Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Einmal Bösewicht, immer Bösewicht

Ein Kommentar von

Josef Ackermann kann machen, was er will: Der Chef der Deutschen Bank ist und bleibt der Lieblingsfeind aller Kapitalismuskritiker. Selbst für seinen Gehaltsverzicht kassiert er Prügel. Dabei steht sein Kreditinstitut besser da als so manche Landesbank.

Hamburg - Ein mühsam erarbeitetes positives Image kann binnen Sekunden zusammenbrechen. Rudolf Scharping ruinierte seinen Ruf mit Planschbildern. Ex-Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper wird für immer mit den "Peanuts" in Verbindung gebracht werden, als die er unbezahlte Handwerkerrechnungen über 50 Millionen Mark im Zusammenhang mit der Pleite von Jürgen Schneider bezeichnete.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Unüberlegte Geste, fatale Folgen
REUTERS

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: Unüberlegte Geste, fatale Folgen

Und dann ist da noch Josef Ackermann. Am Morgen des 21. Januar 2004, im Sitzungssaal des Düsseldorfer Landgerichts, vor Beginn des Mannesmann-Prozesses, sorgte er mit einer scherzhaft gemeinten Handbewegung für Aufregung, die ihm auf Ewigkeit den Ruf des höhnischen Bankenchefs einhandelte. Der Name "Michael Jackson" war während der Wartezeit gefallen, Ackermann versuchte ihn zu imitieren. Eine misslungene, vor allem aber später fehlgedeutete Geste - doch nun war sie in der Welt, festgehalten von einem Pressefotografen, und schon hatte man das Böse in der Finanzwelt personifiziert: Josef Ackermann, der Schurke.

Wie gut, dass es in Zeiten einer bedrohlichen Finanzkrise jemanden wie ihn gibt: Wenn es darum geht, einen Verantwortlichen für das Finanzdesaster zu finden, scheint er die erste Wahl zu sein. Das zeigt die seltsame Debatte um seinen Gehaltsverzicht.

Ausgerechnet Josef Ackermann ist der erste Manager, der auf einen Großteil seines Gehalts verzichtet. Seine Vorstandskollegen, die Führungsebene darunter sowie der Aufsichtsrat folgen seinem Beispiel. "Ich habe dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank mitgeteilt, dass ich in diesem schwierigen Jahr auf meinen Bonus verzichte - zugunsten verdienter Mitarbeiter, die das Geld nötiger haben als ich", sagte er. Es gehe ihm um "ein ganz persönliches Zeichen der Solidarität".

Ackermann ist irgendwie immer schuld

Man mag diese freiwillige Gehaltskürzung einen "peinlichen Vorgang und eine reine Schauveranstaltung" nennen, wie SPD-Fraktionschef Peter Struck es tut, oder, wie Grünen-Fraktionschefin Renate Künast von einer "ungeheuren Chuzpe" sprechen, dass Ackermann überhaupt glaube, ihm stünden angesichts der Finanzkrise Bonuszahlungen zu. Man könnte es jedoch auch als ein Beispiel guten Willens honorieren, als ein neues Auftreten Ackermanns: bescheidener, verantwortungsvoller, sich seiner Fehler bewusst. Aber das tut kaum jemand.

Denn Ackermann ist irgendwie immer schuld. Er mag ein noch so erfolgreicher Banker sein, noch so exzellente Zahlen vorlegen - es nützt nichts. Als Deutsche-Bank-Chef ist er eben der Chefvertreter jener Kaste, die in der Vergangenheit gefordert hat - und wohl bald wieder fordern wird, vermuten seine Kritiker -, der Staat möge sich bitteschön aus der Wirtschaft heraushalten, am besten komplett. Und jetzt verlangen ausgerechnet diese Marktapologeten ungeniert staatliche Hilfe, stellt man erstaunt fest. Wenn's ums Geld geht, ist die eigene Ideologie außer Kraft gesetzt, so die Kritik. Hauptsache, die Kohle kommt.

Die Kritik ist berechtigt, und die Bankenwelt wird nach dieser Krise nicht mehr so unverblümt Staatsferne fordern dürfen wie bisher. Aber weshalb ist Ackermann der Bösewicht Nummer eins? Er hat freilich dem Wohl der Anteilseigner, Shareholder Value genannt, immer höchste Priorität eingeräumt. Im Februar 2005 verkündete er stolz einen 2,5-Milliarden-Euro-Gewinn - und teilte zugleich mit, die Bank werde 6500 Mitarbeiter entlassen. Mit seiner Forderung, die Deutsche Bank müsse 25 Prozent Rendite machen, sonst sei sie "international nicht wettbewerbsfähig", trug er ebenfalls nicht gerade dazu bei, sich beliebter zu machen: Ackermann, der Turbokapitalist.

