Callcenter-Mitarbeiter in der Türkei: Bei Anruf Deutsch

Von Kristina Karasu, Istanbul

Der Markt für deutschsprachige Callcenter in Istanbul boomt - und zieht viele aus Deutschland ausgewanderte Türken an. Nicht alle sind freiwillig da. Die Jobs empfinden sie als Rettungsanker in der Fremde.

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Boom-Metroplole Istanbul: Das Callcenter als Rettungsanker in der Fremde

Immer wenn das Geld knapp wird, wechselt Yilmaz* seinen Namen. Dann jobbt er in einem kleinen Callcenter auf der asiatischen Seite von Istanbul. Am Telefon stellt sich der 23-Jährige als Markus Braun in Hamburg vor. "Ja Mensch, was für ein Gewitter!", plaudert er über das Wetter in der Hansestadt, während draußen die Istanbuler in der Mittagssonne schwitzen.

Mit Charme, Tricks und geschliffenem Deutsch versucht er, Menschen in Deutschland Zeitschriftenabonnements zu verkaufen. Dass er in Istanbul sitzt, darf er am Telefon auf keinen Fall verraten - "sonst würden die Kunden uns nicht vertrauen", sagt er. Yilmaz hat einen türkischen Pass, doch aufgewachsen ist er in einem Dorf bei Köln.

Eigentlich war er vor einem Jahr nach Istanbul gekommen, um als Schauspieler Karriere zu machen. Doch bisher gelang das nicht. Zu groß die Konkurrenz, zu mager seine Kontakte zur türkischen Filmwelt. Nach ein paar Monaten war er blank.

In seiner Not bewarb er sich bei einem Callcenter. "Ich habe mich vorgestellt, und 20 Minuten später konnte ich anfangen." Seit Jahren boomt die deutschsprachige Callcenter-Branche in der Türkei. Denn die Löhne sind hier niedrig und viele Menschen sprechen Deutsch. Viele große deutsche Firmen lassen von hier aus Telefonmarketing und Kundenservice betreiben - vom Elektrohersteller bis zur Fluggesellschaft. Experten vermuten Hunderte von deutschsprachigen Callcentern allein in Istanbul, doch so genau weiß das niemand.

Ständig eröffnen und schließen neue Center, manche in Hinterhöfen, manche in schicken Bürotürmen. Für viele Deutsch-Türken bieten sie die einzige Chance auf dem hart umkämpften türkischen Arbeitsmarkt, wo man ohne persönliche Beziehungen nicht weit kommt.

Yilmaz' Chef Onur* beschäftigt in seinem Callcenter zehn Mitarbeiter. Der 38-Jährige sitzt an einem großzügigen, dunkel glänzenden Schreibtisch, eine Küchenhilfe bringt Tee, draußen donnert der Verkehr vorbei. Bis auf ein paar abgegriffene deutsche Zeitschriften erinnert hier nichts an Deutschland.

Durch eine Glasscheibe kann Onur in das Callcenter blicken, hier sitzen die "Agents" vor kleinen Computerkabinen und sprechen unablässig in ihre Headsets. Sie alle sind Deutsch-Türken, sagt Onur: "Einige sind hier, weil sie aus Deutschland abgeschoben wurden, gerade Männer. Andere suchen einen Neuanfang in ihrem Leben. Die Frauen kommen zu 80 Prozent, weil sie hier geheiratet haben." Onur ist die Vorgeschichte seiner Bewerber egal, als Voraussetzung reichen gute Deutschkenntnisse.

Die Türken seien meist die besseren Verkäufer

Das Callcenter-Geschäft ist lukrativ: Als Grundgehalt zahlt Onur türkischen Mindestlohn, umgerechnet 350 Euro. Mit Provision sind auch 750 Euro drin. Bewerber gäbe es genug. "Jemand, der in Deutschland 1000 Euro verdient, der denkt sich: mit Hartz IV bin ich besser bedient. Aber hier muss so einer arbeiten. Unterstützung vom Staat gibt's nicht." Außerdem, so formuliert er vorsichtig, seien die Türken meist die besseren Verkäufer.

Onur gehört selbst zu den Rückkehrern. Er wuchs in Bremerhaven auf und kam erst vor zwei Jahren nach Istanbul, aus Neugierde und Karrieregründen. Sein Schwager, der in Istanbul auch ein Callcenter mit 250 Mitarbeitern betreibt, überredete ihn.

