Deutsche Manager Narzisst in der Kommandozentrale

Zwischen Egotrip und Depression: Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise legt die seelischen Abgründe vieler Führungskräfte bloß. Zu schaffen macht den Managern vor allem die Abwertung ihres Berufsstands in der Öffentlichkeit - und das Eingestehen der eigenen Ohnmacht.

Von Eva Buchhorn, Michael Machatschke und


In der peinlichsten Stunde seiner Karriere lief Klaus Zumwinkel, 65, noch einmal zu Hochform auf. Wegen Steuerhinterziehung stand er vor Gericht. Doch er dozierte, als sei nicht die Staatsgewalt sein Zuhörer, sondern ein Pulk von Lehrlingen im Schulungsheim der Post.

HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher: Ein großes Publikum rätselt über die mentale Verfassung von Managern
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HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher: Ein großes Publikum rätselt über die mentale Verfassung von Managern

Weitschweifig erklärte der gestürzte Konzernherr dem Richter, welch eindrucksvolle Karriere er absolviert habe, wie kühn sein Aufbauwerk bei der Post gewesen sei, wie viele Milliarden seine Taten den Bürgerinnen und Bürgern gespart hätten. Subtext: Wer den Göttern so nahe steht, dem sollte man eine profane Steuersünde doch wohl nachsehen.

Ein anderer hatte in seiner Amtszeit den Bescheidenen gegeben: Georg Funke, 54, ehemals Chef des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE). Im Foyer des Unternehmens in München hingen billige Kunstdrucke von der Sorte, die man im Möbelhaus kauft. Das Chefbüro bot kaum Platz für einen Besprechungstisch. Funke schien Maß zu halten - doch nach seinem Rauswurf langt er umso ungenierter zu. Derzeit klagt der Banker gegen seinen alten Arbeitgeber auf 150.000 Euro Gehalt, die ihm angeblich noch zustehen, auf weitere 3,5 Millionen Euro Gehalt bis zum Ende seines Vertrags und 560.000 Euro Pension jährlich. Dass er denkbar schlechte Arbeit geleistet hat, dass die HRE ohne massive Staatsbürgschaften schlicht pleite wäre, Funke scheint's nicht zu kümmern - oder nimmt er es schlicht nicht wahr?

Aberwitzige Summen trotz miserabler Leistungen

Ein großes Publikum rätselt über die mentale Verfassung von Managern und Ex-Managern wie Zumwinkel und Funke. Gegen Selbstzweifel scheinen sie immun. Im krassen Unterschied zu einer anderen prekären Fraktion der Wirtschaftsführer - sie offenbart sich allenfalls im ganz kleinen Kreis. Einer Gesprächsgruppe in der Nervenklinik zum Beispiel.

Herbert Claus, 45 (Name von der Redaktion geändert), Manager diverser kommunaler Betriebe in Rheinland-Pfalz, war gerade in einer solchen Einrichtung. Das Sanatorium in Luxemburg, auf die Nöte ausgebrannter Führungskräfte spezialisiert, sei voll belegt gewesen, berichtet Claus. Fast 80 Prozent der Patienten seien Manager gewesen. Sie kommen wegen rätselhafter Schmerzen, Erschöpfung und vor allem Depressionen. Viele haben einen langen Leidensweg hinter sich, aber immer wieder hörte Claus auch diesen Satz: "Als dann noch die Finanzkrise kam, bin ich zusammengeklappt."

Zwischen Egotrip und Depression - die Wirtschaftselite gibt derzeit ein verstörendes Bild ab. Extreme prägen ihr Image.

Einerseits die Maßlosen: Manager, die trotz miserabler Leistungen aberwitzige Summen einstreichen und bizarren Pomp entfalten; Menschen, die anscheinend keinen Bezug mehr zur Realität besitzen. Andererseits - weniger auffällig, aber vernehmlich - die Überforderten, die unter der Finanzkrise seelisch und körperlich leiden, den Druck und die Unsicherheit nicht mehr aushalten.

Wie intakt sind die Unternehmensführer noch? Ist im Management generell Irrsinn am Werk, wie manche Boulevardmedien insinuieren? Muss womöglich ein ganzer Berufsstand auf die Couch?

In den Chefetagen liegen die Nerven blank

Fest steht: In den Chefetagen liegen die Nerven blank. Wie sehr, das zeigt eine aktuelle Umfrage unter tausend Führungskräften, erhoben von der Personalberatung Heidrick & Struggles. Es ist das Psychogramm einer in die Enge getriebenen Kaste.

