Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer "Zu klein, zu zersplittert"

Harte Worte vom Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert Thomas Mayer das Konjunkturprogramm der Bundesregierung als "zu klein" und "zersplittert". Die Maßnahmen setzten zudem "an der falschen Stelle an".


SPIEGEL ONLINE: Herr Mayer, droht Deutschland eine schwere Rezession?

Mayer: Ja. Wir erwarten einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,5 Prozent. Die Auslandsmärkte für deutsche Exporteure brechen weg, und die Finanzierungsbedingungen für Investitionen verschlechtern sich. Steigende Arbeitslosigkeit wird den Konsum ausbremsen.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Rettungspaket, das die Regierung gegen den Konjunkturabschwung aufgelegt hat, bei solch trüben Aussichten überhaupt etwas bewirken?

Mayer: Nein, es ist nicht groß genug. Der fiskalische Impuls beträgt gerade mal fünf Milliarden Euro. Das sind 0,2 Prozent des BIP. Zum Vergleich: Schon das Konjunkturprogramm, das die Bush-Regierung im ersten Halbjahr 2008 aufgelegt hat, hatte einen Anteil von zwei Prozent des US-BIP. Und wir erwarten, dass die Obama-Regierung ein Paket von drei Prozent des BIP auflegen wird.

SPIEGEL ONLINE: Setzen die getroffenen Maßnahmen an den richtigen Punkten an?

Mayer: Nein. Das Paket ist in den Einzelheiten zu zersplittert und jede für sich zu klein. Sie werden keinen nennenswerte Wirkung auf die Konjunktur haben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Maßnahmen sollten zusätzlich ergriffen werden?

Mayer: Abgesehen von der Unterstützung der Arbeitslosen durch Weiterbildung und öffentliche Beschäftigung wäre eine Stimulierung des Konsums durch eine befristete Senkung der Mehrwertsteuer notwendig. Ihrer Erhöhung letztes Jahr von 16 auf 19 Prozent hat den Konsum ganz schön gedrückt - man sollte es mal anders herum probieren.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftsminister Glos verspricht, das Konjunkturprogramm sichere oder schaffe eine Million Jobs. Ist das naiv?

Mayer: Diese Zahl kann ich nicht nachvollziehen. Seit 2000 ist das BIP im Schnitt um 1,5 Prozent gewachsen, die Beschäftigung stieg um etwas weniger als 0,5 Prozent pro Jahr. Bei rund 40 Millionen Beschäftigten ist davon auszugehen, dass man bei einem Prozent BIP-Wachstum rund 130.000 neue Jobs erwarten kann. Nimmt man dies als Faustregel, dann müsste das Konjunkturprogramm beinahe acht Prozent Wachstum generieren, um eine Million neue Jobs zu schaffen. Das scheint mir absurd.

Das Interview führte Stefan Schultz

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