Dabei ist es Ackermann, der die Deutsche Bank Chart zeigen relativ sicher durch die Krise gesteuert hat. 2007 meldete er sogar mit 6,5 Milliarden Euro Nettogewinn eines der besten Ergebnisse in der Geschichte der Bank, trotz Schwierigkeiten am Markt. Kurzzeitig hellte sich das Ackermann-Bild in der Öffentlichkeit auf, Mitte 2007 hatte er außerdem mit dem früheren "Wirtschaftswoche"-Chefredakteur Stefan Baron einen neuen Medienberater engagiert. Im zweiten Quartal 2008 schlug die Krise dann mit 2,3 Milliarden Euro zu Buche, womit sich die Abschreibungen der Bank seit Beginn der Turbulenzen vor einem Jahr auf mehr als sieben Milliarden Euro summierten.

Zweifel an Politikern als Banker

Aber inzwischen ist man ganz andere Summen gewöhnt. Tatsächlich ist die Deutsche Bank weit davon entfernt, in ihrer Existenz bedroht zu sein - im Gegensatz zu so mancher Landesbank oder zur IKB, an der die staatliche Förderbank KfW beteiligt ist. Oder die KfW selbst, in deren Kontrollgremium auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sitzen: Die Überweisungspanne der KfW an die US-Pleitebank Lehman Brothers kostete den Steuerzahler ein paar hundert Millionen - und brachte dem Staatsinstitut den unrühmlichen Beinamen "Deutschlands dümmste Bank" ein. Von den öffentlich-rechtlichen Managern hat sich bislang noch keiner zu einem freiwilligen Gehaltsverzicht durchgerungen. Schuldeingeständnis? Reue? Wenigstens ein bisschen Scham? Keine Spur.

Da kommen Zweifel auf, ob Politiker die besseren Banker sind. Die Ackermann-Kritiker schäumen dennoch. Ob er nun 1,3 Millionen Euro oder knapp 14 Millionen verdiene (denn der variable Teil der Vergütung machte im vergangenen Jahr 12,3 Millionen Euro aus), sei doch egal - es sei immer noch obszön viel. Aber mit diesem Argument könnte man gleich jeden Dax-Vorstand austauschen, denn die Manager in den deutschen Konzernetagen verdienten im vergangenen Jahr durchschnittlich 2,9 Millionen Euro. Wem wäre damit geholfen? Und welches Gehalt ist eigentlich angemessen? 500.000 Euro im Jahr, wie die Bundesregierung es fordert? Warum nicht 250.000 Euro? Oder eine Million?

Doch wenn es um Ackermann geht, beschäftigt die Öffentlichkeit nicht nur die Gehälterfrage. Es zeigt sich: Die Deutsche Bank leidet insgesamt unter Imageproblemen. Die zweifelhafte Rolle des Unternehmens während des Dritten Reichs mag ein Grund sein - aber diese Rolle spielten auch andere Firmen, und die Deutsche Bank hat dieses dunkle Kapitel vorbildlich aufgearbeitet.

Aus Mitarbeiterkreisen ist zudem zu hören, man spüre, dass die Deutschen ein schwieriges Verhältnis zum Thema Geld und Finanzwelt hätten, erst recht seit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes. Die Position als "größtes und erfolgreichstes Kreditinstitut Deutschlands", als "einzig international wettbewerbsfähige deutsche Bank" sei keineswegs eine einfache. Allein das "Deutsch" im Namen sorge bei vielen für ein "eher distanziertes Verhältnis".

Chance auf Neujustierung des Wirtschaftssystems

Außerdem sei weitverbreitet, dass wirtschaftlicher Erfolg meist nicht mit rechten Dingen zugehe. Das Problem ist: Gerade in der jüngeren Vergangenheit haben deutsche Konzerne - zum Beispiel Siemens mit seiner Schmiergeldaffäre, die Telekom mit ihrem merkwürdigen Datenschutz - dieser Meinung recht gegeben.

Die Deutsche Bank hatte zwar auch ihre Probleme, aber keine von solcher Dimension. Sie gehört nicht zu denen, die eine staatliche Kapitalspritze in Anspruch nehmen müssen. Ihre Manager haben zwar auch gigantische Summen verzockt, aber nicht in einem Ausmaß wie beispielsweise bei der SachsenLB oder der WestLB.

Die Krise bringt die Chance mit sich, das Wirtschaftssystem neu zu justieren. Nicht nur Abbitte von Bankern (und Politikern) zu verlangen, Kapitalspritzen zu verteilen, Garantien zu versprechen und anschließend so weiterzumachen wie immer. Sondern kritisch, aber fair über Managergehälter zu reden. Zu hinterfragen, ob eine auf Krediten basierte Wirtschaft stabil sein kann und ob unsere Marktwirtschaft sozial genug ist. Und zu diskutieren, welche Wertpapiere, welche Spekulationsgeschäfte, wie viel Risiko man künftig noch zulassen will.

Branchenkenner wissen, dass Josef Ackermann durchaus als Vordenker und Hoffnungsträger taugt. Sie wissen um seine Leistungen als Banker. Darum, dass er unterm Strich Arbeitsplätze geschaffen hat. Und dass die Deutsche Bank trotz allem gut dasteht. Den Mannesmann-Prozess hat er überstanden. Intern ist er unumstritten.

