Arbeiten im Ausland Deutsche in der Schweiz fühlen sich ungeliebt

Viele Deutsche arbeiten gerne in der Schweiz. Sie hadern allerdings mit dem schlechten Image, das ihnen anhaftet. Das führt teils zu obskurem Verhalten - etwa dazu, im Job kaum zu reden.

Von Watson.ch-Autor Philipp Dahm

Länderschild "Deutschland-Schweiz" in Lörrach: "Ständiges Polarisieren"
DPA

Länderschild "Deutschland-Schweiz" in Lörrach: "Ständiges Polarisieren"



Italiener stellen die größte Ausländergruppe in der Schweiz, doch die Deutschen holen auf. Rund 300.000 leben mittlerweile in der Alpenrepublik: Im Kanton Zürich haben sie die Südeuropäer bereits abgelöst. Eine Studie der Wirtschaftsuniversität Wien hat nun untersucht, wie das Befinden der Deutschen in der Schweiz ist. Das Ergebnis: Viele der etwa tausend im vergangenen Jahr Befragten fühlen sich ungeliebt.

26 Prozent der Teilnehmer der für die Studie durchgeführten Online-Umfrage wurde mindestens mehrmals im Monat, in der Woche oder gar täglich weniger höflich behandelt als andere Menschen, 23 Prozent fühlen sich weniger respektiert und 29 Prozent bekundeten, dass ihre Gegenüber sich als etwas Besseres aufführen. 85 Prozent der Befragten glauben, dass der ausschlaggebende Grund für diese Erfahrungen ihre Nationalität ist.

Der blaue Balken zeigt Antworten von Männern, der rote die der Frauen und der grüne steht für das Gesamtergebnis

Jeder zweite Befragte hat den Eindruck, dass sein eigenes Deutschsein in der Schweiz erst richtig betont wird. Ebenso hoch ist die Zahl derjenigen, die sich durch ihre Nationalität bewertet fühlen oder glauben, ihr Verhalten würde ihnen ständig als germanisch ausgelegt. 52 Prozent denken mehr oder weniger oft an ihre Herkunft, wenn sie mit Schweizern zu tun haben - und 61 Prozent vermuten, dass die meisten Eidgenossen deutschfeindlicher sind, als sie zugeben.

Am Arbeitsplatz wird das Verhältnis zwischen den Nachbarn paradox. 71 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Schweizer und Deutsche im Job gut miteinander auskommen. Doch gleichzeitig belastet die Hälfte der Befragten das "ständige Polarisieren" zwischen den Nationalitäten. 42 Prozent haben das Gefühl, sich oft für ihre Herkunft legitimieren zu müssen, und 30 Prozent unterstellen, dadurch schlechtere Karriere- und Lohnaussichten zu haben.

Was die Herkunft verrät, ist die Sprache: Zehn Prozent der Umfrageteilnehmer versuchen bei der Arbeit häufig oder immer, sich verbal zurückzuhalten, um nicht als Deutsche aufzufallen. 28 Prozent tun das manchmal. 19 Prozent überhören immer oder häufig antideutsche Kommentare, 43 Prozent machen das manchmal. Und 31 Prozent verstellen sich sogar manchmal, 8 Prozent häufig oder immer. Die Zahl derjenigen, die manchmal, häufig oder immer explizit Deutschland-kritische Meinungen vertreten, liegt bei 46 Prozent.

Das Ergebnis dieser Emotionen: 41 Prozent der Deutschen fühlen sich in der Schweiz als Fremde. Ein Drittel glaubt, nicht willkommen zu sein. Dennoch ist die Schweiz für 41 Prozent zur Heimat geworden, während sich 40 Prozent kaum oder gar nicht zu Hause fühlen.

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 283 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
captainahab71 09.05.2015
1. Mindestens jeder zweite Deutsche
fühlt sich in Deutschland ungeliebt - das erkennt man schon am Gesichtsausdruck..
Bueckstueck 09.05.2015
2. Tough Luck
So ähnlich fühlen sich Ausländer auch in Deutschland.
Dengê azadîyê 09.05.2015
3. Das ist aber sehr traurig ;-)
Liebe Deutsche, diesen Eindruck haben wir als Menschen mit Migrationshintergrund, obwohl wir hier geboren sind seit nun ca. 45 Jahren in Deutschland! Wieso soll es Euch besser ergehen, als den Menschen, die Ihr in Eurem Land genauso bzw. noch schlechter behandelt?!?! Das Leben ist hart und es ist noch härter wenn man nicht geliebt wird...;-)
Fritz.A.Brause 09.05.2015
4. Ball flach halten...
Ich lebe jetzt schon seit fast zwanzig Jahren in der Schweiz und ich bin gerne hier. Meiner Meinung nach ist das zentrale Problem derjenigen, die in die Schweiz kommen, dies mit der Erwartung zu tun: "die sind so ähnlich wie wir, nur mit nem lustigen Dialekt". Das ist grundfalsch und die Basis für viele Missverständnisse. Generell wollen die Schweizer gerne davon überzeugt werden, dass jemand etwas ist oder kann. Ich kann jedem Deutschen nur raten, immer erstmal etwas bescheiden daherzukommen, zuzuhören und sich durch gute Taten und Leistungen einen guten Namen zu erwerben. Mit der Tür ins Haus fallen ist der grösste Fehler, den man machen kann, gefolgt davon, sich dem Verdacht auszusetzen, ein Maulheld zu sein. Wir sind in der Schweiz die Ausländer und die Fremden, wir werden kritisch beäugt, aber ich denke mal, dass das persönliche Verhalten mindestens zu 70% daran teilhat, wie einem begenet wird und der kauzige Schweizer, der per se alles nicht-schweizerische ablehnt, ist doch ein deutlich exotisches Exemplar. Oh und kleiner Tip: "Tschüs" ist in der Schweiz eine für den eher persönlicheren Einsatz reservierte Grussformel. Man erntet als Deutscher immer Lacher und Kopfschütteln, wenn man sich am Telefon oder von Angesicht zu Angesicht mit "Tschüs" verabschiedet. Mit Schweizer Freunden ist das kein Problem, in anderen Fällen bestätigt man nur das Vorurteil vom distanzlosen Deutschen ;-)
lvkwge 09.05.2015
5. Wenn es euch nicht gefällt...
Im Sinne des immer wieder vorgetragenen Fachkräftemangels in Deutschland kann man nur sagen: wenn es euch in der Schweiz nicht gefällt, kommt zurück. Dann kommen wenigstens ein paar Zuziehende mehr mit einer brauchbaren Qualifikation nach Deutschland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.