenken. In allen Erdteilen (außer Australien, wo es keine Bienen gab und Pflanzen mit einer anderen Form der Befruchtung auskommen mussten) wurde der Honig religiös verehrt, gegessen und als Arzneimittel verwendet. Es gab Völker, die ihre Toten in Honig konservierten, und in Ägypten wurde er den Verstorbenen mit ins Grab gelegt. In einer Zeit, in der Energie noch in Menschenstärke gemessen wurde, war es der Honig und nicht das Erdöl, der die Kraft lieferte, um Monumente zu bauen und Zivilisationen zu gründen. Folglich blühte der Handel mit diesem haltbaren Produkt wie die Wiesen, von denen es stammte. Vor allem die Region der Karpaten, mit ihren tiefen Nadelwäldern und Felsenschluchten, exportierte von alters her ihren Honig, und Städte wie Nowgorod in Russland galten schon bei den Wikingern als Umschlagplätze für Honig.

Mit Staatengründungen kamen Konflikte auf

Pytheas aus Marsalia (Marseille), ein Zeitgenosse von Alexander dem Großen, berichtete von den Germanen, die Honig auf ihr Brot schmierten und Met tranken. Die Germanen sammelten ihren Methonig noch frisch und frei aus ihren Wäldern. Erst mit Staatengründungen kamen Konflikte auf, wer das Recht habe, den Honig in den Wäldern zu ernten. Interesse daran gab es von allen Seiten: Die neu gegründeten Klöster, die das Land nun verwalteten, benötigten nicht nur das Kerzenwachs, auch auf den Honig wollten die Mönche nicht verzichten, war er doch in den Fastenzeiten eine angenehme Abwechslung und wurde für die Herstellung von Medizin gebraucht.

Es mussten also Gesetze gestrickt werden, die sich der Produktion von Honig annahmen. Diese Aufgabe fiel 1350 Karl IV. zu. Seine Bestimmungen markieren den Beginn der Zeidelei in Deutschland. Die Waldbienenhüter erhielten darin ihr eigenes Gericht, die enge Zusammenarbeit mit den Förstern wurde festgelegt, und gewisse polizeiliche Befugnis wurden ihnen erteilt, vor allem das Bestrafen von Honigdieben. Immer wieder gab es lokale Unterschiede, die sich gerade bei der Besteuerung bemerkbar machten. So mussten manche Zeidler einen Prozentsatz ihres eingebrachten Honigs abgeben, was in der Praxis nicht gut funktionierte und zu Steuerbetrug führte. Als sehr viel besser erwies sich das System, bei dem jährlich eine bestimmte Menge Honig abgegeben werden musste. Dass manchmal versucht wurde, den Honig zu panschen, führte zur Einstellung von Honigprüfern. Im Großen und Ganzen war die Zeidelei aber ein Geschäft, das nicht allzu vielen Risiken ausgesetzt war.

Bären und andere Honigdiebe

Rechtlich großes Kopfzerbrechen bereitete die Frage, wie weit ein Zeidler seinen Schwarm verfolgen durfte. Wenn im Frühling die Bienenvölker auszogen, sammelten sich die Bienen traubenförmig an einem Ast und flogen dann weiter. Je nach Region wurden verschiedene Gesetze angewandt, doch war es üblich, dass der Zeidler dem Schwarm folgen durfte, so weit er sein Beil schmeißen konnte. Aus einem festgelegten Zeidlerraum durften die Bienen jedoch nicht getragen werden. Bei den Römern sah das noch anders aus. Der oströmische Kaiser Justinian verfügte im Corpus Iuris Civilis (528 bis 534 n.Chr):

"Auch Bienen sind ihrer Natur nach wilde Tiere. Haben sie sich daher auf deinem Baum niedergelassen, so sind sie, bevor du sie in einem Bienenstock eingefangen hast, ebenso wenig dein Eigentum wie Vögel, die auf einem Baum ein Nest gebaut haben."

Im Grunde hatten die Zeidler nur zwei Feinde. Das waren zum einen die Bären und zum anderen die Honigdiebe. Das Einzige, was half, war, sich ausgefeilte Bärenfallen auszudenken wie folgende:

"Stellet einen Zeidelbär vor, der großen Appetit nach Honig hat; der aber vor dem Stocke einen schweren Klotz an einem Stricke hängend findet, ihn mit der Pfote wegstößt, und von dem zurückprallenden Klotze den Kopf grässlich zerschlagen bekommt…"

Alltag der Zeidelei

Diebe dagegen musste man mit dem Gesetz bestrafen. Je abschreckender, desto nachhaltiger. Ausreden und Ausflüchte wurden nur selten berücksichtigt:

