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Detektiv-Offensive: Chefs spionieren Mitarbeiter deutschlandweit aus

Lidl ist überall: Viel mehr Unternehmen als bislang bekannt bespitzeln ihre Mitarbeiter systematisch. Notiert werden Liebeskummer, arbeitslose Verwandte oder Krankheiten von Ehepartnern. Betroffen sind laut "Stern" selbst Konzerne wie Daimler.

Hamburg - Der Fall Lidl sorgte für einen bundesweiten Aufschrei: In dem Unternehmen waren seitenlange Spitzelprotokolle über Mitarbeiter angefertigt worden, notiert wurden intimste Details aus dem Privatleben. Jetzt kommt heraus: Lidl ist nur ein Beispiel von vielen. Die Überwachung von Mitarbeitern ist in deutschen Unternehmen ein Massenphänomen.

Überwachung in den USA: Selbst Belanglosigkeiten werden notiert
CORBIS

Überwachung in den USA: Selbst Belanglosigkeiten werden notiert

Laut "Stern" gab es ähnliche Vorkommnisse auch bei anderen Discountern wie Aldi, Penny, Plus, Netto und Norma. Selbst anspruchsvolle Märkte wie Rewe, Edeka, Tegut, Hagebau oder Famila ließen demnach ihre Mitarbeiter bespitzeln und die Beobachtungen schriftlich festhalten.

Insgesamt liegen dem "Stern" nach eigenen Angaben Protokolle aus 150 Einzelhandelsfilialen vor - quer durch ganz Deutschland. Die ältesten Protokolle stammen aus dem Jahr 2003, die jüngsten vom Dezember 2007. Aufgezeichnet wurden intimste Details bis hin zu Belanglosigkeiten. Es geht um private Beziehungen der Mitarbeiter, Liebeskummer, Scheidungen, Alkoholprobleme, Krankheiten, arbeitslose Verwandte - die Detektive schrieben alles auf, was sie in Erfahrung brachten.

Die krassesten Beispiele aus den Spitzelprotokollen:

  • Aus einem Penny-Markt in Düsseldorf: "Frau L. schimpft die meiste Zeit im Lager so laut, dass das die Kunden deutlich mitbekommen. Jetzt wird sie wegen eines Papierstaus im Drucker so wütend, dass sie diesen fast auseinander reißt, als sie die Klappe öffnet."
  • Eine Penny-Filiale in Hamburg: "Der Sozialraum ist eine Zumutung. Im Kühlschrank entwickelt sich ein Eigenleben der Produkte der Mitarbeiterinnen. Verbesserungsvorschläge: Austausch der Mitarbeiterinnen Frau G., Frau K. und Frau P. gegen qualifiziertes Personal, das mit anpacken will und die neuen Führungskräfte unterstützt."
  • Ein Penny-Markt in Düsseldorf: "Frau A. kommt aus Bayern und ist sehr rustikal im Umgang. Sie ist sehr wach und abgeklärt und sollte intensiver beleuchtet werden."
  • Eine Penny-Filiale südöstlich von Aachen: "Frau Z. ist zum zweiten Mal verheiratet mit einem 11 Jahre jüngeren Mann, der Sohn ihres ehemaligen Klassenlehrers ist. Der Ehemann hat einen Bandscheibenvorfall dritten Grade."

Die Fälle stellen einen eklatanten Rechtsbruch dar. Denn erlaubt ist das heimliche Ausspähen von Beschäftigten nur bei begründetem Verdacht einer Straftat. Und auch dann nur, wenn es kein anderes Mittel gibt, den Sachverhalt aufzuklären, schreibt der "Stern".

Der Rewe-Konzern, zu dem Penny gehört, teilte dem Magazin mit, dass die Detektive tatsächlich Mitarbeiter überwachen sollten, allerdings ausschließlich, um Diebstähle aufzuklären. "Eingriffe in die Privatsphäre unserer Mitarbeiter" wolle man nun "vorbehaltlos aufklären".

Ähnlich wie bei Penny lesen sich die Protokolle, die bei der Supermarktkette Edeka angefertigt wurden, wobei zum Teil nur Lapalien notiert wurden:

  • Aus einem Edeka-Markt nördlich von Bielefeld: "Herr M. erwähnt, dass er fast ausschließlich mit dem Fahrrad in den Markt kommt. Privat fährt er einen Volvo."
  • Aus derselben Filiale: "Ich betrete den Pausenraum. Herr M. und Herr Z. sitzen, rauchen und lesen die Tageszeitung. Da beide die Zeitung schon fast durchgelesen haben, müssen beide hier schon länger sitzen."

Edeka bestreitet die Existenz der Protokolle nicht, erklärt aber laut "Stern": "Einen Auftrag für die Erstellung von Protokollen über das Verhalten der Beschäftigten in den Pausenräumen gab es nicht."

