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Deutsche Auswanderer: Die Tschüs-AG

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Hauptsache Arbeit, egal wo - so denken immer mehr Deutsche. Seit 1950 sind nicht mehr so viele Menschen ausgewandert wie jetzt. Ihr neues Zuhause kannten sie vorher oft nur aus dem Urlaub. So kann die Suche nach einer neuen Existenz zum riskanten Abenteuer werden.

Hamburg - Der Mann, der strahlend durch den Flur der Hamburger Arbeitsagentur eilt, sieht nicht aus wie jemand, der grade beim Vorstellungsgespräch war. Verwaschenes blaues T-Shirt, klobige Joggingschuhe, an seinen Gürtel hat er sich einen gelben Turnbeutel gebunden. Trotzdem ist er grade vom Fleck weg engagiert worden. "Die haben nicht einmal was zu meinem Alter gesagt", ruft der 50-Jährige, der seinen Namen nicht nennen will.

Er war einer der ersten auf der Auslandsjobbörse, die in der Behörde stattfindet. Hunderte Stellen in Dänemark, Norwegen und in der Schweiz werden angeboten. So hat der Mann die erste Anstellung nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit gefunden, als Baggerfahrer. Dass er dafür nach Wettingen in die Schweiz ziehen muss, sei ihm "völlig wurscht", sagt er. "Was soll ich denn hier noch?" Die tätowierten Arme rudern in der Luft, während er über die Gesundheitsreform und die schmaler werdenden Renten in Deutschland schimpft. Er hat dicke Tränensäcke unter den Augen. Dass sich Arbeitgeber geradezu um ihn reißen, ist er nicht gewohnt.

Bei der Jobbörse geht es hektisch zu. Zwischen unordentlich aufgehängten Flaggen und Landkarten sitzen ein halbes Dutzend Vermittler von Personaldienstleistungs- und Zeitarbeitsfirmen, blättern in Bewerbungsmappen, stellen Fragen an ihr Gegenüber. Vor ihren Plastiktischen stehen lange Schlangen. Gesucht werden vor allem Handwerker: Kfz-Mechaniker, Elektriker, Zimmerer. "In Skandinavien sind Fachkräfte zurzeit schwer zu finden", erklärt Eric Roggenkamp von der norwegischen Zeitarbeitsfirma Job Zone.

In Deutschland ist das Angebot dagegen reichlich, das wissen die Vermittler. Auf der verzweifelten Suche nach einer neuen Chance sind immer mehr Arbeitslose bereit, das Land zu verlassen. Wenn es sein muss auch von einem Tag auf den anderen. Seit 1950 haben nicht mehr so viele die Koffer gepackt wie im vergangenen Jahr. 145.000 Deutsche wanderten dem Statistischen Bundesamt zufolge aus - und das sind nur die, die sich ordnungsgemäß abgemeldet haben. Wieviele pendeln oder ihren deutschen Wohnsitz formal behalten, darüber lässt sich nur spekulieren, sagen Fachleute.

Viele treibt die pure Not ins Ausland. "Bis vor einigen Jahren sind größtenteils Akademiker weggezogen", sagt Nana Seidel von der Universität Bremen, die über die Auswandererwelle gerade ihre Doktorarbeit schreibt. Die intellektuellen Weltenbummler suchten neue Erfahrungen oder bessere Karrierechancen, so die Soziologin. "Inzwischen packen aber immer mehr Arbeiter und Facharbeiter ihre Sachen, einfach weil sie hier keine wirtschaftliche Chance mehr sehen." Tschüs-AG statt Ich-AG.

Die Lebensgeschichten der Wirtschaftsflüchtlinge hören sich zuweilen an wie Abenteuerromane. So etwa die von Gert Sturz*. 20 Jahre vertrieb und montierte er als Einmannbetrieb Bauelemente in der Nähe von Frankfurt am Main. Plötzlich sei alles schief gegangen, erzählt er. Er fuhr sein neues Auto zu Schrott und wurde kurz darauf so krank, dass er heute in seinem Beruf nicht mehr arbeiten darf. Anfang dieses Jahres war er so pleite, dass er Privatinsolvenz anmelden musste. Kurz darauf ging er weg. "In Deutschland hätte ich die Kurve mit meinen 58 nie mehr bekommen."

Jetzt versucht Sturz in der ostchinesischen Stadt Qingdao Thüringer Würste zu verkaufen. Ein Freund kam auf die Idee, das gemeinsam zu versuchen, er hatte sogar das nötige Startkapital. In China, da sei alles im Aufbruch, sagte er. Die ersten 200 Würste verkauften sie an einem Stand in der Innenstadt. Dann fand Sturz eine deutsch-chinesische Unternehmensberatung für ausländische Existenzgründer. Und Kontakt zu anderen Auswanderern.

