Deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehungen: Langsamer Abschied vom Döner

Von Alexander Bürgin

Die Eröffnung der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Köln zeigt, dass die Türken hier zu Lande weit mehr als nur mit Dönerbuden zum Wirtschaftswachstum beitragen. Für das Land am Bosporus ist Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner - und auch deutsche Unternehmen zieht es verstärkt in die Türkei.

Schröder, Erdogan: Eröffnung der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Köln als Meilenstein in den Wirtschaftsbeziehungen
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Schröder, Erdogan: Eröffnung der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Köln als Meilenstein in den Wirtschaftsbeziehungen

Berlin - Wie wichtig der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan seine Stippvisite in Köln nimmt, zeigt die Größe seiner Delegation: 500 Unternehmer und 80 Journalisten reisen verteilt in drei Flugzeugen mit dem Premier zur Eröffnung der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer an - dreimal so viel wie sonst bei Erdogans Auslandsreisen.

Auf seinen Deutschlandbesuchen pflegt der türkische Premier kräftig die Werbetrommel für die EU-Mitgliedschaft seines Landes zu rühren. Auch am Dienstag wird er die Feierlichkeiten dazu nutzen, um an der Seite von Bundeskanzler Gerhard Schröder, auf die wirtschaftliche EU-Reife der Türkei hinzuweisen.

Türkische Wirtschaft holt auf

Dabei kann er mit gewissem Stolz die jüngsten Wirtschaftsdaten zitieren: Um sieben Prozent legte die türkische Wirtschaft im letzten Jahr zu, nur China stand unter den Industrieländern noch besser da. Die Inflationsrate, die vor zwei Jahren noch zwischen 60 und 100 Prozent lag, ist auf 15 Prozent gesunken - der tiefste Wert seit 31 Jahren. Der Abbau der Staatsschulden schreitet voran. Die Zeiten wirtschaftlicher Instabilität scheinen vorbei zu sein.

Solche Nachrichten hören Investoren gerne und engagieren sich verstärkt im Land am Bosporus. Den größten Anteil der gut 6000 ausländischen Firmen stellt Deutschland. 1200 Projekte laufen derzeit in der Türkei mit Kapitalbeteiligung deutscher Unternehmen. Sie investieren in der Türkei, weil sie dort günstig und mit qualifizierten Arbeitskräften produzieren können. Der türkische Markt mit 69 Millionen Einwohnern und einer wachsenden Bevölkerung bietet den Unternehmen Perspektiven, die das stagnierende Europa kaum noch bieten kann.

Deutschland Handelspartner Nummer eins für die Türkei

Umgekehrt verheißt Europa der türkischen Wirtschaft riesige Absatzchancen. Über 50 Prozent des Außenhandels geht nach Deutschland, das damit Handelspartner Nummer eins der Türkei ist. Geliefert werden vor allem Textilien. Aber auch in anderen Branchen hat die Türkei mächtig zugelegt. Bereits 40 Prozent der Fernsehgeräte, die in der EU verkauft werden, stammen aus der Türkei. Jüngstes Beispiel für das neue Selbstbewusstsein der türkischen Wirtschaft: Die Übernahme des deutschen Unternehmens Grundig durch Beko.

Auch die türkischen Unternehmer in Deutschland verlassen die klassischen Nischen der Immigranten. Waren türkische Unternehmer in den achtziger Jahren in 36 Branchen aktiv, sind es heute 132. Noch immer macht die Lebensmittel- und die Gastronomiebranche 50 Prozent des Jahresumsatz der türkischen Unternehmer aus. Die 10.000 Dönerbuden erwirtschaften mehr als die McDonalds-Filialen in Deutschland. Ihr Anteil am Gesamtumsatz der türkischen Unternehmer ist aber seit Jahren rückläufig.

Türkisches Unternehmertum in Deutschland boomt

Dagegen wächst die Zahl der türkischen Handwerker, Bauunternehmer und Dienstleister. Insgesamt beschäftigen die 58.000 Selbständigen rund 366.000 Mitarbeiter, davon ein Drittel Deutsche. Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der türkischen Unternehmer und die Zahl der Arbeitsplätze sich bis 2010 verdoppeln.

Die Gründung einer deutsch-türkischen Handelskammer ist daher die logische Konsequenz der gewachsenen Verflechtung der deutschen und der türkischen Wirtschaft. Die Eröffnung der Kammer markiere einen "Meilenstein für die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen, die durch die Arbeit der Kammer nun qualitativ und quantitativ enorm zunehmen" würden, so deren Präsident Kemal Sahin.

Auch Faruk Sen, Direktor des Essener Zentrums für Türkeistudien rechnet damit, dass die neue Kammer Türkischstämmige zur Selbstständigkeit ermuntern werde. So erfolgreich viele türkischstämmige Unternehmer in Deutschland auch sind, bei den Jugendlichen stimmt die Entwicklung bedenklich: 40 Prozent der unter 25-Jährigen hat keine Berufsausbildung.

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