Oft soll die Überwachung auch zeigen, wie der einzelne Mitarbeiter im Betrieb spurt. Bummelei meldet der Detektiv sofort der Zentrale:

  • Aus einer Plus-Filiale in Celle: "Frau M. ist sehr langsam, aber gewissenhaft; Leergutflaschen werden einzeln in die Boxen geworfen; auch der Geldtransfer, alles dauert sehr lange. Frau M. erinnert mich stark an eine Verkäuferin in einem Tante-Emma-Laden vor 25 Jahren."
  • Ein Plus-Markt in Berlin: "Herr N. ist starker Raucher. Weiter fielen seine stark zitternden Hände sofort auf."

Plus räumte laut "Stern" ein, dass es "einzelne Fälle aus Norddeutschland" gebe, in denen Notizen "zu einzelnen Filialmitarbeitern erscheinen". Aber: "Diese haben wir weder ausgewertet noch genutzt."

In der vergangenen Woche hatte das ARD-Magazin "Report Mainz" Aufnahmen gezeigt, die offensichtlich in der Umkleidekabine von Europas größtem Fleischverarbeiter Tönnies in Rheda-Wiedenbrück entstanden sind.

Stasi-Methoden sind offenbar nicht nur im Einzelhandel gang und gäbe, sondern in der gesamten deutschen Wirtschaft. "Überwachung, Kontrolle, Bespitzelung von Mitarbeitern sind offenbar eher die Regel als die Ausnahme", schreibt der "Stern".

Der Bundesverband der Detektive räumt ein, dass 60 bis 70 Prozent der Aufträge aus der Wirtschaft stammen. Der häufigste Wunsch der Kunden: das Verhalten der Mitarbeiter zu überwachen. Die Detektei Pembjo richtet sich zum Beispiel direkt an Arbeitgeber die Frage: "Sie brauchen Informationen über Mitarbeiter? In diesen Fällen beraten wir Sie gerne individuell."

Erschreckend ist auch die Spionage-Software Orvell Monitoring, die das Saarbrücker Unternehmen Protectcom anbietet. Der Produktname soll offenbar an den Schriftsteller George Orwell erinnern, der mit dem Überwachungsroman "1984" berühmt wurde. Installiert der Chef die Software auf den Computern seiner Mitarbeiter, bleibt nichts mehr geheim. Auf Wunsch kann sich der Arbeitgeber den Bildschirm der Untergebenen live anschauen - "Big Brother im Büro", schreibt der "Stern". Die Software soll in Deutschland schon mehr als 100.000 mal verkauft worden sein.

Auch Kunden werden überwacht

In die Kritik geraten selbst renommierte Unternehmen wie der Autokonzern Daimler Chart zeigen. Laut "Stern" wurde hier am runden Tisch mit Abteilungsleitern, Meistern, Werkärzten und Betriebsräten besprochen, was mit kranken Mitarbeitern zu geschehen habe. Betriebsrat Tom Adler spricht von einem "Ort der Bespitzelung": Die Meister sollen dort von der Schuppenflechte ihrer Untergebenen erzählt haben, von Scheidung, der sterbenden Mutter, von Alkoholproblemen und psychiatrischen Behandlungen. Die Informationen wurden dann in den Unterlagen der Personalabteilung schriftlich festgehalten, berichtet das Magazin.

Das Unternehmen selbst weist die Darstellung zurück. "Es wurden und werden keine vertraulichen Daten über unsere Mitarbeiter von den Werksärzten an Führungskräfte weitergegeben", teilte das Unternehmen mit. Zielsetzung des runden Tischs sei es, krankheitsbedingt fehlende Mitarbeiter in den Arbeitsprozess zu integrieren, präventiv Krankheiten zu vermeiden und die Arbeitsfähigkeit zu erhalten. "Eine Datenschutzverletzung liegt nicht vor", erklärt Daimler.

Ins Visier der Kontrollfreaks geraten sogar die Kunden, wie zum Beispiel Eva Herre. Wie der "Stern" berichtet, betrat sie am 10. Dezember gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter Matilda die Filiale der Volksbank in Stuttgart-Degerloch, um Geld vom Automaten abzuheben. Unglücklicherweise war Matilda kurz zuvor in Hundekot getreten. Die Bank selbst stellt den Sachverhalt anders dar: Demnach habe das Mädchen die Verunreinigung selbst verursacht.

Doch darauf kommt es gar nicht an. Viel erschreckender ist der folgende Datenmissbrauch. Denn Mitarbeiter der Bank werteten das Überwachungsvideo aus - und ermittelten anschließend die Adresse der Mutter über die Abbuchung am Automaten. Kurz darauf erhielt Eva Herre von ihrer Bank Post: eine Rechnung "für die entstandenen Reinigungskosten" über 52,96 Euro.

wal

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