Das Geschäft läuft gut, Onur fühlt sich wohl. Er mag es, dass die Stadt auch abends noch lebendig ist. Er genießt es, nicht mehr als Ausländer betrachtet zu werden, trotz Studium, Arbeit und akzentfreiem Deutsch. Dass er in Istanbul wiederum als 'Deutschländer' bezeichnet wird, nimmt er in Kauf. Seine Familie und er haben beschlossen, für immer in der Türkei zu bleiben.

Callcenter-Agentin Fato wurde nicht vor die Wahl gestellt. Die 49-Jährige Gastarbeitertochter aus dem Schwarzwald wurde als junge Frau von ihrer eigenen Familie abgeschoben. Grund war eine heimliche Liebesbeziehung - für die Familie ein Skandal. Kurzerhand schickte der Vater sie nach Istanbul, angeblich nur für die Ferien. Am Flughafen ließ er Fatos Pass ungültig machen. "Ich schaute ihn bloß fassungslos an. Mir kamen die Tränen, aber sagen konnte ich nichts." Das war vor 26 Jahren. Eine Rückkehr war unmöglich.

14 Stunden am Tag - sieben Tage die Woche

In Istanbul heiratete sie, bekam zwei Kinder und ertrug 16 Jahre lang die Schläge ihres Mannes. Dann ließ sie sich scheiden. Finanziell blieb ihr nichts. "Tagelang haben die Kinder und ich nur Nudeln gegessen und auf dem Boden geschlafen." Um ihre Familie durchzubringen, begann sie im Callcenter eines großen deutschen Versandhandels zu arbeiten, mit mehr als 300 Kollegen auf einer Büroetage.

Sie schuftete freiwillig bis zu 14 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche, um auf 1000 Euro im Monat zu kommen. "Abends konnte ich kaum noch an mein Handy gehen. Den ganzen Tag musste ich reden, Geduld haben, freundlich bleiben." Dass sie in Istanbul sitzt, ahnt niemand, denn sie spricht Schwarzwälder Dialekt.

Richtig schwierig wurde ihre Arbeit in den vergangenen Monaten, als eine Betrugsmasche einzelner deutschsprachiger Callcenter aufflog. Gratuliert wurde am Telefon zum Lottogewinn, einem Auto. Das kam beim Angerufenen nie an, dafür aber immer neue Rechnungsforderungen. "Diese schwarzen Schafe bringen unsere ganze Branche in Verruf", klagt Fato. "Jetzt werde ich regelmäßig am Telefon wüst beschimpft. Mir reicht der Job langsam."

Mittlerweile ist sie seit zehn Jahren in der Branche, so lange halten es nur die wenigsten aus. Immerhin hat sich Fato damit ein neues Leben aufgebaut. Stolz zeigt sie ihre hübsch möblierte Wohnung, über der Couchgarnitur hängt ein Plakat von Venedig. Ein Bild der Sehnsucht. Ihr größter Traum ist es, nach Deutschland zurückzukehren: "Ich habe mir geschworen, dort alt zu werden." Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung hätte sie nur durch eine Heirat. Trotzdem will sie die Hoffnung niemals aufgeben. Vorerst bleibt ihr nur das Telefon, um das Heimweh zu mildern.

* Namen von der Redaktion geändert

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insgesamt 42 Beiträge
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1. optional
homer25 03.06.2012
Aus Deutschland ausgewanderte Türken? ^^ Witzig, die wandern doch alle aus der Türkei nach Deutschland aus.
2. Arbeitsmarkt, wo man ohne persönliche Beziehungen nicht weit kommt.
daesh 03.06.2012
Als wenn das in Deutschland anders wäre.
3. @homer25
Florian Lüttgens 03.06.2012
das stimmt nicht, bis zu der Finanzkrise war die Zahl der Rückkehrer fast so groß wie die der Einwanderer
4.
Whitejack 03.06.2012
Zitat von homer25Aus Deutschland ausgewanderte Türken? ^^ Witzig, die wandern doch alle aus der Türkei nach Deutschland aus.
Und, schon im Jahre 2012 angekommen? Mittlerweile wandern genausoviele Türken aus Deutschland ein, wie zurück in die Türkei gehen. Übrigens aus demselben Grund, aus dem vor 50 Jahren die Gastarbeiter kamen: In der boomenden Türkei hoffen sie auf Jobs, in Deutschland wartet meist Hartz IV.
5. großartiger Film zum Thema
dasOJO 03.06.2012
Wer sich für das Thema näher interessiert, dem kann ich nur die hervorragende Doku "Wir sitzen im Süden" von Martina Priessner empfehlen. In (guten) Videotheken oder über Online-Verleihdienste.
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