Vier von fünf Managern spüren seit Krisenbeginn einen stark erhöhten Leistungsdruck, jeder Zweite muss deutlich härter arbeiten. Und das in zunehmend rauer Atmosphäre: 27 Prozent der Befragten klagen über ein verschlechtertes Betriebsklima; jeder Dritte ist eher bereit, den Arbeitgeber zu wechseln, als noch vor einem Jahr. Solidarität, Loyalität - Fehlanzeige.

Der Abschwung lastet auf den Seelen. Jeder kämpft für sich allein. Sie gehen morgens nicht mehr zur Arbeit, die Führungskräfte, sie ziehen in die Schlacht. Und so fühlen sie sich auch.

In seiner Coaching-Praxis in der Düsseldorfer Königsallee begleitet der Psychoanalytiker Georg Th. Fischer Manager der ersten und zweiten Ebene. Die wirtschaftliche Misere ist in nahezu jeder Sitzung als Bedrohung dabei. Fischers Klienten bangen um ihre Jobs, fürchten Statusverlust und Gehaltseinbruch. Obendrein graust ihnen davor, Mitarbeiter entlassen zu müssen. "Die meisten Führungskräfte sind von den Härten ihrer Rolle zutiefst betroffen und verunsichert", berichtet Fischer.

Zu schaffen macht den Managern die Abwertung, die ihr Berufsstand in der Öffentlichkeit erfährt. Aus Bankiers wurden Bankster, aus Alphawesen verdruckste Partygäste, die sich rasch mal frisch machen müssen, wenn das Gespräch auf Berufliches kommt. "Drastisch verschlechtert" habe sich das öffentliche Bild der Manager durch die Krise, räumen 87 Prozent in der Heidrick-Umfrage ein; 60 Prozent sehen sich persönlich unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck. "Da herrscht oft Zweifel, ob man noch in der richtigen sozialen Gruppe ist", sagt Heidrick-Partner Werner Penk.

Schmäh-Mails an Manager

Ein Klient Fischers löschte seine Daten aus dem Internet-Forum Xing, nachdem er Schmäh-Mails erhalten hatte und mit anonymen Anrufen terrorisiert worden war. Ein Ex-Manager der HSH Nordbank, der zum Urlaub an die See fuhr, ließ seine HSH-Windjacke vorsichtshalber daheim, "das Logo war mir peinlich".

Massiv verunsichert, so erlebt Penk die Manager: "Bei vielen sind die inneren Koordinaten ins Wanken geraten." Besonders die Erosion der persönlichen Handlungsfähigkeit ist Gift fürs positive Selbstbild. "Keiner kann von sich sagen, er kenne jetzt die richtige Strategie", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Georg Schreyögg von der FU Berlin, "und so sieht jetzt die ganze Welt, dass die angeblich so kraftvollen Lenker längst nicht so viel bewegen können, wie viele dachten."

Die Identitätskrise ist programmiert. "Ohnmachtsgefühl" und "regelrechte Lähmung" bei den Top-Führungskräften beobachtet Sozialpsychologe Dieter Frey von der Universität München, der zahlreiche Dax-Vorstände als Coach berät. "Manche reagieren mit blindem Aktionismus, andere verfallen in Totstellreflexe." Beides klassische Abwehrmechanismen, wenn das gehätschelte Selbstbild zusammenbricht.

Immer öfter gehen den einstmals Erfolgsverwöhnten die Nerven durch - und irgendwann lassen sich die Symptome nicht mehr verbergen. Ulrich Sollmann, Therapeut und Coach in Bochum, sieht in seiner Praxis jeden Tag Führungskräfte mit "körperlichen und seelischen Problemen". Wie den Firmenlenker, der von einem Tag auf den anderen hinwerfen wollte, weil Mitarbeiter ihn scharf für sein Turnaround-Programm kritisiert hatten. Zu viel für ihn: "Der Mann wollte nur weg, egal um welchen Preis."

Selbstzerstörerische Strategie bei zu viel Druck

Andere klagen über somatische Beschwerden, über Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und Appetitverlust. Sollmann findet meist schnell heraus, wo die tieferen Ursachen liegen: zu viel Stress.

Fatalerweise reagierten Manager unter Druck häufig mit einer nahezu selbstzerstörerischen Strategie, meint Bernd Sprenger, Coach und Psychotherapeut in Berlin. Sie versuchen "immer mehr vom Gleichen", weiß der auf Burnout bei Führungskräften spezialisierte Mediziner. Die Manager arbeiten härter, bleiben abends länger im Büro, beuten sich selbst aus. Unter Stress verengt sich der Blick. Der Mensch flüchtet in alte Handlungsmuster - und droht unterzugehen.

