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Deutsch-russisches Rohstoffforum: Der tiefe Graben

Von , Dresden

Russlands Vize-Premier Dworkowitsch: Es gibt im Moment Widersprüche" Zur Großansicht
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Russlands Vize-Premier Dworkowitsch: Es gibt im Moment Widersprüche"

Deutsch-russischer Dialog - geht das, in diesen Krisenzeiten? Auf dem Rohstoffforum in Dresden versucht man es, immerhin geht es um die Wirtschaftsinteressen beider Länder. Doch die politischen Differenzen lassen sich auch hier nicht ausblenden.

Das deutsch-russische Wirtschaftsforum beginnt mit einem altbekannten Problem. Während die deutschen Vertreter schon auf dem Podium parlieren, lässt der russische Vizepremier auf sich warten. Mit fünfzehnminütiger Verspätung platzt Arkadi Dworkowitsch in die Konferenz, lächelt in die Runde und nimmt Platz. "Unausrottbar" sei sie, die chronische Unpünktlichkeit der Russen, murmelt ein Deutscher.

Dann versagt auch noch die Technik. Auf dem Podium debattiert man, doch die Übersetzungsgeräte bleiben stumm. Der Dolmetscher kommt aus der Kabine, stolpert an Kamerateams vorbei und beginnt vom Rand der Bühne aus zu übersetzen.

Es ist kein glücklicher Anfang für eine Konferenz, die ganz im Zeichen der Verständigung stehen soll. Das der Beschwichtigung dienen soll, jetzt, da das deutsch-russische Verhältnis nach Moskaus Landnahme auf der Krim mal wieder gestört ist. Wirtschaftssanktionen wurden verhängt und weitere angedroht. Deutsche Investoren haben Milliarden aus Russland abgezogen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Abhängigkeit von Russlands Gas verringern.

Das Bemühen, die Krim-Krise kleinzureden

Auf dem Rohstoffforum in Dresden aber müht man sich, die Krim-Krise kleinzureden. "Wir sprechen vielleicht zwei verschiedene Sprachen", sagt Dworkowitsch. "Aber im Grunde sprechen wir doch dieselbe. Die Sprache der Wirtschaft." Die Tatsache dass er jetzt hier in Dresden sei, zeige, dass es um die russisch-deutschen Beziehungen noch immer gut bestellt sei.

Dworkowitsch gilt als Wirtschaftsliberaler, als gemäßigter Pragmatiker. Er ist 1972 geboren und machte seinen Abschluss an der US-amerikanischen Duke-Universität. Er gehört klar einer anderen Generation an als Wladimir Putin. Und er ist auch optisch ein Gegenentwurf zu Russlands eisernem Präsidenten, der sich gern mit nacktem Oberkörper in der Taiga ablichten lässt. Dworkowitsch dagegen ist ein feingliedriger Mann, modisch gekleidet, ein Manager-Typ, der verbindlich lächeln kann und mit sanfter Stimme spricht.

"Es gibt im Moment Unstimmigkeiten zwischen Deutschland und Russland", räumt Dworkowitsch ein. "Aber keine Konfrontation." Es gehe nicht um Regierungsinteressen, sondern um die Interessen hunderter Millionen Bürger in Russland und Europa, die unter einem Kalten Wirtschaftskrieg bitter leiden würden. Dann skizziert Dworkowitsch, wie der Kreml die russisch-deutschen Beziehungen vertiefen will. Er verspricht Steuererleichterungen für Investoren, die das Abenteuer wagen, in entlegenen Regionen Russlands schwer förderbare Rohstoffe abzubauen.

Kommunikation als Rohstoff

Später wird er knapp eine Million Euro Fördergeld für deutsche Professoren und Forscher ausloben, die bereit sind, Russlands Energiesektor intellektuell voranzubringen. Business as usual, lautet seine durchgängige Botschaft, den ganzen Tag über. Während die Politik streitet, intensivieren die Firmen und Universitäten ihre Zusammenarbeit. Wirtschaft verbindet.

Auch die deutschen Teilnehmer des Forums mühen sich bei jeder Gelegenheit, gemeinsame Werte zu betonen. Schirmherr Klaus Töpfer etwa mahnt, "gesellschaftliche Verantwortung" zu übernehmen und die Sicherheit der Energieversorgung in Europa nicht zu gefährden. Karsten Heuchert, Chef der deutschen Verbundnetz Gas AG, betont, dass auch "Kommunikation ein Rohstoff ist".

Doch dann meldet sich Dworkowitsch noch einmal zu Wort. "Alle Mitglieder der russischen Föderation sind bereit, die Gespräche fortzuführen", sagt er. "Auch die neuen." Er meint damit die Krim.

Viel ist auf dem Podium über gegenseitiges Verständnis geredet worden. Doch wie weit reicht das Verständnis des russischen Vizepräsidenten? Kann er verstehen, dass der Westen in der Krim-Annexion einen Bruch des Völkerrechts sieht?

"Wir sind der Meinung, dass das Völkerrecht eingehalten wurde", sagt Dworkowitsch. Warum man das so sehe, habe Putin gerade in einer langen Erklärung niedergeschrieben. "Wenn Sie eine Stunde Zeit haben, lese ich sie Ihnen gerne vor."

