Deutsche Bank Josef Ackermann kämpft um sein Vermächtnis

Miese Zahlen, trotzige Zuversicht: Deutsche-Bank-Chef Ackermann präsentiert einen Rekordverlust für 2008 - will sein Institut aber ohne Staatshilfe zu alter Schlagkraft zurückführen. Riskante Geschäftsbereiche hat er radikal zusammengestutzt, jetzt will er die Schwäche seiner Konkurrenten nutzen.

Von , Frankfurt am Main


Josef Ackermann lächelt gequält, aber ausdauernd. Er braucht dringend ein paar gute Fotos an diesem Tag der Bilanz-Pressekonferenz. "Noch mal in die Mitte", ruft ein Fotograf. Ackermann zieht die Mundwinkel noch ein Stückchen höher. Dann versucht er es mit einem Witz: "Sie sehen, wie faszinierend Banking ist." Letztes Jahr berichtete er noch über einen Rekordgewinn. Dieses Jahr ist es ein Rekordverlust.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann: "Serie von Erdbeben mit immer wechselnden Epizentren"
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Deutsche-Bank-Chef Ackermann: "Serie von Erdbeben mit immer wechselnden Epizentren"

4,8 Milliarden Euro Miese schrieb die Deutsche Bank im vergangenen Quartal, macht 3,9 Milliarden Euro Miese im Gesamtjahr. Der erste Jahresverlust seit dem Zweiten Weltkrieg. Die fürchterlichen Zahlen hat das Geldinstitut vorsichtshalber lang vor der Jahrespressekonferenz unters Volk gebracht. Denn jetzt will Ackermann wieder Optimismus verbreiten.

Um die Stimmung zu heben, hat er neben den unerfreulichen Details von 2008 schon mal die Januarzahlen 2009 mitgebracht. Erträge in Höhe von 2,8 Milliarden Euro habe man da erwirtschaftet, verkündet er. Dies sei deutlich über dem Vergleichswert 2008, "nur unwesentlich" unter dem Spitzenwert von 2007. Wenig später muss er zerknirscht eingestehen, dass der Januar "leider" nichts über Februar, März oder den Rest des Jahres aussage. Die Bankenwelt erlebe gerade "eine Serie von Erdbeben mit immer wechselnden Epizentren". "Unmöglich" zu sagen, wo das nächste entsteht - und wen es trifft.

Die Szene ist typisch. Ackermann schwankt hin und her zwischen Optimismus und Unsicherheit. "Ich bin sehr besorgt über die globale Kreditwirtschaft", sagt er. Er erwarte noch "gravierende Negativüberraschungen". Kurz darauf erklärt er, für die eigene Bank sei er zuversichtlich. "Diese Bank bestimmt ihr Schicksal selbst", lautet seine zentrale Botschaft.

Ackermann arbeitet an seinem Vermächtnis

Ackermann arbeitet an seinem Vermächtnis, so scheint es - und dabei setzt er alles auf eine Karte. Im Mai kommenden Jahres will er abtreten, die Hauptversammlung 2010 "ist sicher mein letzter Tag", sagt er. Und er will als der Chef in die Annalen eingehen, der die Deutsche Bank durch diese Krise gebracht hat. Ohne Hilfe von außen. Eines Tages, "in zehn, 20 Jahren", könnte das ein Grund "des Stolzes und der Freude" für die Mitarbeiter sein, philosophiert er.

Schon im vergangenen Jahr hatte der 60-Jährige jede Unterstützung von Staatsseite abgelehnt. Er würde sich schämen, wenn er finanzielle Hilfe vom Staat in Anspruch nehmen müsse, erklärte er auf einer Veranstaltung. Ein echter Ackermann, so schien es zunächst: eine unbedachte Äußerung, die ungeahnte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch seitdem hat der Deutsche-Bank-Chef keine Gelegenheit ausgelassen, dieses kategorische Nein zu wiederholen.

An diesem Tag setzt er noch einen drauf. Bislang galt die Absage nur für staatliche Finanzspritzen und Kreditgarantien. Doch derzeit wird ein neues Instrument zur Rettung der Banken diskutiert - die Bad Banks, in die angeschlagenen Institute ihren Bilanzmüll auslagern sollen. Ob er sich denn eine solche Abteilung für sein Bank vorstellen könne, wird Ackermann also gefragt. "Wir haben immer gesagt, die Deutsche Bank braucht das nicht." Wenn es noch Abschreibungen gebe, dann nur "hier und dort".

