Schwache Industrie-Investitionen Deutschland braucht eine neue Innovationspolitik

Noch behauptet sich die deutsche Industrie gegen die boomende Konkurrenz aus China und Indien. Doch schwache Investitionen sind ein Alarmsignal: Reagiert die Politik nicht, könnten deutsche Firmen den Anschluss verlieren.

Werbung für Industrie 4.0: Ausbau digitaler Netze ist dringend erforderlich
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Werbung für Industrie 4.0: Ausbau digitaler Netze ist dringend erforderlich

Ein Gastbeitrag von Heike Belitz und Martin Gornig


Zu den Autoren
  • DIW Berlin
    Heike Belitz ist Mitarbeiterin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Schwerpunkt Innovationsforschung und -politik.
  • Detlef Gthenke/DIW Berlin
    Martin Gornig untersucht am DIW unter anderem Industriepolitik und sektoralen Strukturwandel. Zudem ist Gornig Honorarprofessor für Stadt- und Regionalökonomie an der TU Berlin.
Auf der Hannover Messe treffen sich wieder Industrievertreter aus aller Welt. Indien, das diesjährige Partnerland der Hannover Messe, und mehr noch sein größerer Nachbar China repräsentieren dabei neue globale Industriestandorte, die traditionelle Industrieländer wie Deutschland, die USA, Großbritannien und Frankreich herausfordern.

China etwa konnte seinen Anteil an der weltweiten Industrieproduktion in den vergangenen zehn Jahren von rund zehn Prozent auf 23 Prozent mehr als verdoppeln. Im gleichen Zeitraum verloren die USA etwa ein Fünftel ihres Anteils an der globalen Industrieproduktion, unsere westeuropäischen Nachbarn im Schnitt sogar ein Viertel.

Deutschland gelang es dagegen, mit dem Markt zu wachsen und seinen Anteil stabil bei etwa einem Zehntel zu halten. Die deutschen Industrieunternehmen expandierten in den vergangenen Jahren vor allem im Ausland, wo inzwischen fast 30 Prozent ihrer Beschäftigten tätig sind.

Die sieben größten deutschen Industriekonzerne VW Chart zeigen, Siemens Chart zeigen, Bosch, Daimler Chart zeigen, Bayer Chart zeigen, BASF Chart zeigen und BMW Chart zeigen haben zusammen sogar mehr als die Hälfte ihrer 1,8 Millionen Arbeitsplätze im Ausland. Seit Mitte der Neunzigerjahre stieg die Zahl ihrer Beschäftigten insgesamt um ein Viertel. Im Inland sank sie jedoch um gut ein Zehntel, während sie im Ausland um mehr als 80 Prozent zulegte. Noch schneller wuchsen die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der größten sieben Konzerne im Ausland.

Warnsignale aus dem Inland

Inzwischen liegt der Auslandsanteil der gesamten deutschen Industrie auch in der Forschung bei 30 Prozent. Die meisten neuen Industriearbeitsplätze entstehen in China, das als Forschungsstandort schnell an Bedeutung gewinnt.

Wie passt diese fortschreitende Internationalisierung deutscher Industrieunternehmen mit dem Erfolg des Industriestandorts Deutschland zusammen? Zunächst sorgen die Investitionen in den Zukunftsmärkten vor allem in Asien auch für die Auslastung der heimischen Produktionsanlagen.

Zudem liegt ein deutsches Erfolgsrezept in der sektoralen Spezialisierung auf forschungsintensive Industrien: Branchen mit innovativen und hochwertigen Technologieprodukten wie der Maschinenbau, die Elektrotechnik, die Chemie und nicht zuletzt der Fahrzeugbau finden in Deutschland trotz hoher Industrielöhne günstige Produktionsbedingungen. Hier kommt es auf Neuheit, Qualität, Zuverlässigkeit und Kundenorientierung an und nicht allein auf den Preis. Auch die Globalisierung der deutschen Unternehmen findet vor allem in diesen forschungsintensiven Industrien statt, in denen mehr als drei Viertel der Industriebeschäftigten im Ausland tätig sind.

Für die Zukunft des Industriestandorts Deutschland gibt es jedoch auch Warnsignale, und die kommen aus dem Inland. Obwohl die deutschen Industrieunternehmen im Ausland nicht mehr investieren als ihre Wettbewerber aus Frankreich, Großbritannien oder den USA, weist der Standort Deutschland selbst eine ausgeprägte Investitionsschwäche auf. Bezogen auf den vorhandenen Kapitalstock wird hier weit weniger in die Industrieanlagen investiert als in wichtigen Konkurrenzländern wie den USA und Großbritannien. So besteht die Gefahr, dass die Industrieanlagen in Deutschland mehr und mehr veralten und die Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Forschungsintensive Industrie will und muss sich vernetzen

Was tun? Um den Industriestandort Deutschland zukunftsfest zu machen, müssen die Rahmenbedingungen für industrielle Investitionen verbessert werden. Dabei ist zu beachten, dass eine Stärke des Standorts Deutschland vor allem auf den forschungsintensiven Industrien beruht. Ihre Innovationskraft ist die erste Voraussetzung für künftige Investitionen, und Industriepolitik ist deshalb zuallererst Innovationspolitik.

