Deutsch-irakische Wirtschaftskonferenz Investieren im Minenfeld

Deutsche Unternehmen, die im Irak Geschäfte machen wollen, stecken in einem Dilemma. Zwar locken üppig dotierte Aufträge in großer Zahl. Doch Bomben und Selbstmordattentate bedeuten ein unkalkulierbares Risiko - und die USA verhindern Abschlüsse in den wichtigsten Geschäftsfeldern.

Von Volker ter Haseborg, München


Gesprengte Öl-Pipeline im Irak: Viele Unternehmer schrecken vor Investtionen zurück
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Gesprengte Öl-Pipeline im Irak: Viele Unternehmer schrecken vor Investtionen zurück

München - Richard Fett ist neuerdings Irak-Fan. 50 Millionen Dollar glaubt er dort schon bald verdienen zu können. Fett ist studierter Agrarwissenschaftler und arbeitet für die Erfurter Firma "Alwa Montagenbau", die Agraranlagen wie Getreide-Silos montiert. Während in Deutschland das Geschäft vor sich hindümpelt, herrscht im Irak rege Nachfrage. "Gerade der landwirtschaftliche Sektor hat großen Nachholbedarf", meint Fett.

Obwohl vor allem im Zentralirak kaum ein Tag vergeht, an dem es keinen Terroranschlag und Tote gibt, flog er im März in die Türkei und fuhr von dort aus mit dem Auto in den Norden des Landes. Der Geschäftsmann ließ sich teilweise von bewaffneten Sicherheitsleuten begleiten. Fett sprach mit Regierungsbeamten, schaute sich verschiedene Projekte an. "Deutsche Firmen sind im Irak für ihre Qualität bekannt", weiß er jetzt.

Um seine Kontakte in den Irak zu verbessern, besuchte Richard Fett jetzt die deutsch-irakische Wirtschaftskonferenz in München. 550 Teilnehmer aus Wirtschaft und Politik, darunter fünf Minister aus der irakischen Regierung, sind da, um sich über Geschäfte mit dem Irak, Boom-Branchen und vor allem die Sicherheitssituation für deutsche Firmen zu erkundigen. Angeblich sind es 250 deutsche Firmen, die sich momentan für Investitionen im Irak interessieren, verkünden die Veranstalter der Konferenz.

Anschläge sind an der Tagesordnung

Doch Geschäfte im Irak sind gefährlich. Vor allem im sogenannten "sunnitischen Dreieck" sind Anschläge und Entführungen an der Tagesordnung. Im kurdisch dominierten Norden und im schiitisch geprägten Süden ist die Lage allerdings ruhiger - wenn auch für Westler nicht ungefährlich.

Um von der prekären Lage abzulenken, verweisen irakische Geschäftspartner gern auf die lange Tradition deutsch-irakischer Wirtschaftsbeziehungen. Das Eisenbahn-Netz wurde mit deutscher Technik errichtet, auch der Staudamm von Mosul und der Flughafen von Basra. In vielen Fabriken stehen Maschinen von Siemens. Ende der siebziger Jahre galt die Bundesrepublik Deutschland als der größte Importlieferant des Irak. Anfang der achtziger Jahre exportierte Deutschland Waren im Wert von fast vier Milliarden Euro in den Irak, sagt Alexander Hoeckle, Irak-Experte der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern. Heute seien es lediglich 400 Millionen Euro.

Dieser Rückgang hat in erster Linie mit den Kriegen am Golf zu tun, aber auch andere Schwierigkeiten behindern: So legten sich die USA bislang regelmäßig quer, wenn es um Aufträge für die Schlüsselbereiche Öl und Gas für deutsche Unternehmen ging. Hinzu kommen strukturelle Probleme: Die Infrastruktur liegt am Boden, es kann bis zu 50 Tage dauern, bis Waren im Irak eintreffen. Auch die Häfen sind nicht gut in Schuss, so dass Unternehmen auf Lkw als Transportmittel angewiesen sind.

Iraker können Bedenken nicht zerstreuen

Dennoch sind die irakischen Politiker intensiv um potenzielle Lieferanten aus Deutschland bemüht. Doch die deutschen Wirtschaftsbosse wollen lieber wissen, wie hoch sie ihre Produkte gegen Terror-Attacken versichern müssen. Auch interessieren sie sich für Informationen über das irakische Steuersystem und das Rechtssystem. Und vor allem für die Sicherheitslage. Denn nach wie vor schrecken viele Unternehmer angesichts von Terror-Anschlägen und bewaffneten Diebstählen davor zurück, im Irak zu investieren. Es gelingt den Irakern auf der Konferenz auch nicht, diese Bedenken zu zerstreuen.

Auch der Hinweis der irakischen Politiker, dass ihre Landsleute über den höchsten Bildungsstandard in der arabischen Welt verfügen, verfängt nicht. Zuviel ist unter der Herrschaft von Saddam Hussein und dem anschließenden Machtwechsel auf der Strecke geblieben. "Nach 20 Jahren müssen die Irakis erst mal lernen, wie man Business macht", sagt Reinhard Avemann, der im Auftrag der deutsch-arabischen Industrie- und Handelskammer als Berater für deutsch-irakischen Handel tätig ist.

Trotzdem sieht er gute Chancen für deutsche Unternehmer, vor allem im Gesundheits-Bereich, der Infrastruktur und der Landwirtschaft. Klar, die Iraker seien unerfahren in Privatwirtschaft, meint Avemann. "Dann müssen sie eben von Deutschen trainiert werden." Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) will noch in diesem Jahr 50 irakische Facharbeiter trainieren. Drei Wochen Sprachkurs im Goethe-Institut und elf Wochen Training in einem deutschen Unternehmen sollen die Fachkräfte absolvieren. Die Kosten werden von deutschen Firmen getragen.

Eineinhalb Stunden Strom pro Tag

Für Michael Schmidt und sein Unternehmen "Rotring Engineering" aus Buxtehude in Niedersachsen kommt dieses Angebot zu spät. Seine Firma baut im Norden des Iraks ein Kraftwerk auf und brauchte dringend Fachkräfte. Schmidt stellte zwei irakische Ingenieure ein und machte sie mit der deutschen Technologie vertraut. "Im Irak herrscht eine Aufbruchstimmung. Die Ministerien wollen unbedingt Aufträge an deutsche Unternehmen vergeben", wirbt Schmidt für den Industriestandort Irak.

Gerade der Energie-Sektor sei eine Boom-Branche. Kein Wunder bei einer instabilen Stromversorgung, die der Hauptstadt Bagdad teilweise nur eineinhalb Stunden Strom pro Tag beschert. Für das Energie-Ministerium erfülle Schmidt mittlerweile "fast schon eine Beraterfunktion". Und da fällt dann auch mal was ab: Am Rande der deutsch-irakischen Wirtschaftskonferenz ließ der irakische Energieminister Schmidt wissen, dass ihm ein weiterer Auftrag in Höhe von zehn Millionen Dollar sicher sei.



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