Deutsche Autoindustrie "Wir sind nicht auf Toyota vorbereitet"

Nach Überzeugung des ehemaligen Vorstandsmitglieds von Opel, Jürgen Stockmar, wird Opel noch Jahre brauchen, um verlorenes Image wieder wettzumachen. In der Fachzeitschrift "Technology Review" sprach der Manager über die Probleme der deutschen Autoindustrie, gewitzte Ideen und den Vorsprung von Toyota.


Opel-Produktion in Kaiserslautern: Hightech verkauft sich nicht zwangsläufig von selbst
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Opel-Produktion in Kaiserslautern: Hightech verkauft sich nicht zwangsläufig von selbst

Wie beurteilen Sie als früherer Technik-Vorstand die Krise bei Opel?

Jürgen Stockmar:

Natürlich schmerzt die aktuelle Entwicklung. Vergleichstests zeigen, dass bei Opel wieder sehr gute Autos gebaut werden. Aber das Image ist - primär aus Qualitätsgründen - vor Jahren schwer beschädigt worden. Und wir wissen: Ein Image zu beschädigen braucht nur wenige Jahre, es wieder aufzubauen wesentlich länger. Dafür muss man dem Team jetzt einfach Zeit geben.

Wie konnte es so weit kommen?

Stockmar: Die aktuelle Krise ist die Folge von Managementfehlern aus der Vergangenheit, Mitte der Neunziger. Für den Calibra gab es keinen Nachfolger, die Weiterentwicklung des Omega wurde eingestellt, die Entwicklung des Diesels nicht rechtzeitig vorangetrieben, die Qualitätsstandards vernachlässigt. Trotzdem: Renault oder Peugeot sind von der Modellpalette und Technik her durchaus ähnlich wie Opel aufgestellt, allerdings mit wesentlich größerem Erfolg Die Franzosen haben es geschafft, mit pfiffigen Entwürfen, neuen Qualitätsansprüchen und technischen Einzelleistungen Aufmerksamkeit zu gewinnen und haben daher den verdienten Markterfolg. Aber vergessen Sie nicht, dass die Franzosen von einem niedrigen Niveau kommen.

Was wurde in der deutschen Automobilindustrie falsch gemacht?

Stockmar: Einige Entwicklungen wurden nicht rechtzeitig erkannt: Dass wir eine Marktsättigung erreichen, dass wir in einen wirtschaftlichen Abschwung geraten, darauf hätte man sich früher vorbereiten müssen. Jetzt werden von Renault in Rumänien technisch simple, aber preiswerte Dacias produziert, um die schon fast ein Hype entsteht. Fairerweise muss man aber sagen, dass gerade die billigen, kleinen Autos bei uns oft keinen Markterfolg hatten. Deshalb schien die Weiterentwicklung solcher Konzepte damals nicht sinnvoll. Der Unterschied ist freilich: Der Dacia ist kein Kleinwagen, sondern fast ein kleines Mittelklasseauto.

Sitzen zu viele Techniker in den Vorstandsetagen?

Stockmar: Besonders die deutschen Ingenieure sind mit ihrer bekannten Technikverliebtheit vielleicht über das Ziel hinausgeschossen und haben versucht, mit immer mehr Technologie immer neue Käuferschichten zu erobern. Das ging eine Zeit lang gut, aber inzwischen sind die Kunden nicht mehr bereit, diese ganzen Features zu bezahlen. Andererseits haben die deutschen Cheftechniker wichtige Trends verschlafen.

Toyota baut inzwischen mit die modernsten Dieselmotoren und punktet mit serienreifen Hybridautos.

Stockmar: Darf ich es anders ausdrücken: Wir sind erstaunt und vielleicht auch nicht darauf vorbereitet, welche technologische Speerspitze Toyota inzwischen aufgebaut hat. Sie haben Diesel und Hybrid genannt, schlimmer ist: Wenn Sie sich etwa mit der Brennstoffzelle beschäftigen, werden Sie feststellen, dass fast die gesamte Technologie bereits mit Toyota- Patenten belegt ist. Das heißt: Toyota hat auch schon die Zukunft voll im Visier.

Währenddessen werden in Deutschland immer größere, immer stärkere Motoren entwickelt. Braucht die Welt Motoren wie den V10 TDI von Volkswagen?

Stockmar: Der Erfolg gibt den Verantwortlichen jedenfalls Recht. Aber die Frage ist berechtigt, wie sinnvoll es ist, einen Dieselmotor mit 600 Newtonmeter und 300 PS plus zu bauen. Diese Aggregate sind heute eine letzte Argumentationshilfe für gesellschaftlich und ökologisch kritische Autos wie die großen SUVs. Ich fürchte aber, dass man auf diese Weise dem Image des Diesels langfristig Schaden zufügt, wenn man solche Motoren in 2,5-Tonnen-Autos mit riesigem Luftwiderstand einbaut, wo sie auch zehn und fünfzehn Liter brauchen. Und meine Sorge ist, dass wir gerade mit solchen Autos eine restriktivere Gesetzgebung provozieren. Die entscheidende Frage: Sind wir als Industrie auf dem richtigen Weg, wenn wir jedes sich anbietende Geschäft nutzen, auch auf die Gefahr hin, das Auto wieder in die - ökologische - Diskussion zu bringen?

Der technische Fortschritt ist auch in den kleineren und mittleren Klassen immer schwerer nachvollziehbar. Braucht ein Golf eine Vierlenker-Hinterachse?

Stockmar: Wir haben jetzt einen Punkt erreicht, an dem der Kunde den Fortschritt nicht mehr deutlich genug erfahren kann. Der Golf ist ein ausgezeichnetes Auto. Aber im Vergleich mit dem neuen Astra, der mit einer wesentlich einfacheren Hinterachse fährt, kann man sich schon fragen, wozu eigentlich eine Vierlenkerachse, die das Doppelte kostet. Tatsächlich sind solche Entwicklungen auch oft von den Medien getrieben. Bremsen werden entwickelt, um die Tests der Autozeitschriften zu bestehen. Die wenigsten Kunden bremsen aber dreimal voll beladen den Großglockner hinunter. Aber sie bezahlen dafür.

Wie kann und muss es weitergehen, aus Sicht des Technikers?

Stockmar: Das Problem eines Golf ist, dass er auf eine Mitte zielt, die wir zunehmend verlieren, sowohl gesellschaftlich als auch technisch. Autos wie der Dacia sind erst der Anfang: Es wird wieder technisch weniger anspruchsvolle Modelle geben, die sich eine größere Schicht von Menschen leisten kann. Und andererseits: Wer nicht nach unten will, muss nach oben auswandern, wie dies BMW und Audi sehr konsequent und erfolgreich vorführen. Sicher bin ich mir auch, dass die Segmentierung des Marktes weiter zunehmen wird. In Zeiten der gesättigten Märkte muss man freie Plätze suchen und besetzen. Das heißt: Plattformstrategie, Komponententausch, vielleicht auch unter den Herstellern. Wir werden neue, hochflexible Fertigungsverfahren sehen, in diesem Bereich erwarte ich den nächsten Technologiesprung.

Das Interview führte Markus Honsig

© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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