Schatten der Geschichte

Und plötzlich klafft zwischen Deutschland und Russland wieder ein großer Graben. Man spürt das gegenseitige Misstrauen, das gegenseitige Unverständnis über die Worte und Taten des anderen. Es ist ein Graben, der sich mit Stipendien und Gasverträgen zwar an einzelnen Stellen überbrücken lässt, der aber trotzdem nicht zuwächst.

Pawel Sawalnij ist Mitglied der russischen Staatsduma und Prasident der Russischen Gasgesellschaft. Eben auf dem Podium ist er eher leise aufgetreten, jetzt sitzt er in einem Ledersessel im Pressebereich des Kongresszentrums und erzählt von seiner Kindheit. "250 Kinder hatten die Nazis gefangen genommen", sagt Sawalnij. "Weniger als die Hälfte kam zurück. Die anderen wurden getötet." Alte Menschen seien in Minenfelder gejagt worden, seine Eltern hätten ihm das erzählt. "Es war eine grausame Zeit."

Die Revolutionäre in der Ukraine verurteilt Sawalnij als ebenso große Faschisten. "Was müssen die Bürger denken, wenn solche Leute an die Macht kommen?", sagt er. "Vor allem auf der Krim, wo 60 Prozent der Menschen Russen sind." Sie im Stich zu lassen, "wäre einem Verrat gleichgekommen". Nur deshalb sei Russland auf die Krim gekommen.

Es ist eine radikale, historisch teils verzerrte Perspektive, die Sawalnij schildert. Aber sie verdeutlicht, wie weit die russische und die deutsche Sicht auseinanderliegen und wie tief die Verletzungen gehen, auch heute noch. Die Wirkung von wirtschaftlicher Zusammenarbeit ist deshalb begrenzt. "Sie ist gut", sagt Sawalnij. "Denn sie schafft gemeinsame materielle Werte." Darauf lasse sich etwas aufbauen. Die historischen Probleme aber, das tiefe Unverständnis zweier Völker, werde sie niemals heilen.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Realität oder Meinungsmache...?
unistudent 02.04.2014
Mir scheint es eher so, dass es politischen Kräften darum geht, eine solche Realität zu schaffen. Die Wirtschaft selber, scheint dies nämlich ganz anders zu sehen. In der allgemeinen Berichtersattung ist eine anti-russische Haltung klar zu erkennen.
2. Was Dworkowitsch wirklich meint.
Partieller Augentinnitus 02.04.2014
---Zitat--- Es gehe nicht um Regierungsinteressen, sondern um die Interessen hunderter Millionen Bürger in Russland und Europa, die unter einem Kalten Wirtschaftskrieg bitter leiden würden. ---Zitatende--- Es gibt normalerweise in einer Demokratie keinen essentiellen Unterschied zwischen der Bevölkerung und der gewählten Regierung. Und wenn doch, dann kann man seinen Unmut auch äußern. Und deshalb können Investoren ruhig weiter 20 Jahre warten, bis man als minimale Investitionssicherheit z.B. auch auf der Krim richtig demokratisch wählen darf. Und ein 42-jähriges Jüngelchen sollte nicht einmal anfangen, einer ganzen Bevölkerung rassistisch motiviert zu drohen.
3. Irrtum
Ausfriedenau 02.04.2014
Auch SPON hat nicht begriffen, dass- auch bezogen auf die Ukraine - die veröffentlichte Meinung noch lange nicht die öffentliche Meinung ist. Leider hat die veröffentlichte Meinung wie so oft den üblen Beigeschmack der USA-bezogenen A....kriecherei. Selbst Helmut Schmidt sieht das alles ganz anders und Verheugen (!) sagte, es ei ein Tabubruch, mit Faschisten zu verhandeln. Aber die deutschen Medien mit ihren Redakteuren verbreiten ihren Russlandhass und sind nicht in der Lage, sich objektiv mit den Gegenargumenten auseinanderzusetzen. Sie sind nun mal die hinterhältigsten in ganz Europa /(Gorbatschow).
4.
StörMeinung 02.04.2014
Zitat von sysopDPADeutsch-russischer Dialog - geht das, in diesen Krisenzeiten? Auf dem Rohstoffforum in Dresden versucht man es, immerhin geht es um die Wirtschaftsinteressen beider Länder. Doch die politischen Differenzen lassen sich auch hier nicht ausblenden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschland-und-russland-dialog-auf-rohstoffforum-dresden-a-962244.html
Es wäre nett, wenn der Autor Stefan Schultz die Dinge begrifflich besser eingrenzen würde, wie wäre es z.B. mit die "offizielle Sicht der deutschen Regierung", ... dann erweckt dies schon eher den Anschein von Journalismus. Ich finde es nämlich bedenklich, wenn man ständig in gesamt-/großdeutsche Sippenhaft genommen wird. Meine persönliche Sicht und die Sicht der Russen liegen kaum auseinander, und ich bin auch nicht durch die Russen verletzt worden, ... und ich will auch, dass das so bleibt ;-)
5. Das ist nicht korrekt !
RudiLeuchtenbrink 02.04.2014
http://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschland-und-russland-dialog-auf-rohstoffforum-dresden-a-962244.html[/QUOTE] Zwischen den Völkern existiert kein Graben, zwischen den Politikern schon. Wenn aus Foristen "Putinversteher" gemacht werden zeigt sich wie tief der Graben im eigenen Land ist.
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