Deutsche Werkstätten Hellerau Schrankwände zu Luxusyachten

Von , Dresden

2. Teil: "Gestrampelt wie ein Frosch im Milchglas"


Heute sind es Anekdoten, wenn davon erzählt wird, wie die Mitarbeiter seelenruhig auf verzögerte Zulieferungen warteten, weil sie es nicht anders kannten - und damit fast den ersten Auftrag verloren. Damals aber war es bitterer Ernst. "Termine, Kosten, Qualität - all das waren Kriterien, die sie erst mühsam lernen mussten", sagt Straub heute. "Und ich selbst habe mich dabei ertappt, wie ich immer nur die fürchterlichsten Dinge über die Marktwirtschaft erzählt habe - und mich irgendwann fragte, ob das wirklich stimmt."

Was am Anfang allerdings als Nachteil schien, hat das Unternehmen möglicherweise gerettet. Bei den ersten großen öffentlichen Bauvorhaben wurden Straub und seine Leute noch ausgelacht. Im Westen kannte so gut wie keiner die Firma mit dem altehrwürdigen Namen. Deshalb mussten die Mitarbeiter immer wieder von vorne anfangen, neue Ideen entwickeln, Gewissheiten auf den Kopf stellen und das Undenkbare denken - was einfacher geht, wenn das Alte gerade komplett zusammengebrochen ist. "Die Festplatte war leer, man konnte was ganz Neues anfangen", beschreibt Straub die damalige Situation.

Mühsam hangelte man sich von Auftrag zu Auftrag - und wurde langsam von einer Truppe mit "etwas überqualifizierten Handwerkern" zu einem hocheffizienten, innovativen und erfolgreichen Betrieb. Neben den Yachten baut das Unternehmen private Villen aus, aber auch Vorstandsetagen von Unternehmen wie Jägermeister, die Inneneinrichtung Frankfurter Banken oder etwa den ersten Flagship-Store des Luxus-Uhren Herstellers A. Lange & Söhne.

Inzwischen macht das Unternehmen 20 Millionen Euro Umsatz und hat wieder 130 feste und weitere freie Mitarbeiter. Die Hälfte davon wird inzwischen mit dem Innenausbau von Luxusyachten erzielt, derzeit wird etwa eine 120 Meter lange Privatyacht nach den Entwürfen des Designers Philippe Starck gebaut. "Dass wir überhaupt auf diese Idee kamen, haben wir einer ziemlichen Pleite zu verdanken", erzählt Straub. Denn die Deutschen Werkstätten hatten im Auftrag der Deutschen Bahn den Metropolitan ausgebaut. Jenen Luxuszug, der zwischen Köln und Hamburg pendelte - und mangels Wirtschaftlichkeit nach wenigen Monaten wieder eingestellt wurde.

Wunden geleckt - und weitergemacht

Für die Deutschen Werkstätten hieß das: hohe Entwicklungskosten ohne die erwarteten Folgeaufträge. Das sei einer der Momente gewesen, in denen er einfach nicht mehr weitergewusst habe, erinnert sich Straub. "Wir sind nach Dresden zurück und haben unsere Wunden geleckt. Dann ist uns allerdings irgendwann aufgegangen, dass wir etwas Entscheidendes gelernt haben: Bewegliche Räume auszubauen." Ein Gedanke gab den nächsten - und schließlich landete man bei den Lürssen-Werften in Bremen und fragte dort an, ob man nicht den Innenausbau für die dort produzierten Luxusyachten übernehmen könne.

Seit 1996 schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen - mit einem Einbruch zwischen 1999 und 2000. Damals sprang die Hausbank mit großzügigen Krediten ein - "aber auch die Mitarbeiter haben viel geleistet, haben auf Weihnachtsgeld verzichtet und sich krumm gemacht", sagt Straub. In drei, vier Jahren will er bei 100 Millionen Euro Umsatz sein - auch Dank neuer Dependancen in Moskau, Istanbul und Dubai. Eine Klientel, die es sich leisten kann, ihre Villen für Summen zwischen 500.000 Euro und fünf Millionen Euro ausbauen zu lassen.

Wer den ruhigen, mit wachen Augen blickenden Weißhaarigen vor sich sitzen sieht, der ahnt, dass es nicht nur die Mitarbeiter waren, die sich krumm gemacht haben. Straub selbst sagt, er habe "gestrampelt wie ein Frosch", der sich nur aus dem Milchglas gerettet habe, weil vor lauter verzweifeltem Um-sich-Strampeln die Milch zu Butter wurde.

Bis heute gilt der Grundgedanke, nichts für selbstverständlich zu halten und immer wieder Neues dazu zu lernen - und das aus freien Stücken. Erst vor kurzem wurde Straub von seiner Sekretärin darüber in Kenntnis gesetzt, dass sie jetzt zwei Nachmittage in der Woche früher gehen müsse - um ihr Russisch wieder aufzufrischen.



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