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Prozess gegen Deutsche-Bank-Chefs: Herren des Geldes unter Neonröhren

Aus München berichtet

Volle Attacke: Im Münchner Deutsche-Bank-Prozess geraten Staatsanwaltschaft und Verteidiger heftig aneinander. Es geht um die Pleite des Kirch-Konzerns - und um die Zukunft von Co-Chef Jürgen Fitschen.

Da sitzen sie also, die Herren des Geldes, die drei Deutsche-Bank-Chefs der vergangenen 18 Jahre. Auf der Anklagebank im Saal B273 des Oberlandesgerichts München. Ganz vorne Rolf Breuer, die Haare inzwischen weiß, der den ganzen Schlamassel vor 13 Jahren ausgelöst hat. Direkt hinter ihm mit versteinerter Miene Josef Ackermann, der mächtigste Banker der Nullerjahre. In der dritten Reihe schließlich Jürgen Fitschen, amtierender Co-Chef der Deutschen Bank, für den hier auch sein Job auf dem Spiel steht.

Es ist ein kleiner Saal in grün und weiß, ein Holzkreuz an der Wand, Neonröhren an der Decke. Der Blick aus dem Fenster geht auf ein paar Nadelbäume und Beton - das wird für die nächsten Monate die Aussicht der drei Bankchefs und zweier weiterer Angeklagter sein, einmal pro Woche ab halb zehn. Es ist nicht das Ambiente, das Deutschbanker gewohnt sind.

Man sieht den Angeklagten ihr Unwohlsein an. Sie sitzen hier, weil sie gelogen haben sollen. Den Angeklagten wird "versuchter gemeinschaftlicher Prozessbetrug" zur Last gelegt. Ein Vorwurf, dem die Verteidiger gleich am ersten Prozesstag ungewöhnlich heftig widersprechen.

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Breuer, Ackermann, Fitschen: Die Angeklagten im Kirch-Prozess
Doch sie müssen sich gedulden, denn zunächst hat Oberstaatsanwältin Christiane Serini das Wort. Fast fünf Stunden dauert die Verlesung ihrer Anklageschrift.

Es geht darin vor allem um zwei Punkte:

  • Die Pleite des Medienkonzerns von Leo Kirch im Jahr 2002. Laut Anklage soll Breuer damals öffentlich Kirchs Kreditwürdigkeit angezweifelt haben, um ein Beratungsmandat für die Zerschlagung der Mediengruppe zu erhalten. Knackpunkt ist dabei ein Fernsehinterview Breuers von Anfang Februar 2002, in dem er sich zu Kirchs Finanzsituation äußerte. Als Staatsanwältin Serini den Wortlaut des Interviews vorliest, sitzt Breuer mit gesenktem Kopf da. Die Mundwinkel wie immer tief nach unten gezogen. Er kennt die Sätze auswendig. Es sind die Sätze, die sein Leben verändert haben.

  • Doch diesmal hat die Staatsanwaltschaft noch mehr im Visier: Es geht um die Aussagen der Deutsche-Bank-Manager im Zivilprozess zwischen Kirch und der Deutschen Bank im Jahr 2011. Laut Anklage sollen sich die fünf Manager abgesprochen und gelogen haben. Fitschen kommt dabei eine Sonderrolle zu: Er habe sich bei seiner Aussage zwar nicht an die angeblich falschen Absprachen der Banker gehalten, aber dennoch "unschlüssige" Angaben gemacht. Mit anderen Worten: Er wollte sich durchlavieren, ohne zu lügen. Da er laut Anklage aber von den falschen Darstellungen der anderen Manager wusste und diese nicht korrigiert habe, gilt auch für ihn der Vorwurf des versuchten Betrugs.

Kungeleien in der Wirtschaft waren damals gang und gäbe

Die Anklageschrift liest sich in Teilen wie ein Drama über die sogenannte Deutschland AG - jenes Netzwerk von Unternehmen, Banken und Politik, das bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts die deutsche Wirtschaft kontrollierte. Die Deutsche Bank war damals ein Zentrum dieser Deutschland AG. Ihre Chefs wie Breuer oder der oberste Investmentbanker Ackermann zogen die Fäden. Als weitere Protagonisten traten so illustre Persönlichkeiten wie der damalige Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, Bundeskanzler Gerhard Schröder oder die Verleger-Witwe Friede Springer auf.

Dass Kungeleien in der deutschen Wirtschaft damals gang und gäbe waren, würden wahrscheinlich nicht mal die Angeklagten bestreiten. Doch war es wirklich abgesprochene Sache, Kirch zu schaden, um in der Folge ein Beratungsmandat von ihm zu bekommen? Mit dieser Frage, die schon im Zentrum des Zivilverfahrens stand, wird sich auch die Strafkammer in den kommenden Monaten beschäftigen müssen.