Radikaler Umbau des Investmentbanking

Ackermann will das vergangene Horrorquartal genutzt haben, um die Bank krisenfest zu machen. Risikopositionen wurden abgebaut - oder erledigten sich selbst. So sank etwa das Kreditvolumen für Unternehmenskäufe von 34,9 Milliarden Euro auf unter eine Milliarde Euro. Viele kaufwütige Firmen gibt es derzeit nicht. Für andere möglichen Kreditausfälle wie etwa Anlagen in Spanien wurden die Rückstellungen erhöht.

Zudem werde das Kundengeschäft kontinuierlich gestärkt, zählt Ackermann weiter auf. Nicht zu vergessen der Einstieg bei der Postbank, mit ihren "mit Kundeneinlagen in Höhe von knapp hundert Milliarden Euro und 14 Millionen Kunden."

Besonders radikal wurde im Investmentbanking durchgegriffen: In der einstigen Goldgrube der Bank lief im vergangenen Jahr das dickste Minus auf. 8,5 Milliarden Euro versenkten die früheren Stars des Konzerns um den charismatischen Anshu Jain. Also wurde der ganze Bereich neu ausgerichtet. Die Abteilungen, die sich allein dem risikoreichen Eigenhandel mit Wertpapieren widmeten, wurden komplett dichtgemacht. Über das in erster Linie kundenbezogene Geschäft, das übrigbleibt, sagt Ackermann: "Ich bin sehr überzeugt, dass sich das Investmentbanking in den nächsten Jahren gut entwickeln wird." Er gehe davon aus, dass die Sparte wieder die Ergebnisse aus den Jahren 2005 und 2006 erreichen könne. Damals hatte das größte deutsche Geldhaus hier Gewinne von vier bis fünf Milliarden Euro eingefahren.

"Immer mehr Anlageklassen in Schwierigkeiten"

Doch trotz aller Bemühungen, auch Ackermann kann nicht alle Gefahren in der Deutsche-Bank-Bilanz von einem Tag auf den anderen beseitigen. Vor allem die Risikoposition der "Level-3-Assets" besorgt Beobachter. Darin sind illiquide Kredite oder komplexe Derivate, die zumindest teilweise nicht zu Marktpreisen bewertet werden können, weil gewisse Märkte derzeit schlicht nicht existieren. So müssen einige Parameter durch Modellgrößen ersetzt werden.

Das Volumen dieser Position stieg 2008 von rund 88 auf 89 Milliarden Euro. "Das ist ein hoher Betrag", sagt NordLB-Analyst Michael Seufert. Es sei schon schlimm, wenn nur zehn Prozent abgeschrieben werden müssten. Und die Gruppe dieser Papiere drohe noch zu wachsen - "schließlich geraten immer mehr Asset-Klassen in Schwierigkeiten", sagt Seufert.

Auch das im Vergleich dicke Derivate-Buch sorgt Beobachter - das weiß auch Ackermann. Den Finanzinstrumenten im Gesamtvolumen von 1,2 Billionen Euro stünden aber satte Gegenpositionen gegenüber, mit denen sie abgesichert seien, beruhigt der Bankenchef. Nach Abzug bliebe dann nur noch ein Volumen von 128 Milliarden Euro. "Aber wer sagt, dass die Gegenpositionen in solchen Zeiten nicht auch ausfallen können?", fragt Analyst Seufert kritisch.

Ackermann gesteht selbst ein: Wenn er es alleine durch die Krise schafft, vermeidet er Einmischungen der Politik. Und so viele, die es ohne Staatshilfe geschafft haben, gebe es nicht, sagt er. Man stelle sich beispielsweise vor, die USA machten Ernst mit den Gehaltsbeschränkungen für Manager. Sicher könne die Deutsche Bank dann so manches "beste Talent" abwerben. Banking sei ja nicht zuletzt ein "peoples business".

Wenn Ackermanns Plan gelingt, sei das im internationalen Wettbewerb tatsächlich "ein großes Pfund", sagt Konrad Becker von Merck Finck. Und wenn nicht?

Analyst Becker ist überzeugt: Sollte die Deutsche Bank ernsthaft bedroht sein, "wird Herr Ackermann nicht zu stolz sein, doch noch zur Regierung zu gehen." Ob der Deutsche-Bank-Chef dann seinen Job behalten könnte, sei vielleicht fraglich. "Aber die Deutsche Bank wird nicht untergehen."

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