Aber wenn Josef Ackermann in die Öffentlichkeit tritt, interessiert das niemanden mehr.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 75 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. das muss der ab können
heimischer 17.10.2008
Ich denke mal, Josef Ackermann ist auch nicht unbeliebter als viele andere aus der deutschen Elite. Er wird zwar gerne von Medien und Politikern als Feindbild dargestellt, da er sich durch seine Position dafür hervorragend eignet. Er ist einfach ein sehr geeignetes Opfer, ein Sündenbock, und die Menschen draußen im Lande wissen das auch. Das Spiel ist ja offensichtlich, der Spaßfaktor daran ist die Schadenfreude, dass einer mit solch einem Gehalt und so einer Position trotzdem angreifbar ist.
2. Müllentsorgung im Bankenwesen
Rainer Daeschler, 17.10.2008
Irgendwie ist dem Autor dieses Beitrags wohl entgangen, dass der Erfolg des Deutsche Bank Chef anders aussehen würde, hätte die IKB nicht bereitwillig seine Schrottpapiere übernommen.
3. Einfach gehen
dbalzert, 17.10.2008
Zitat von Rainer DaeschlerIrgendwie ist dem Autor dieses Beitrags wohl entgangen, dass der Erfolg des Deutsche Bank Chef anders aussehen würde, hätte die IKB nicht bereitwillig seine Schrottpapiere übernommen.
Ganz einfach. Er hat gut verkauft und die Deppen bei der IKB haben Schrott gekauft. Das ist sicherlich nicht Ackermanns Schuld. An seiner Stelle wuerde ich die 14 Mio nehmen und dann mit der gesamten Fuehrungsebene (Vorstand und naechste Mmgt. Ebene) zuruecktreten. Mal schauen wo die Bundesregierung die 400 Mrd. locker macht wenn dann das Bankensystem wegbricht.
4. falscher Ansatz
Rotes-Tuch, 17.10.2008
Die Deutsche Bank geniesst in den USA einen guten Ruf. Weder das Wort Deutsch noch dunkle Kapitel in der Vergangenheit tun die einem Abbruch. Allerdings zaehlt die Deutsche Bank, und das ist richtig, als eher ein kleiner Player auf den Weltfinanzmaerkten. Ein Wirtschaftstandort Deutschland muesste eigentlich eine Bank in der Groesse von UBS oder HSBC haben. Ohne zumindest 1 - 2 Global Player wird sich Frankfurt auch nicht gegen London oder Zuerich durchsetzen koennen, um jetzt nur auf dem Eurpoaeischen Kontinent zu bleiben. In diesem Punkt hat Herr Ackermann uebrigens durchaus Recht. Wenn die DB keine Groesse erlangt und gewisse Rendite erbringt, dann wird sie zum Uebernahmekandidat. Der Aufschrei in Deutschland waere gross: Ausverkauf von Grossunternehmen sind durchaus moeglich. BMW waere so ein weiterer Kandidat. Trotz starken Unternehmenszahlen fehlt es einfach an "Scale". Und selbst diese Unternehmenszahlen sind akut gefaehrdet durch eine weltweite Rezession. Wenn erst einmal auslaendische Investoren die DB uebernehmen wuerden, dann geht's richtig zur Sache. Da hilft auch eine Schadenfreude nichts, wenn Herr Ackermann seinen Posten raeumt. Mit ihm gehen dann etliche Tausende Deutsche Beschaeftigte. Aber er steht nun einmal am Marterpfahl stellvertretend fuer ein ganzes System, welches durchaus seine Maengel hat. Ohne dieses System geht es aber auch nicht. Die Globalisierung schafft eben Moeglichkeiten (und Deutschland ist und bleibt ein Globalisierungsgewinner) aber auch Risiken. Herrn Ackermann zum Suendenbock zu machen ist jedenfalls der falsche Ansatz. Richtig ist, mit minimalem staatlichen Einsatz einen Rahmen zu schaffen, der nach oben Tueren oeffnet und nach unten absichert. Begrenzung von Gehaeltern ist der groesste von allen Fehlern. Dann wandert noch mehr von der Elite ab. Dem Sozialneid solls Recht sein, der Wirtschaft und den davon abhaengigen Arbeitsplaetzen sicher nicht!
5. ..
dollface 17.10.2008
Zitat von Rainer DaeschlerIrgendwie ist dem Autor dieses Beitrags wohl entgangen, dass der Erfolg des Deutsche Bank Chef anders aussehen würde, hätte die IKB nicht bereitwillig seine Schrottpapiere übernommen.
...genau: 'bereitwillig'! Kann man den Deutschbankern dann auch keinen Vorwurf machen. Ich warte aber auf den Aufruf zur Rückzahlung der Boni aus den vermeintlich 'erfolgreichen' Vorjahren. Die waren ja offensichtlich aufgrund falscher Bewertung ausgezahlt worden, oder?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: