02. Februar 2013, 15:11 Uhr

Rossmann, Deichmann, Tchibo

Deutsche Handelsketten erobern die Türkei

Von Kristina Karasu, Istanbul

Auf der einen Straßenseite Deichmann und Tchibo, gegenüber C&A und Saturn - wer als Deutscher durch eine Istanbuler Einkaufsstraße spaziert, fühlt sich schnell heimisch. Deutsche Einzelhandelsketten erobern die Türkei. Sie werden angelockt von einer jungen, konsumfreudigen Bevölkerung.

Es regnet pausenlos, doch die Flaniermeile Bahariye auf dem asiatischen Teil von Istanbul ist an diesem Samstag gut gefüllt. Besonders im kleinen Tchibo-Laden drängen sich die Kunden, als gäbe es etwas zu verschenken. Die 32-jährige Chemikerin Esra Pinar, modisch gekleidet und dezent geschminkt, kommt regelmäßig hierher. "Ich kaufe meist die Sportartikel oder Haushaltswaren. Die Qualität ist sehr gut und die Preise sind es auch." Dabei sind viele der Produkte hier teurer als in Deutschland.

Konzept und Waren der Filialen sind hingegen in beiden Ländern gleich. Sogar Weihnachtsartikel werden in den türkischen Tchibo-Filialen angeboten - und finden in dem mehrheitlich muslimischen Land reißenden Absatz. Die Türken nutzen die Produkte als Silvesterdekoration.

Die 64-jährige Hausfrau Fatma hat allerdings heute nichts nach ihrem Geschmack gefunden, eine Erklärung für den großen Andrang weiß sie trotzdem: "Wir Türken schwärmen für ausländische Produkte, besonders deutsche. Egal ob wir sie brauchen oder nicht!"

Das haben mittlerweile viele deutsche Einzelhandelsketten begriffen und expandieren kräftig in die Türkei. So zählt Tchibo mittlerweile 52, der Schuhhändler Deichmann sogar 80 Filialen im ganzen Land, von der bulgarischen Grenze im Westen bis zur iranischen Grenze im Osten.

Im Türkischen gebe es nicht einmal das Wort Drogerie

Pionier sei die Metro-Gruppe gewesen, die schon 1990 in die Türkei gekommen sei, sagt Marc Landau von der deutsch-türkischen Handelskammer in Istanbul. "Doch die meisten Ketten kamen in den letzten Jahren, im Zuge des enormen und vor allem stabilen türkischen Wirtschaftswachstums. Da gab es einen richtigen Boom." Mehr als 4000 Firmengründungen mit deutscher Kapitalbeteiligung zählt Landau im letzten Jahrzehnt. Die liberale Wirtschaftspolitik der türkischen AKP-Regierung und die steigende Kaufkraft lockten Investoren aus der ganzen Welt ins Land.

Paradebeispiel für die deutsche Invasion ist das neue Einkaufszentrum Marmara Park im expandierenden Istanbuler Stadtteil Beylikdüzü. Über dem Eingang prangen die Logos von Saturn und C&A, den Parkplatz flankieren Real und Bauhaus. Selbst das Einkaufszentrum ist in deutscher Hand - die Firma ECE gehört dem Hamburger Otto-Clan und betreibt auch viele deutsche Einkaufstempel.

Das futuristische Zentrum soll an ein Raumschiff erinnern. Der Kunde fühlt sich zwar nicht wie im Weltraum, aber zumindest wie in einem anderen Land. Vor allem in der großzügigen Filiale der Drogeriemarktkette Rossmann. Türkei-Geschäftsführer Ramez Abboud führt stolz durch die langen Gänge, angefüllt mit deutschen Deos und Windeln, Katzenstreu und Make-up. Wären da nicht die kleinen türkischen Etiketten, man würde sich in Hannover oder Stuttgart wähnen. "Vor uns gab es gar keine Drogeriemärkte in der Türkei, sondern nur teure Kosmetikläden", erklärt Abboud. "Im Türkischen gibt es nicht einmal das Wort Drogerie."

Im Jahr 2010 eröffnete Rossmann seine ersten Läden in Ankara, mittlerweile gibt es 16 Filialen in der Türkei. In diesem Jahr sollen zwölf weitere dazukommen. Die Gründe für die Expansion lägen auf der Hand, so Abboud: "Die türkische Bevölkerung ist jung, mehr als die Hälfte der Menschen sind unter 30 Jahre alt - also genau unsere Zielgruppe! Außerdem sind sie äußerst konsumfreudig."

"Das ist nicht deutsch, das brauchen wir nicht zu kaufen!"

Schnäppchenjäger sind die Türken in puncto Kosmetik allerdings nicht - für Rossmann zunächst ein Nachteil. "Anfangs haben die Kunden den günstigen Preisen unserer Eigenmarke misstraut", so Abboud, "sie dachten, das könne gar keine gute Qualität sein. Doch mittlerweile schätzen sie unsere Produkte sehr."

Eine ältere Dame ermahnt im Drogeriemarkt ihren Ehemann, der nach türkischen Bio-Haferflocken greift: "Das ist nicht deutsch, das brauchen wir nicht zu kaufen!" Made in Germany hat in der Türkei traditionell einen guten Ruf. Es steht für Qualität und Vertrauen, betont auch Handelskammer-Chef Landau. Doch bei aller Furore - nicht alle Einzelhändler schaffen den Sprung in den Osten. "Was in Deutschland gut läuft, das funktioniert meist auch in der Türkei", erklärt Landau, "Aber manche Einzelhändler haben den türkischen Markt nicht genau genug unter die Lupe genommen."

So zog sich eine deutsche Fisch-Fastfoodkette im letzten Jahr wieder aus der Türkei zurück. Die meisten ihrer Filialen hatten sich in Istanbul befunden. In einer Stadt umgeben vom Meer, mit frischem und günstigem Fisch an jeder Ecke, waren teure Backfischbrötchen wohl doch nicht das passende Produkt.


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