Wie wichtig dies ist, deutet sich schon am Ende des ersten Verhandlungstags an, als die Anwälte der Angeklagten ihre Eröffnungsstatements geben dürfen. Fitschens Verteidiger Hanns W. Feigen greift dabei die Staatsanwaltschaft scharf an - und verweist auf Dokumente, die bei der Durchsuchung einer Anwaltskanzlei gefunden worden waren und die Angeklagten entlasten sollen. Die Staatsanwaltschaft habe diese erst sehr spät zu den Akten genommen. Daraufhin entspinnt sich ein heftiges Wortgefecht mit Staatsanwältin Serini.

"Es gab kein Komplott zum Prozessbetrug"

Bei den besagten Dokumenten handelt es sich um handschriftliche Mitschriften eines Deutsche-Bank-Anwalts, aus denen sich laut Feigen ergibt, dass die damaligen Deutsche-Bank-Vorstände im Jahr 2002 kein Beratungsmandat des strauchelnden Kirchkonzerns angestrebt hätten. In einer Stellungnahme von Februar 2015 habe Oberstaatsanwältin Serini dies sogar selbst bestätigt. Der Anklage sei damit "der Boden entzogen". Im Übrigen werde sich sein Mandant nur zu Fragen des Gerichts, nicht aber zu denen der Staatsanwaltschaft äußern.

Auch die Anwälte der übrigen Angeklagten setzen offenbar vor allem darauf, das Urteil aus dem Zivilrechtsprozess zu widerlegen, das die Staatsanwaltschaft ungeprüft übernommen habe, wie Ackermanns Rechtsvertreter Eberhard Kempf kritisiert. "Es gab kein Komplott zum Prozessbetrug", sagt Kempf. Am nächsten Verhandlungstag wolle Ackermann sich dazu auch selbst äußern.

Breuers Anwalt Norbert Scharf kritisiert die Anklage ebenfalls: Die These dahinter sei "unschlüssig und werde sich als falsch herausstellen". Das beginne schon beim fraglichen Interview seines Mandanten und den daraus abgeleiteten Schadensersatzansprüchen Kirchs. Es habe gar nichts gegeben, "was man mit dem Interview hätte schädigen können", sagt Scharf. Kirch sei da längst pleite gewesen.

Der Fall Kirch: Wie es soweit kommen konnte

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1. Deutsche Bank
hubertrudnick1 28.04.2015
Wenn das alles stimmt, was die Staatsanwaltschaft den Mangern vorwirft und wenn man all die anderen Gerichtsverfahren mit einbezieht, dann könnte man von einer Gangstertruppe sprechen, aber das kann ja nicht sein, denn der letzten Vorstandschef Ackermann war doch einer von den vielen Beratern der BK Merkel und Frau Merkel würde solche fragwürdige Leute nie ihr Vertrauen geben, oder?
2. Man macht jetzt ein großes Tamtam,
nhorwath 28.04.2015
bis des Volkes Blut sich beruhigt hat,dann werden diese Herren still und leise wieder von der Show-Bühne abtreten ohne dass ihnen nennenswert ein Haar gekrümmt wurde.Dabei haben sie ihren Reichtum weiterhin vor dem Fiskus versteckt,die unlauteren Finanz-Geschäfte, die einem kleinen Mann zig Jahre Gefängnis gebracht hätten, werden dann verdeckt weiter betrieben. In den Vorständen bleiben weiterhin Politiker der ver- schiedenen Parteien zum Abnicken damit die Hosen-taschen sich prall wölben.
3. München
hanfiey 28.04.2015
So wie ich die in München kenne machen die Ernst, auch mit Bankern. Da wird nichts großes bei rumkommen aber immerhin kann sich da eine Staatsanwältin nach oben schleudern, ja, die fetten Jahre sind vorbei.
4. Dieser Prozess wird ausgehen wie das Hornberger Schießen
Pandora0611 28.04.2015
Die Deutsche Bank war bisher in jedem Skandal verwickelt (Libor, Euribor, Goldpreis, Nahrungsmittel-Spekulation, Splittermunition, etc.) Und auch im Kirch-Prozess wurde gelogen, dass sich die Balken biegen. Die Deutsche Bank ist eine mafiöse Vereinigung.
5. Der
PowlPoods 28.04.2015
ganze Prozess ist eine Farce. Wer wurde denn schon geschädigt? Im Zweifel der kleine Mann. Ja und? Der kleine Mann ist schliesslich dazu da, dass man ihm regelmässig das Fell über die Ohren zieht. Sei es durch unsinnige Bankenrettung via Steuergelden, oder direkt durch Übervorteilung durch die Bank seines Vertrauens. Der kleine Mann wäre doch auch völlig verstört, wenn man ihn nicht wieder und wieder übervorteilen würde. Insofern ist die Deutsche Bank lediglich ihrer Pflicht nachgekommen und sollte eigentlich gefeiert werden.
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Breuer, Ackermann, Fitschen: Die Angeklagten im Kirch-Prozess


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