Eine solche Innovationspolitik darf allerdings nicht auf die Bereitstellung der Forschungsinfrastruktur beschränkt bleiben. Nötig ist ein umfassenderer Ansatz:

  • Der Technologietransfer muss angeregt und die Bildung von Innovationscluster angestoßen werden.
  • In vielen neuen Produktfeldern - wie in der Umweltwirtschaft, in der Logistik oder im Gesundheitsbereich - kann der Staat zudem wesentliche Nachfrageimpulse setzen und somit frühzeitige Anreize zur Entwicklung von Forschungskompetenzen geben.
  • Auch die Einbindung der mittelständischen Wirtschaft ist für das deutsche Produktionsmodell von entscheidender Bedeutung und muss unter anderem von einer mittelstandsfreundlichen Innovationsförderung flankiert werden.
  • Eine Schlüsselrolle kommt zudem der digitalen Infrastruktur zu. Technologische Trends wie Industrie 4.0 zeigen: Gerade die forschungsintensive Industrie will und muss sich vernetzen. Ein flächendeckender Ausbau leistungsstarker digitaler Netze ist deshalb dringend erforderlich.



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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
DJAG 10.04.2015
1. Sind doch schon mitten drin,
im Anschlussverlieren. Wichtige Internetinfrastruktur-Investition werden nicht getätigt, Glasfaserausbau für Gigabit-schnelle Netze (Stichwort "Neuland")und mangelnde Innovation in Richtung E-Mobilität. Den wichtigen Zukunftsmärkten. Deutsche "Ingenieurs-Kunst? Z. B. ICEs ständig kaputt! Wir bedienen nur noch Märkte, schaffen aber keine neuen mehr!
Leser161 10.04.2015
2. Ist doch klar
Wenn wir nur Industrie 4.0 haben und die andern schon 5.0. Wir müssen ganz klar auf 6.0 oder gar 7.0 gehen. Und alle Firmen müssen über so sein Buisnessnetzwerk vernetzt sein, wo alle Mitarbeiter auf dieselben Daten zugreifen können, ob der Gast z.B. ein Mettbrötchen möchte, wie in der Telekomwerbung. Will sagen, solange man mit heisser Luft arbeitet oder irgendwelche Standards als Innovationen darstellt, kann das ja nichts werden.
zila 10.04.2015
3. International Platz 16.
Bayer als einer der sieben groessten Industriekonzerne Deutschlands belegt in dem Ranking, dass ich mir angucke, Platz 16, gleich hinter dem israelischen Generika-Konglomerat Teva. Das ist einer der fuehrenden deutschen Konzerne. Im Technologiebereich wie Software und Platform gibt's vielleicht noch die 40 Jahre alte SAP (als Anwender find ich SAP grottig, gerade im Vergleich mit anderen Systemen) und Copycat-Unternehmen wie Rocket oder Einsundeins, aber Innovation wie A.I. (Deep Learning, Watson-aehnliche Systeme) oder neuartige Vernetzungen (Trends wie Internet-Ad-Schaltung, Wearables, Internet of Things, Payments a la Paypal?) kommen einfach nicht aus Deutschland. So werden keine neuen Maerkte erschlossen. Und wenn der Staat massiv interveniert wie frueher bei AKW-Technik und danach bei Solar, geht der Schuss irgendwann nach hinten los. Wieviele von diesen Start-ups in den Technologieparks rund um die technischen Unis haengen nicht am Foerdertropf? In Deutschland fehlt einfach die Kultur, sich selbstaendig zu machen, weil auch das Risikokapital fuer gute Ideen nicht vorhanden ist. Jeder Idee wird mit "Ja, aber" und Bedenken begegnet, waehrend Apple mit einer klobigen Uhr mit 18h Batterielaufzeit Millarden verdienen wird. Ob man mit Zweigniederlassungen der US-Firmen langfristig ueber die Runden kommt?
malocher77 10.04.2015
4. Wozu sollen Unternehmen investieren?
Der Euro wird gezielt abgewertet,obwohl fürd Deutschland der Euro aufwerten müsste um gewissen Druck auf die Unternehmen auszuüben.So macht EZB die Firmen wettbewerbsfähig.
james-100, 10.04.2015
5.
Zitat von DJAGim Anschlussverlieren. Wichtige Internetinfrastruktur-Investition werden nicht getätigt, Glasfaserausbau für Gigabit-schnelle Netze (Stichwort "Neuland")und mangelnde Innovation in Richtung E-Mobilität. Den wichtigen Zukunftsmärkten. Deutsche "Ingenieurs-Kunst? Z. B. ICEs ständig kaputt! Wir bedienen nur noch Märkte, schaffen aber keine neuen mehr!
Und warum? Weil die Unternehmen immer höhere Gewinne einfahren wollen. Da stören eben Kosten für Forschung und Entwicklung. Diese Kosten sollen gefälligst die Steuerbürger tragen, um dann den Unternehmen die Ergebnisse der Forschungen für ihre Produktionslinien im Ausland zur Verfügung stellen.
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