Deutschland und Indien Mehr Energie für die Partnerschaft

Lang hatten sich Deutschland und Indien wenig zu sagen. Plötzlich ist alles rosig: Kanzlerin Merkel und ihr indischer Kollege Manmohan Singh beschwören auf der Industriemesse in Hannover die engen Bande zwischen beiden Staaten - und auch eine Zusammenarbeit in der Atomenergie scheint auf einmal möglich.

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Hannover - Deutschland, sagt Angela Merkel in Hannover bei jeder Gelegenheit, habe Indien lange Zeit vernachlässigt. "Aber jetzt soll eine neue Phase der Zusammenarbeit beginnen", verspricht sie Manmohan Singh bei dessen erstem Deutschlandbesuch als indischer Premierminister. Und Singh nutzt jedes Mikrofon, um der Kanzlerin zu versichern, wie wichtig Deutschland für Indien doch sei.

Premier Singh, Kanzlerin Merkel: Von Anfang an sympathisch
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Premier Singh, Kanzlerin Merkel: Von Anfang an sympathisch

Sie mögen sich auf Anhieb, die Kanzlerin und der Premier. Hier die protestantische Ostdeutsche, da der Sikh aus dem Punjab, beide nicht gerade die typischsten Vertreter ihres jeweiligen Volkes, beide erst relativ kurz im Amt. Immer wieder hält Merkel ihren indischen Kollegen freundschaftlich am Arm, plaudert mit ihm auf Englisch, und als beide erstmals vor die Presse treten, stellt sie entsetzt fest, dass der für Singh bereitgelegt Kopfhörer für den Übersetzungsdienst mit einem Bügel hinters Ohr geklemmt werden muss - das aber ist größtenteils vom Turban bedeckt. Singh nimmt es gelassen und hält sich das Gerät einfach ans Ohr. "Funktioniert's?", fragt Merkel besorgt.

Dann sagt sie, die Hannover Messe spiegele das wachsende Interesse an Indien als einem globalen Wirtschaftspartner und biete "eine ausgezeichnete Gelegenheit, die bilateralen wirtschaftlichen Bande zu festigen". Künftig wolle man verstärkt im Bereich Wissenschaft und Forschung zusammenarbeiten sowie im Energiesektor. Der indische Energiebedarf steige durch das rasante Wirtschaftswachstum des Landes stark. Singh nickt und lächelt.

Erst vor wenigen Tagen hatte er gefordert, Deutschland möge - wie auch von den USA angekündigt - im Bereich der Atomenergie mit Indien zusammenarbeiten. Indien, wie der Erzfeind und Nachbar Pakistan im Besitz von nuklearen Sprengköpfen, betont, man sei an der Nichtverbreitung von Atomwaffen interessiert und halte diese Waffe nur aus Abschreckungsgründen. Gleichwohl hat Indien den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag nicht unterschrieben.

Eine Zusammenarbeit in der zivilen Kernenergie halte sie grundsätzlich für denkbar, sagt Merkel nun. "Zuerst müssen wir aber die Entwicklung der Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika abwarten."

"Wir bewundern Indien"

Eigens zur Eröffnung der Messe ist Singh angereist, schließlich ist Indien erstmals seit 21 Jahren wieder offizielles Partnerland. Knapp 350 indische Unternehmer begleiten ihn, zudem die Handels-, Forschungs- und Energieminister sowie unzählige Beamte. Die Botschaft an Deutschland: Wir wollen euch als Partner und bieten dafür einiges auf. Noch nie, sagen indische Offizielle stolz, habe ein Partnerland so viel Fläche auf der Industriemesse beansprucht, nämlich 11.500 Quadratmeter. Mit Schadenfreude verweisen sie darauf, dass Russland - Partnerland im vergangenen Jahr - nur 6000 Quadratmeter eingenommen und mit 150 Unternehmen weniger als die Hälfte des indischen Aufgebots gestellt habe.

Noch sind Deutschland und Indien ungleiche Partner. Im- und Exporte hielten sich im vergangenen Jahr zwar die Waage. Doch während Deutschland nach den USA, Großbritannien und Japan Indiens viertgrößter Handelspartner ist, macht umgekehrt der Handel Deutschlands mit dem südasiatischen Riesenstaat nur etwa 0,5 Prozent des Außenhandels aus. Indien landet damit auf der Liste der wichtigsten Partner der Bundesrepublik nicht einmal unter den ersten 30.

Aber Indiens Wirtschaft boomt und deutsche Unternehmen entdecken einen Milliardenmarkt. Jede Woche, heißt es bei der deutsch-indischen Handelskammer in Mumbai (Bombay), eröffne ein deutsches Unternehmen eine Filiale in Indien. Gleichzeitig investieren auch indische Unternehmen zunehmend in Deutschland. So übernahm erst vor wenigen Wochen der indische Pharmakonzern Dr. Reddy's den Augsburger Generikahersteller Betapharm.

Die neue Indien-Liebe drückt sich auf der Industriemesse auch in Zahlen aus. Deutsche Unternehmen kündigen Investitionen von insgesamt 1,5 Milliarden Euro an. Und die indische Regierung sagt BMW die Genehmigung für ein Werk in Chennai (Madras) innerhalb von sechs Monaten zu. Volkswagen teilt mit, man sei weiter auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein erstes Werk auf dem südasiatischen Subkontinent.

Wachstumsraten von sieben, acht, neun Prozent seien beeindruckend, sagt auch Merkel. "Wir bewundern Indien und die dortige Entwicklung", erklärt die Kanzlerin und entdeckt sogar Beispielhaftes an dem Schwellenland. Deutschland müsse größere Reformanstrengungen unternehmen, um auch wieder Wachstum zu erreichen. "Wenn wir auch nur annähernd die Hälfte der indischen Raten erreichen, dann wäre das sehr erfreulich."



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