Kandidaten für den Absturz finden sich typischerweise im mittleren Management, wo die Tagesarbeit geleistet wird und sich der Druck von oben mit den Widerständen von unten vereint. So hat es auch Hartmut Zeiss (Name von der Redaktion geändert) erlebt.

Zeiss, Anfang 50, eloquent, sportlich, schlank, fühlt sich nach elf Wochen Klinikaufenthalt wieder fit. Ende vergangenen Jahres war das anders. Da kauerte er hinter dem Schreibtisch und hoffte, seinem Vorstand nie wieder begegnen zu müssen. Kurz zuvor war der Personalexperte angetreten, in einem norddeutschen Konzern die Führungskräfteentwicklung zu überarbeiten. Schnell sollte es gehen, kreativ musste es sein, die Erwartungen waren hoch. Zeiss fühlte sich von Tag eins an überfordert, war dem Zusammenbruch nahe. Diagnose: Burnout.

In diesen Monaten prophezeit Zeiss vielen Führungskräften ein ähnliches Schicksal: "Jetzt ziehen die Unternehmen die Daumenschrauben an."



insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
karambola 22.07.2009
1. es ist einfach frech
es ist ungelaublich in welcher gesellschaft wir leben.....nur noch ellenbogen mehr zählt nicht.werte die wir bis jetzt hoch gehalten haben sind nur noch was für menschen die ......ich sage es lieber nicht.der eine lügt die öffentlichkeit einfach an und lächelt dabei noch als wenn es nichts passiert ist.erzählt uns das blaue vom himmel ich begreife es nicht mehr was da in kiel passiert...armes land
Carnival Creation, 22.07.2009
2. .
Zitat von sysopZwischen Egotrip und Depression: Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise legt die seelischen Abgründe vieler Führungskräfte bloß. Zu schaffen macht den Managern vor allem die Abwertung ihres Berufsstands in der Öffentlichkeit - und das Eingestehen der eigenen Ohnmacht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,636610,00.html
Ja, wie jetzt? 'Arbeiten' Manager nur für das Prestige, direkt und indirekt? Ich dachte immer, die würden aus PASSION LEISTEN wollen? Schließlich sind sie ja LEISTUINGSTRÄGER und werden nach, an der Geldmange gemassen, unfassbaren, für den Normalbürger vollkommen unmöglichen Leistungen bezahlt!? Wo war nur dieser Artikel, der zeigte, daß diese 'Manager' alle psychopathisch veranlagt sind...
Ohli 22.07.2009
3. Mensch muss sich entscheiden.
Zitat von sysopZwischen Egotrip und Depression: Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise legt die seelischen Abgründe vieler Führungskräfte bloß. Zu schaffen macht den Managern vor allem die Abwertung ihres Berufsstands in der Öffentlichkeit - und das Eingestehen der eigenen Ohnmacht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,636610,00.html
Mammon und Wahnsinn oder Liebe und Einsicht. Mitleid mit denen, die um das goldene Kalb tanzen?
lemming51 22.07.2009
4. Die Ärmsten
Dass nunmehr, nachdem diese "Führungsfiguren" den Laden vor die Wand gelenkt haben, auch noch gejammert wird, wie schlimm und schrecklich doch Image und Ansehen geworden sind, dass sogar Daumenschrauben angezogen werden,kann in mir nur einen einzigen Gedanken hervorrufen: ab mit dem Gesocks nebst blasierten Familienangehörigen auf den Müll der Gesellschaft. Ja, klar, reines Wunschdenken,.....ich weiß !
indubioproreo 22.07.2009
5. ...
Und morgen auf SPON: Der Journalist: Zwischen Selbsthass und Rachegelüsten. Alle Manager sind Psychopathen, na zum Glück weiß wenigstens SPON wie die Welt tickt. Meinetwegen haben viele Führungskräfte eine Macke, weil normale Menschen sind meistens nicht dazu bereit ihr Leben der Arbeit zu widmen. Und bitte nicht wieder: "für soviel Geld würde ich das auch tun". Man bedenke mal bitte wieviele Manager es gibt und wie viele von denen tatsächlich diese Summen bekommen. Aber zu behaupten sie seien alle psychische Wracks ist mehr als frech. Bedenken Sie in Zukunft bitte Ihre Rolle als Medien, Sie haben einen großen Einfluss auf die Bevölkerung. Bleiben Sie doch bitte Objektiv oder nennen Sie es ein Essay. Einige Artikel auf SPON grenzen an Meinungsmache und Sie wissen wie gerne Menschen dem Mob folgen wenn die Keule geschwungen wird.
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