Inzwischen hat er die ersten großen Aufträge. Ein Hotel will jeden Monat eine Tonne Würstchen bestellen. Ab Samstag liefert Sturz außerdem Buletten, Kartoffelsalat und Wurst für das riesige Bierfest der Stadt, zu dem Millionen Besucher erwartet werden. Geschafft hat er es damit freilich noch lange nicht. Sein Touristenvisum läuft im November ab. Mit seinem einstigen Partner, mit dem er sich inzwischen zerstritten hat, gab er 7000 Euro aus, weitere 12.000 Euro lieh ein deutscher Unternehmer. Auch in Deutschland hat er Schulden. "Das will ich alles auf Heller und Pfennig zurückzahlen, das ist mein Ziel", sagt er. "Ich schaff' das, ich bin jemand, der immer wieder aufsteht." Solche Sätze sagt er oft, als wolle er sich selbst Mut zusprechen.

Auf der Jobmesse in Hamburg herrscht Aufbruchstimmung. Von Deutschland haben die meisten gründlich die Nase voll. Die Wartenden finden sich in Grüppchen zusammen, immer wieder wird laut über die Regierung geschimpft. Der Baggerfahrer, der gerade den Job in der Schweiz bekommen hat, erklärt laut, auf keinen Fall mehr zurückzukommen. "Ich arbeite da jetzt sechs Jahre und dann setz' ich mich mit meiner Frau in der Türkei zur Ruhe. In Antalya. Da war ich schon oft im Urlaub." Er ist sicher, dass das Leben dort genauso angenehm sein wird wie seine Ferienzeit.

"Überall ist es besser als hier" - davon scheinen viele der Messe-Besucher überzeugt zu sein. Von den Ländern, für die hier geworben wird, wissen sie fast nichts. "Viele Auswanderer haben ziemlich naive Vorstellungen von ihren Zielen, das haben uns die Berater von den Arbeitsämtern immer wieder erzählt", sagt auch Soziologin Seidel.

Auch Sturz wusste vor seiner Ankunft nur wenig von China. Anfangs sei er ziemlich übers Ohr gehauen worden, erzählt er. Als er Räume für seine Wurstproduktion suchte, verlangte die erste Fleischfabrik 10.000 Euro. Über seinen Dolmetscher fand er zufällig eine Alternative - für ein Zehntel der Summe. "Der Mann war mein Glück", sagt er. "Der hat fünf Jahre in Hannover gewohnt, wo ihm ein Deutscher sehr geholfen hat. Das will er zurückgeben." Was er ohne diese Hilfe in einem Land gemacht hätte, wo alles über Kontakte geht, darüber will er lieber nicht nachdenken. "Das Geschäftsgebaren hier ist vollkommen anders", sagt er nur.

Schweden oder China - man bleibt der Ausländer

"Man muss sich schon bewusst sein, dass das eine große Entscheidung ist", sagt Heinz Schrader*. Der gelernte Baumaschinenfahrer zog vor zweieinhalb Jahren in die 30.000-Einwohnerstadt Narvik nach Norwegen, um dort bei einer Garten- und Landschaftsbaufirma zu arbeiten. Er brauchte Zeit, bis er sich wohlfühlte, sagt er. Und das lag nicht nur an dem Wohnwagen, in dem er ein Jahr lang lebte. "Das Verhalten der Leute ist anders. Einmal bin ich zum Beispiel sehr angeeckt, weil auch auf dem Bau nie jemand laut wird, selbst wenn er noch so wütend ist", erzählt er.

Dazu kommen oft private Probleme. Heinz Schraders Frau wollte beispielsweise nicht mitgehen in den kalten Norden, sie blieb in Berlin. "Ein bisschen traurig ist es schon, wenn man nach 32 Jahren getrennte Wege geht", sagt er. Er habe aber viele Bekannte, fügt er hinzu. Richtige Freunde zu finden, sei allerdings schwer. "Man ist eben dann doch der Ausländer."

Ein Satz, den man von vielen Auswanderern hört. "Ich habe mich manchmal gefühlt wie eine Gefangene", sagt eine Gärtnerin aus Bremen, die es zwei Jahre in Wien versucht hat. Die Kollegen etwa hätten sie immer wieder wegen ihrer deutschen Herkunft gepiesackt. "Das wurde dann mit dem Wiener Schmäh entschuldigt, aber da war schon Ernst dabei. Die dachten einfach, es gibt doch auch genug Österreicher für den Job."

"Manchmal zermürben einen Kleinigkeiten", erklärt auch Marc Bermann. Er folgte seiner Frau nach China, wo sie ein Austauschprogramm organisiert, und gründete in Shanghai eine Fernseh- und Video-Produktionsfirma. "Dass keine Heizungen in den Wohnungen sind zum Beispiel, obwohl es im Winter wirklich kalt ist." Eines Tages will er zurück, aber er sei froh über die Erfahrung, versichert der 32-Jährige.

Auch Wurstproduzent Sturz will auf keinen Fall ans Aufgeben denken. "Wenn ich zurückgehe, habe ich gar nichts mehr", sagt er. Ebenso sieht es Heinz Schrader. Er hat es in seiner Firma inzwischen zum Polier gebracht und sich grade ein kleines Häuschen in Norwegen gekauft. Er fühle sich verbunden mit dem Land, selbst die Winter, wenn es kaum hell wird, finde er schön. "Überall liegt dann Schnee und alles ist erleuchtet", schwärmt er. "Ich habe mit Deutschland abgeschlossen."

*Die Namen wurden von der Redaktion auf Wunsch der Gesprächspartner geändert.

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