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Deutsche Bank: Der Abgang des Dozenten

Von Carsten Matthäus, Frankfurt am Main

Seit einiger Zeit ist klar, dass Rolf Breuer nur noch auf Abruf Chef der Deutschen Bank ist. Sein designierter Nachfolger Josef Ackermann hat ihn jetzt auch vor der Öffentlichkeit entthront.

Scheidender Chef Breuer: Einer hölzernen Gebetsmühle gleich
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Scheidender Chef Breuer: Einer hölzernen Gebetsmühle gleich

Frankfurt am Main - Der eine hat ein Einstecktuch, trägt zu weißen Haaren eine rot-silbern gestreifte Krawatte und als Markenzeichen eine runde, rot geränderte Brille. Im Scheinwerferlicht sticht er schon durch seinen Teint heraus, der immer etwas brauner ist als der seiner Vorstandskollegen. Der andere hat mehr Haare auf dem Kopf als alle anderen auf dem Podium, er hat kein Einstecktuch und trägt nur eine dezente dunkelblaue Krawatte. Zwischen ihnen sitzt Pressechef Dierk Hartwig.

Zuerst redet der eine: Rolf Breuer, noch bis zum Abend des 22. Mai Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Einer hölzernen Gebetsmühle gleich wiederholt er seine Sätze, als wären die rund 130 anwesenden Journalisten schwer von Begriff. Zunächst doziert er darüber, dass es keine Sitzverlegung nach London geben wird und keine schleichende Entmachtung des Vorstands.

Neue Vorstandsstruktur: Pyramide mit einer einzigen Spitze
mm.de

Neue Vorstandsstruktur: Pyramide mit einer einzigen Spitze

Der andere, Josef Ackermann, de facto schon seit einiger Zeit der mächtigste Mann in der Bank, schweigt. Fast unbeweglich, meist mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, sitzt er und wartet. Er studiert die Konferenzunterlagen, während Breuer denkwürdige Sätze spricht wie: "In London wären wir nur einer von vielen. Unsere große Stärke liegt hier, wir werden beneidet um unsere Wurzeln am Finanzplatz Frankfurt."

Ackermann lächelt ein wenig, als Breuer etwas linkisch versucht, die klare Machtverteilung in der Führungsetage klein zu reden: "Es ist eine Teamstruktur, keine Pyramide." Der designierte Chef blickt kurz in die Luft, als sein Noch-Chef den Journalisten die unveränderte Machtfülle des Konzernvorstands einschärft, "nur dass keine Missverständnisse entstehen, es gäbe ein neues Organ". Als habe er es selbst noch nicht verstanden, wiederholt er immer wieder, dass der Konzernvorstand alle Entscheidungen trifft und niemand sonst.

Künftiger Super-Chef Ackermann: Den Vorgänger auf subtile Weise deklassiert
REUTERS

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Ackermann wartet weiter. Wartet, bis die erste Frage an ihn gerichtet wird. Dann ist die Ära Breuer endgültig zu Ende. Der neue Chef braucht kein Manuskript, wiederholt keine Sätze und doziert nicht. Er redet entspannt, immer mit einem leichten Lächeln auf den Lippen und mit unverkennbar schweizerischer Sprachfarbe. Zunächst sammelt er Sympathiepunkte, ohne unnötig konkret zu werden. "Wissen Sie, ich bin 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt aufgewachsen. Ich wohne in Frankfurt und bezahle meine Steuern auch hier." Dann bringt er die neue Machtverteilung in der Deutschen Bank auf eine einfache Formel: "Wir wollen Teams mit Spitze." Ohne Breuer eines Blickes zu würdigen, rückt er dessen schiefes Bild zurecht. Von wegen Team, es wird eine Pyramide mit einer einzigen Spitze sein: Josef Ackermann.

Gewinneinbruch bei Deutschlands größtem Geldhaus: Die unangenehmen Zahlen überlässt Ackermann Breuer
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Während sein Nachfolger spricht, färbt sich Breuers Gesicht noch etwas röter. Natürlich ist Ackermann nicht so dumm, Breuer direkt zu widersprechen. Aber er lässt auch keinen Zweifel daran, welches zentrale Komitee nun das Heft in der Hand hat. "Auf meiner Business-Card steht Member of the Group Executive Comittee. Hier sind die Tüchtigsten der Bank versammelt." Breuer legt derweil kurz die Hände in den Schoß. Auch als es um die Frage geht, warum denn immer mehr englischsprachige Mitglieder in den Führungsgremien sitzen, zeigt der Neue dem Alten, wie man antworten sollte. Breuer sagt: "Wenn Sie so viele englische Namen sehen, ist das eine Konsequenz der Mängel des deutschen Bildungswesens." Ackermann sagt: "Wir haben sehr, sehr tüchtige deutsche Mitarbeiter, aber ein Großteil unseres Geschäfts spielt sich eben im Ausland ab."

Als es dann um die unangenehmen Zahlen des Jahres 2001 geht, überlässt Ackermann wieder Breuer das Feld. Der muss einen Ergebniseinbruch um 26 Prozent verkünden und weitere Stellenstreichungen androhen. "Im Großen und Ganzen haben wir uns wacker geschlagen", sagt Breuer, und das klingt wie ein Resümee seiner Amtszeit. Ein unrühmlicher Abgang.

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