"Der Dienstjunge des Sekretärs zu Schnellpförtel hat aus der Heide einen Schwarm in der Mütze hereingetragen, er beteuert, dass der Schwarm sich an ihn angelegt und in der Mütze gesammelt hätte. Er musste gleichwohl Strafe geben. Er hätte die Mütze mitsamt dem Schwarm im Busch lassen sollen. Es dürfe kein Schwarm nullo aus der Heide herausgetragen werden…"

So ein Auszug aus dem Görlitzer Zeidelrecht von 1771.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Nürnberg für seine Honigkuchen so berühmt wurde: Die Stadt, die von Nadelwald umgeben war, schuf die besten rechtlichen Voraussetzungen für ihre Zeidler, und die Honigbäcker bezogen ihren Goldsaft direkt vom Sammler ihres Vertrauens.

Die Zeidelei wurde vererbt, und jeder Zeidler hatte ein bestimmtes Waldstück. In seinem Wald musste er zuerst einmal die Bäume finden, in denen die Bienenschwärme wohnten. Da ein Schwarm immer im selben Baum haust, konnte der Zeidler diesen Baum mit einem geschnitzten Zeichen kennzeichnen, und der Schwarm gehörte ihm. Im Frühling, wenn die neuen Königinnen mit ihrem noch kleinen Volk ausschwärmten, musste er neue Unterkünfte finden, konnte diese aber auch vorbereiten: Indem er von einem Baum die Krone abschnitt, dort von oben ein Loch hineinbohrte, dieses wieder verschloss und seitlich ein Flugloch fertigte. Solch ein Baum wurde als "Beute" bezeichnet.

Diese Baumbeuten hatten einen Nachteil: Immer nur ein Bienenschwarm passte in einen Baum, und wenn der Baum im Sturm fiel, war alles weg. Sogenannte Klotzbeuten vereinfachten den Zeidlern die Arbeit, indem man Baumstücke aushöhlte und diese an die Äste eines Baumes hängte oder im Wald aufstellte.

Während Nichtzeidler und Honigdiebe die Beuten ausräuchern mussten, um an den Honig zu gelangen, wussten die Zeidler von einer nachhaltigeren Methode: Denn das Ausräuchern bedeutete, dass der Schwarm sich in dieser Beute nicht mehr ansiedeln würde. Leider ist nirgends vermerkt, wie diese Methode aussah. Es war wieder eines dieser Zeidlergeheimnisse, das die Zeidler mündlich und unter Schwur an ihresgleichen weitergaben.

Das Aussterben der Zeidelei

Doch währte die Zeidelei nicht ewig. Das langsame Aussterben der Berufsgruppe war von vielen Faktoren geprägt.

  • Einer davon war die Reformation Martin Luthers. Der Wittenberger hatte oft genug verkündet, dass wahrer Glaube auf ein helles Lichtermeer im Gotteshaus verzichten könne, folglich sank der Bedarf an Kerzenwachs rapide. Man benötigte es weiterhin in geringen Mengen als Siegelwachs und im Handwerk, aber der Markt war beträchtlich eingebrochen.
  • Auch der Honig als einziger bekannter Süßstoff wurde kurze Zeit später abgelöst: vom Zucker, der dank der dortigen Sklaven aus der Karibik importiert wurde und der sich so viel leichter löste.
  • Was den Met, ein weiteres Honigwirtschaftsprodukt, anbetraf: Den trank man schon lange nicht mehr, da es nun schmackhaften Wein und süffiges Bier gab und die Sitten und Gebräuche der alten Germanen als verstaubt und veraltet galten.
  • Ein weiterer Grund für das Verschwinden der Zeidelei war die Tatsache, dass die Wälder, aus denen zuvor der meiste Honig gewonnen wurde, mittlerweile von Köhlern, Pechschweflern oder Glasbläsern auf der Suche nach Rohstoffen ausgeschlachtet wurden. Für die Biene und deren Zucht war darin kein Platz mehr. Man ging dazu über, Bienenstöcke an Häusern, in Gärten und Klöstern, vor Schlössern zu pflegen. Das letzte Zeidelgericht tagte 1779 in Nürnberg.Auch wurde die Hausbienenzucht immer ertragreicher und nützlicher: Die Bienen gleich neben den Gärten zu halten, sicherte die optimale Befruchtung der Pflanzen. In den slawischen Gebieten wurde die Waldbienenzucht als Nebenerwerb noch bis hinein ins 20. Jahrhundert betrieben.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch von Michaela Vieser "Von Kaffeeriechern, Abtrittanbietern und Fischbeinreissern", illustriert von Irmela Schautz; erschienen im C. Bertelsmann Verlag.



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