Deutsche Klavierbauer Klang des Reichtums

Der deutsche Klavierbau hätte längst tot sein müssen angesichts der Billigkonkurrenz aus China. Doch die Manufakturen halten dagegen: mit Instrumenten aus eigener Fernost-Fertigung und Luxusflügeln für Superreiche. Eine alte Branche hat sich an die globalisierte Welt angepasst - und boomt.

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Hamburg - Keine Maschine kann den Mann mit dem feinen Gehör ersetzen. Vorsichtig sticht er mit einer Nadel in den filzigen Hammerkopf des neuen Flügels. Dann schlägt er den Ton an - zu hart. Er sticht ein zweites Mal zu, der Ton klingt nun einen Grad sanfter. Der Intoniermeister bei Steinway & Sons in Hamburg nickt zufrieden und nimmt sich den nächsten Hammerkopf vor. Bis er allen 88 Tönen den richtigen Klang gegeben hat, vergehen Stunden.

Trotz aller altertümlich anmutenden Arbeit - das alte Klavierbau-Handwerk ist in der globalisierten Welt angekommen. In den neunziger Jahren sah es so aus, als würde die Branche in Deutschland die erstarkende Konkurrenz aus Ostasien und Osteuropa nicht überleben. Die neuen Produzenten arbeiteten so effizient wie niemand zuvor und die Qualität wurde auch immer besser. Jahr für Jahr werden weltweit rund 450.000 Klaviere - Flügel wie Pianos - hergestellt. Allein aus chinesischen Fabriken kommen inzwischen etwa 250.000 Stück. Der Anteil der in Deutschland produzierten Instrumente lag vor zehn Jahren noch bei 20.000. Inzwischen ist die Jahresproduktion auf 10.000 gesunken.

"Natürlich ist China eine Herausforderung", sagt Henry Z. Steinway, 91, der sein Büro in New York hat. "Aber man muss auch sehen, dass China der größte Klaviermarkt der Welt geworden ist." Henry Z. Steinway, der noch als Berater für das Unternehmen arbeitet, "auch wenn mich inzwischen niemand mehr in der Firma um Rat fragt", ist Urenkel von Heinrich Engelhard Steinweg. Der Tischlermeister wanderte 1850 von Seesen im Harz in die USA aus und gründete dort drei Jahre später die Klaviermanufaktur, deren Flügel heute auf den meisten großen Konzertbühnen der Welt stehen. Seit 1880 werden die Instrumente auch in Hamburg gefertigt.

"Renaissance der alten Werte Fleiß, Disziplin und Bildung"

Steinway ist trotz chinesischer Billigproduktion optimistisch, wie die gesamte Branche in Deutschland. Die Zahl der verkauften Flügel und Klaviere aus deutscher Produktion steigt wieder. Konzerthäuser und Konservatorien greifen nach wie vor zu deutschen Instrumenten, aber auch der Verkauf an Privathaushalte nimmt zu. "Wir erleben eine Renaissance der alten Werte Fleiß, Disziplin und Bildung in unserer Gesellschaft und damit auch einen Aufschwung auf dem internationalen Klaviermarkt", sagt Christian Blüthner-Haessler, der gemeinsam mit seinem Bruder und seinem Vater die Geschäfte der 1853 gegründeten Julius Blüthner Pianofortefabrik in Großpösna bei Leipzig führt. 1972 wurde die Eigentümerfamilie enteignet, das Unternehmen überlebte die DDR dennoch. Vater Ingbert Blüthner-Haessler blieb über die Jahre in der Firma. Während der DDR-Zeit produzierte das Unternehmen vor allem fürs Ausland, auch für Westdeutschland. "In der DDR bekam man ein Produkt von uns dagegen nur mit einer Genehmigung der Regierung", sagt Knut Blüthner-Haessler.

Sein Bruder Christian spricht lieber von der aufblühenden Gegenwart. Es gebe trotz rückläufiger Geburtenzahlen und trotz des harten Wettkampfs um die Freizeit - zum Beispiel durch die Konkurrenz von Computerspielen - einen Riesenzulauf in den Musikschulen. "Die Leute merken seit Pisa, dass Klavierspielen nicht nur Spaß macht, sondern die Persönlichkeit bildet." Mehrere Hersteller fördern den Trend zum Musizieren, indem sie Wettbewerbe organisieren, Schulen und Kindergärten preiswerte Instrumente verkaufen und Familien günstige Kredite zum Kauf eines Klaviers anbieten.

Für ein Instrument aus deutscher Fertigung müssen sie schließlich tief in die Tasche greifen - das nämlich gibt es im Schnitt erst ab 6000 Euro. Chinesische Klaviere werden schon für ein Drittel des Preises gehandelt. "Wir haben einen kontinuierlichen Rückgang in der deutschen Produktion erlebt", sagt Norbert Schallausky, Klavierbaumeister und Produktionsleiter beim Berliner Hersteller C. Bechstein, nach eigenen Angaben mit einem Marktanteil von etwa 30 Prozent Nummer eins unter den deutschen Produzenten. "Aber es geht wieder aufwärts."

Edle Flügel für die Reichen, China-Klaviere fürs Volk

Wohl auch, weil fast alle 16 deutschen Hersteller im Fachverband Deutsche Klavierindustrie auf die Herausforderungen der Globalisierung reagiert haben und selbst in Ostasien produzieren. Steinway verkauft seit 1992 preiswerte Klaviere unter dem Markennamen Boston, hergestellt in Japan. Seit diesem Sommer stehen in den Steinway-Häusern unter dem Namen Essex noch günstigere Instrumente - made in China.

Zwischen dem billigsten Essex-Flügel und dem teuersten Steinway in vergleichbarer Größe, hergestellt in zwölfmonatiger Handarbeit in Hamburg oder New York, liegen mehr als 40.000 Euro. "Wir wollen die komplette Bandbreite abdecken, vom preiswerten Einsteigermodell für die Familie bis hin zum Profi-Instrument", sagt Sabine Höpermann, Sprecherin von Steinway in Hamburg.

Auch andere Hersteller in Deutschland setzen auf diese Strategie: Bechstein fertigt im sächsischen Seifhennersdorf, wenige hundert Meter von der tschechischen Grenze entfernt, die Modellreihen aus den hochwertigsten Materialien und mit dem größten Anteil an handwerklicher Arbeit. Günstigere Instrumente kommen aus Tschechien, noch preiswertere aus Indonesien. Blüthner fertigt seine exklusiven Modelle in der heimischen Manufaktur, die einfacheren kommen aus einem polnischen Werk. Der Braunschweiger Hersteller Schimmel, Nummer zwei in Deutschland, lässt auch in Polen und China fertigen. Wichtig sei, dass die Kunden genau wüssten, wo ihr Instrument hergestellt worden sei, sagt Geschäftsführer Hannes Schimmel-Vogel. "Wir gehen ganz offen mit der Herkunft der jeweiligen Modellreihen um", sagt auch Schallausky. Alle Hersteller verwenden für ihre ausländischen Produkte andere Markennamen.

Selbst absurde Kundenwünsche werden erfüllt

Während mit der Billigstrategie der Massenmarkt bedient wird, der nicht den Asiaten überlassen werden soll, haben die deutschen Hersteller sich zudem eine Nische gesucht: den Markt für edle Flügel. Dieser Markt sichert ihnen gute Erträge aus dem Ausland.

Die Bestellungen aus den USA, Südamerika, China und sogar aus Indien nehmen zu. Vor allem in Russland sind Musikinstrumente aus Deutschland begehrt: In Moskau, erzählt Blüthner-Haessler gerne, habe er bei einer Millionärsmesse innerhalb von drei Tagen mehr als 20 Flügel verkauft, darunter einen aus Platin. "Ein paar Millionen" soll der kosten, heißt es. Steinway bietet Schmuckstücke aus seltenen Hölzern wie Indischem Apfelbaum, Eisbirke und Palisander an und ließ einen Flügel vom Modedesigner Karl Lagerfeld entwerfen. "Wir arbeiten derzeit mit dem Architekten Daniel Libeskind an einem Instrument", sagt Schimmel-Vogel. "Solche Klaviere sprechen nicht unbedingt Pianisten an, dafür aber wohlhabende Privatkunden."

Kaum ein absurder Wunsch bleibt unerfüllt: Bechstein verkaufte schon mal einen weißen Flügel, dessen Deckel ein Airbrush-Engel zierte - auf Bestellung einer Liebhaberin aus Uruguay. Instrumente werden mit Krokodilleder beklebt und mit Edelsteinen besetzt. Über den Plexiglas-Flügel von Schimmel, den Udo Jürgens nutzte, rümpft die Konkurrenz die Nase. "Das würden wir niemals machen", heißt es einhellig, weil das Material den Klang beeinflusse und ein Gehäuse nun einmal aus Holz sein müsse. Hannes Schimmel-Vogel ärgert sich über solche Kritik. "Seit fast 200 Jahren hat es an den Instrumenten kaum Veränderungen gegeben, weil Klaviere im Grunde genommen technisch ausgereift sind. Dadurch ist die Branche extrem innovationsfeindlich geworden." Den größten Anteil unter den Flügeln machen allerdings nach wie vor klassische schwarze Instrumente aus - je nach Hersteller zwischen 70 und 95 Prozent.

Scheu vor dem Schritt in die digitale Welt

Als einziges Unternehmen setzt Steinway auf eine formelle Bindung von Stars an die Marke: Berühmte Pianisten können sich freiwillig per Unterschrift verpflichten, nur noch auf Steinway zu spielen. Geld fließt dafür nicht, es gibt nur ideelle Unterstützung. Der chinesische Weltstar Lang Lang steht auf der 1300 Namen umfassenden Liste. Bei anderen Herstellern heißt es etwas neidisch: "Das haben wir nicht nötig. Die Pianisten lieben unsere Instrumente auch ohne Unterschrift." Nur an eines hat sich noch keiner der traditionellen deutschen Klavierbauer gewagt: an den Bau digitaler Klaviere. Sie beschränken sich auf das Nachrüsten ihrer Instrumente mit elektronischen Systemen, mit denen die Mechanik ausgeschaltet und das Klavierspiel nur noch per Kopfhörer zu hören ist.

Der österreichische Hersteller Bösendorfer aus Wien hat als erster die Chancen des digitalen Marktes erkannt - und ein Digitalklavier für höchste Ansprüche entwickelt. "Wir sind noch in der Testphase, derzeit tourt Robbie Williams mit dem Stage Piano durch die Welt", sagt Mario Aiwasian, der bei Bösendorfer das digitale Projekt betreut. Rund 25.000 Euro soll das Instrument kosten. "Man soll Bösendorfer künftig auch mit Pop und Jazz in Verbindung bringen." Einzig und allein Klassik, das war einmal.

Die deutschen Hersteller wollen diesen Weg nicht gehen. Christian Blüthner-Haessler sagt: "Wir machen das, was wir am besten können: mechanische Instrumente bauen." Bei Steinway & Sons heißt es: "Wir wollen weiterhin Musikinstrumente herstellen, keine Computer." Die Intoniermeister mit ihren Nadeln werden also weiterhin zu tun haben.



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